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Wie Joghurt nach Zentralafrika kam

Inspiriert von einem Aufenthalt in Holland ist die kamerunische Agronomin Judith Ngang in die Produktion von Soja-Trinkjoghurt eingestiegen. Ihre Kund­schaft findet sie heute vor allem in Douala, der grössten Stadt des Landes.

von Alimenta Import

Quietschend öffnet sich das ­Eisentor in Doualas Vorstadt. Judith Ngang empfängt uns mit breitem Lachen und bittet uns herein. Dass in diesem Wohnquartier in Kameruns  Wirtschaftsmetropole ein Lebensmittelverarbeiter produziert, würde man nicht auf den ersten Blick vermuten. Im Hof stehen zwar ein paar Tiefkühltruhen und ein Chrom­stahlbehälter. Ebenso gut könnte dort aber ein Trödler hausen.
Dieser Eindruck ändert sich schnell. Die Agronomin führt uns direkt in den Pro­duktionsraum, wo mehrere weiss gewandete ­Mitarbeiter mit Mundschutz und Mützen ­arbeiten. Dort wird aus kamerunischen Sojabohnen das Trinkjoghurt Sojoy. Der ein­gängige Name ent­stammt ebenso dem Unternehmergeist von Judith Ngang wie die ganze Geschäftsidee an sich.

Monatsproduktion von 4000 Litern
Inspiriert haben sie die Läden in Holland, wo Ngang vor gut zehn Jahren dank einem ­Stipendium studierte. Mit sicherem Instinkt steuerte sie in die Marktnische: In Kamerun wird zwar Soja produziert, aber diese diente bis anhin ausschliesslich als Tierfutter. Also machte sie sich auf den Heimweg und begann in der Küche zu experimentieren. 2006 war ihr Produkt marktreif. Heute beschäftigt ihre Firma Nehsu Foods GmbH sieben Mitar­beiter. Judith ist General Manager und Pro­duktionsleiterin, ihr Mann betreut den technischen Bereich.

Das Trinkjoghurt verkauft Ngang in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen (Ba­na­­ne, Erdbeer, Vanille) und in diversen Verpackungen (Beutel à 16 cl, Flaschen à 25, 33 und 100 cl). Die wichtigsten Verkaufskanäle sind Bäckereien, Läden, Tankstellen-Shops und Fast-Food-Restaurants in Douala. Das Ziel­publikum ist kaufkräftig und städtisch, wie Judith Ngang berichtet. Die 33-cl-Flasche kos­tet ab Rampe 350 CFA-Francs und im Laden rund 450 CFA-Francs. Der Endverkaufspreis entspricht einem Schweizer Franken, womit Sojoy bei Durchschnittslöhnen von 100 bis 200 Franken bis weit in die Mittelschicht unerschwinglich bleibt.

Zurzeit produziert Ngang 4000 Liter Trinkjoghurt monatlich. Dass der Betrieb schnell gewachsen ist, zeigt das Infrastrukturflickwerk. Hier eine Kühltruhe, dort ein Kühlschrank. Im Abfüllraum hat eine weitere Mitarbeiterin Mühe, die Etiketten rasch genug aufzukleben – eine Arbeit, die sie mit Leim und Pinsel erledigt.

Die Jungunternehmerin träumt von einem Kühlraum. Dazu fehlt ihr aber das ­nötige Geld. In ihren kühnsten Visionen stellt sich sich vor, ihn in einem Neubau unter­zubringen. Das Land sei bereits vorhanden. Die finanzielle Basis für ihren Markteintritt bildete ein Mikrokredit von umgerechnet knappp 3000 Franken aus dem EU-Programm Fourmi (Ameise), das spezialisiert ist auf die Unterstützung von Kleinbetrieben in der dritten Welt. Daneben ist sie an einer Selbsthilfeorganisation beteiligt (siehe Kasten).

Der zähe Deckel als Teil des Marketings
Visionen hegt die umtriebige Agronomin auch für ihre Produktlinie. Schon heute verkauft sie neben dem Hauptstandbein Trink­joghurt Sojamilch an Weiterverarbeiter, zum Beispiel an diverse Glacehersteller. Später möch­te sie die Sojamilch auch direkt vermark­ten und deutlich grossflächiger distri­buieren als das Joghurt. Ihr Ziel ist die Herstellung von sterilisierter Milch, die auch bei gros­ser Hitze über längere Zeit gelagert und über weitere Distanz transportiert werden könnte.
Zum Abschluss des Besuchs sind wir zur Degustation eingeladen. Das Fläschchen lässt sich nur unter Einsatz der Zähne öffnen. Laut Ngang ist dies wichtig: «Wenn die Flasche sich nur mühsam öffnet, vermittelt das den Kunden Sicherheit, weil sie sehen, dass das Produkt gut versiegelt ist.» Das Geschmackserlebnis ist positiv. Nur der Kenner könnte das Sojajoghurt in dieser gesüssten und aromatisierten Form vom Original aus Kuhmilch unterscheiden. Gleichzeitig sei es deutlich gesünder, schwärmt Ngang. Diese Anpreisung mag in einem Land, in dem die Ernährung für einen Grossteil der Bevölkerung mehr als die Hälfte des Budgets verschlingt, merkwürdig klingen. Doch Ngang ist überzeugt, dass sich auch in Kamerun in wachsenden Konsumenten­schich­ten ein Gesundheitsbewusstsein ent­wickeln wird.