Datum:

Erfolg trotz Innovationsmangel

Seit 1890 werden in Tunnock’s Bakery Biscuits produziert und seit ­Jahrzehnten blieb das Sortiment fast unverändert. Trotzdem gehört die Firma zu den erfolgreichsten Lebensmittelunternehmen Schottlands.

von Alimenta Import

Ende des 19. Jahrhunderts gründete Thomas Tunnock das traditionelle Familienunternehmen im schottischen Uddingston bei Glasgow. Bis 1950 betrieb die Firma eine Bäckerei und handelte mit Konditoreiwaren. Im folgenden Jahrzehnt wurden vier neue Produkte entwickelt, welche bis heute mit derselben Sorgfalt nach traditionellem Rezept hergestellt werden. Diese erfolgreichen Produkte bestehen einerseits aus abwechselnden Waffel- und Karamellschichten, überzogen mit Schokolade (Caramel Wafers und Caramel Logs) und ­andererseits aus mit Milchschokolade umhüllten Marshmallows mit oder ohne Biscuit (Tea­cakes, Snowballs).

Familiäre Atmosphäre wurde bewahrt

Auch wenn die Thomas Tunnock Ltd. mittlerweile rund 550 Mitarbeiter beschäftigt, ist das familiäre Klima gut zu spüren. Vorbildliche Vorgesetzte und ein Gefühl der Familienzu­gehörigkeit erhöhen die Motivation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, was sich positiv auf deren Produktivität, Sorgfalt und Arbeitsfreude auswirkt. Nicht zuletzt aus diesem Grund erfreuen sich die Produkte steigender Nachfrage.
Mit der heutigen Wochenproduktion von fünf Millionen Stück Caramel Wafers, drei Millionen Teacakes und einer Million Caramel Logs hat die Produktion ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Für weiteres Wachstum steht dem Unternehmen an seinem traditionellen Standort kein Platz mehr zur Verfügung. ­Unter anderem ist dies auf das organisch gewachsene Layout der Fabrikation zurückzuführen, welche viel Platz über mehrere Etagen in Anspruch nimmt. Für eine Kapazitätssteigerung müsste der Produktionsablauf grundlegend neu konzipiert werden.

Interne Herstellung der Halbfabrikate

Passend zum Gesamterscheinungsbild der Firma nutzt sie in der Produktion klassische Technologien. Um der Nachfrage gerecht zu werden, wird in drei Schichten an fünf Tagen pro Woche fabriziert. Besonders stolz ist das Familienunternehmen, dass von der Schokolade über die Waffel bis hin zum Karamell und der Marshmallowfüllung alles intern produziert wird. Beim Rundgang durch die Produktionsräume entdeckt man Halbfabrikate wie geröstete Kokosraspeln oder Kakaobutter, Zucker, Milchpulver und weitere Zutaten, die zu einer Schokoladenmasse zusammengemischt werden. Zur Herstellung der Halbfabrikaten werden Anlagen mit aus­reichender Kapazität benötigt. Tunnocks stellt beispielsweise pro Woche 100 Tonnen Caramel beziehungsweise Schokolade her. Während die Caramel Wafers für Gross­britannien traditionellerweise mit einer Einschlagmaschine verpackt werden, muss die Exportware mit einer horizontalen Schlauchbeutelmaschine versiegelt werden. Dadurch kann die Haltbarkeit der Wafers von etwa vier auf acht Monate verlängert werden. Die Anlagen haben eine Leistung von ungefähr
400 Riegeln pro Minute.

Erfolg dank Innovationslosigkeit
Innovationen und neue ­Marketingstrate­gien gibt es kaum: Das Sortiment, die Rezeptur und das Verpackungsdesign sind seit ­Jah­ren unverändert und somit dem Geschmack
der traditionsbewussten Kundschaft treu ge­blieben.
Auch international kommen die Tunnocks-Produkte gut an. Nachdem der Export nach Kanada im Jahr 1957 Premiere feierte, werden die schottischen Spezialitäten mittlerweile in weltweit 30 Länder auf sechs Kontinenten ­geliefert. Der Exportanteil beträgt rund 20 Pro­zent des Gesamtumsatzes.
Auf die Frage, ob die Thomas Tunnock Ltd. die Krise oder wachsende Konkurrenz ­gespürt hat, antwortet Brendan Bradwood, Leiter der Abteilung Qualitätssicherung, selbstbewusst: «Nein, weil wir die Besten sind!» Diese Meinung widerspiegelt das Erfolgsrezept des Unternehmens. Auf einem schnelllebigen Markt mit ständigen Innova­tionen und Änderungen wünschen sich die Konsumenten scheinbar ein gleichbleibendes, seit Jahrzehn­ten unverändertes Produkt. Dank der Tradition können sie sicher sein, dass der schottische Lieblingsriegel stets dieselbe Zusammen­setzung, Qualität und denselben Geschmack aufweist. Ständige Innova­tionen und Verbesserungen sind nicht im ­Interesse der Kundschaft von Tunnocks Produkten. Der Absatz konnte auch ohne teure Fernsehwerbung gesteigert werden, was in dieser Branche eher ungewöhnlich ist.
Doch ganz ohne Innovationen kommt auch die Thomas Tunnock Ltd. nicht aus: Voller Stolz präsentiert die Leitung ihr neustes Produkt: den Caramel Wafer in Miniformat, verpackt in einer Plastikdose. Es scheint die Devise zu herrschen: Was der Schotte nicht kennt, isst er nicht.