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Die BMS öffnet viele Türen

Das Bildungsmodell erlaubt es den Lernenden, während oder nach ihrer Ausbildung die Berufsmittelschule zu besuchen. Ein Schritt hin zu fast unbegrenzten Berufsmöglichkeiten

von Alimenta Import

Die Berufsbildung ist der Trumpf der Schweizer Wirtschaft, selbst wenn von Zeit zu Zeit die Forderung laut wird, vermehrt auf das universitäre Studium zu setzen. Der Kern des Berufsbildungssystems ist seine Durchlässigkeit.

Allen, die eine Berufslehre abgeschlossen haben, stehen verschiedenste Varianten ihrer Laufbahngestaltung ­offen. Sei es, den Weg der Berufsprüfung einzuschlagen, um ihn anschliessend mit der höheren Fachprüfung zu krönen. Oder sei es, eine höhere Fachschule zu besuchen. Immer mehr Lehrabgänger entscheiden sich jedoch für die Berufsmaturität (BM). Im Jahr 2008 haben insgesamt 12 Prozent der Lehrabgänger die BMS absolviert. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es total 7,8 Prozent, im Jahr 1994, als das BMS-System eingeführt wurde, nur 0,3 Prozent.

Im letzten Jahr haben 117 Frauen und Männer mit Berufen des Nahrungsmittelsektors die BMS erfolgreich abgeschlossen. Ihnen stehen die Türen zu einem ­Bachelorstudium an einer der Fachhochschulen offen, prüfungsfrei.

Sehr durchlässig
Die Durchlässigkeit des Systems zeigt sich in einer ersten Phase darin, dass nicht jede Berufsmaturandin und jeder Berufsmaturand mit einer entsprechenden Berufsausbildung auf ein Studium der Lebensmittelwissenschaften hinarbeitet: Im letzten Jahr haben beispielsweise 51 gelernte Bäcker/Konditorin­nen die Berufsmatura der kaufmännischen Richtung abgeschlossen. Dies entspricht fast der Hälfte aller Abgänger des Sektors.

Allen Berufsgattungen stehen sämtliche der sechs Richtungen offen; die technische, die gewerbliche, die gestalterische, die kaufmännische, die gesundheitlich-soziale und die naturwissenschaftliche. «Je länger es nach der Berufslehre dauert, bis die BMS begonnen wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Ausrichtung geändert wird», hat Anton Rudin vom Bundesamt für Statistik festgestellt.

Naturwissenschaftlich oder technisch

Wird ein Studium der Lebensmittelwissenschaften ins Auge gefasst, empfiehlt Daniel Reumiller, Leiter des Studiengangs Food ­Science & Management an der Schweizeri­schen Hochschule für Landwirtschaft, entweder die naturwissenschaftliche oder die technische BMS zu absolvieren. Mit den übrigen vier Richtungen ist dieses Studium zwar auch möglich, aber: «Der Aufwand ist grösser.»

Die BMS kann lehrbegleitend zur Ausbildung absolviert werden. Bruno Leuenberger ist ­einer, der die sogenannte BMS 1 parallel zu seiner Lehre zum Milchtechnologen absolviert und sie im letzten Sommer erfolgreich abgeschlossen hat. Der Vorteil der BMS 1: Der Zeitgewinn. Ihr Nachteil: Grosser zusätzlicher Lernaufwand. Und es braucht einen Lehrbetrieb, der bereit ist, die Auszubildende oder den Auszubildenden zusätzlich rund einen halben Tag mehr in der Schule zu wissen.

Als Alternative bietet sich die BMS 2 an. Nicole Trümpi ist eine, die sie absolviert. Die BMS 2 beginnt nach der abgeschlossenen Berufslehre und dauert normalerweise ein Jahr. Ihr Vorteil: Volle Konzentration auf die Berufsmatura. Ihr Nachteil: Ein Jahr ohne finanzielles Einkommen.

Der Lehrplan der BMS beinhaltet vorwiegend allgemeinbildende Fächer. Dazu gehören zwei Landessprachen, Englisch, Mathematik, Chemie, Physik, aber auch Geschichte und Wirtschaftsfächer. Gerade für gute Schüler der Volksschule bietet sie eine gute Gelegenheit, das Gelernte zu vertiefen.

Nur die Hälfte geht an die Fachhochschule

Dass das System durchlässig ist, zeigt sich ebenfalls darin, dass nur noch rund die Hälfte aller, die die Berufsmaturität schaffen, auch an einer Fachhochschule oder an einer Hochschule weiter studieren. «Der Rest kehrt ins Berufsleben zurück oder schlägt den Weg der höheren Berufsbildung ein», hat Statistiker Anton Rudin analysiert. Das ist die zweite Phase der Durchlässigkeit. Den Berufsmaturanden steht es aber auch offen, die Passarellenprüfung zu absolvieren, um direkt an einer Universität oder an der ETH zu studieren. Dieses Angebot wird aber höchst selten genutzt.

Mehr und mehr treffen die BMS-Absolventen an den Fachhochschulen auf Leute mit einer gymnasialen Matura. Anstelle der Berufslehre haben sie nach dem Gymnasium ein einjähriges Praktikum absolviert, um aufgenommen zu werden. An der SHL ist es gesamthaft rund ein Drittel, im Fachbereich Food Science sind es bloss 20 Prozent, sagt Daniel Reumiller.

Obwohl oft zum Thema ­gemacht, möchte er die beiden Vorbildungen nicht gegeneinander ausspielen, denn beide hätten ihre Vorzüge: Die Berufsmaturanden könnten von ihrem Fachwissen profitieren, während die Gymnasiasten meist äusserst motiviert ins Studium einstiegen, hat er beobachtet. «Sie wissen, was sie wollen.»

Dass Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen über wenig Praxiserfahrung und Fachwissen verfügen – einer Feststellung, die von Arbeitgeberseite öfter zu hören ist –, stimmt Reumiller nur bedingt zu. In einem Bachelorstudium gehe es primär darum zu lernen, Zusammenhänge zu verstehen und Themen vernetzen können, um sich rasch in einem neuen Umfeld zurecht finden zu können.

Denn: «Ziel ist es nicht mehr, überaus viel Fachwissen zu erlangen, sondern das mehrdimensionale Denken. Die Halbwärtszeit des Wissens ist inzwischen minimal.»

Weitere Infos unter:
www.bbt.admin.ch, www.berufsbildungplus.ch