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Meh Dräck! – zuviel Hygiene fördert Allergien

Die Allgegenwart verarbeiteter Speisen, Luftverschmutzung, erhöhter Stress, Rauchen und eben übertriebene Hygiene sind gemäss der Uni Montreal Ursachen des Allergie-Booms.

von Foodaktuell Importer




Gemäss einer von Fachleuten vertretenen Theorie fehlen heutzutage dem Immunsystem immer öfter die Herausforderungen in Form von Mikroben, worauf es den eigenen Körper zu provozieren beginnt. Abhilfe schafft wohl der Appell «meh Dräck» von Rockmusiker Chris von Rohr, der im 2004 zum Wort des Jahres in der Schweiz gewählt wurde und heute ein Kultslogan ist. Ob er dies zum Nutzen der Allergieverhütung meinte, ist noch Gegenstand von Recherchen. Notabene: von Rohr unterstützte daneben mit dem abgewandelten Slogan «Weniger Dräck» Greenpeace bei diversen Anlässen, zum Beispiel durch die Erstunterzeichnung einer Petition für die Beseitigung von Roche-Deponien in der Schweiz.

All zuviel Sauberkeit trägt dazu bei, dass Menschen krank werden. Das behauptet der Mediziner Guy Delespesse von der Universität Montreal (http://www.umontreal.ca). “Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Ausmass der Hygiene und dem Auftreten von Allergien und Autoimmunerkrankungen”, so der Immunologe. Je steriler das Umfeld eines Kindes ist, umso höher sei auch das Risiko, dass es später an einem dieser Krankheitsbilder leide.

Die Zahl der Allergiker hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Betrug ihr Anteil 1980 noch zehn Prozent der Bevölkerung westlicher Industriestaaten, so sind es heute fast 30 Prozent. “Der Anstieg betrifft jedoch nicht nur die Fallzahlen, sondern auch der Schweregrad der Fälle”, betont Delespesse. So sei die Sterblichkeitsrate von dem meist allergisch bedingten Asthma, an dem heute jedes zehnte Kind leidet, allein von 1980 bis 1994 um 28 Prozent gestiegen.

Sehr viele Faktoren dürften hinter diesem deutlichen Anstieg stecken, neben der Familiengeschichte etwa auch die Luftverschmutzung, die Allgegenwart verarbeiteter Speisen, erhöhter Stress oder Verhaltensweisen wie Rauchen. Der kanadische Allergieforscher zählt jedoch auch den ausbleibenden Kontakt des Menschen mit Bakterien dazu. “In den Regionen, in denen die sanitären Bedingungen gleich geblieben sind, stiegen das Vorkommen von Allergien und entzündlichen Erkrankungen nicht an”, so Delespesse.

Risiko steigt mit Bildung

Einerseits würde die heute zunehmend sterile Umgebung dazu führen, dass das Immunsystem keine schädlichen Bakterien mehr abwehren muss und an Beschäftigungsmangel leidet. “Der Körper richtet sich dann gegen sich selbst oder nicht-schädliche Erreger, was zu Autoimmun-Erkrankungen und Allergien führt”, erklärt Delespesse. Andererseits beseitige eine übertriebene Hygiene auch nützliche Mikroorganismen, wodurch die Darmbakterienflora weit kleiner und weniger vielfältig sei.

Für diese Ansicht könnte auch die Tatsache sprechen, dass Kinder aus Familien mit höherem Status häufiger von Allergien betroffen sind. “Der höhere Bildungsstand der Eltern führt vermutlich zu einer geringeren Kinderzahl und mehr Hygiene, weshalb die Infektionshäufigkeit abnimmt. Seltenere Infektionen erhöhen jedoch das Allergierisiko”, erklärt Albrecht Bufe von der Gesellschaft für pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (http://www.gpaev.de).

Joghurt gegen Allergien

Manche Ärzte empfehlen daher Eltern, Kindern bei harmlosen Infekten Zeit der Ausheilung zu gewähren statt unkritisch Antibiotika oder Fiebersenker zu verabreichen. Delespesse rät werdenden Müttern den Konsum von Probiotika-Joghurts im letzten Schwangerschaftsdrittel. Laut Studien verringert die dadurch verbesserte Darmflora das Risiko für die Entstehung von Allergien um die Hälfte. Die Empfehlung dürfte nicht von ungefähr kommen – Delespesse ist in einem Nebenberuf Berater der kanadischen Molkereiindustrie (pte)