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Wie das Grollen eines herumirrenden Bärs…

Replik von Manuel Fischer, alt Alimenta-Redaktor, auf Valentin Oehens «Esst mehr Butter und Käse!»

von Alimenta Import

Valentin Oehens Appell zu mehr Butter- und Käsekonsum tönt wie das Grollen eines herumirrenden Bärs aus einer andern Zeit, der gerade aus dem Winterschlaf erwacht ist. Oder hat der posthum verehrte General Guisan noch eine verspätete Durchhalteparole an die Nation richten wollen? Doch zu seinen Argumenten: In der Tat ist ein Markt immer auf zwei verschiedene Arten ins Gleichgewicht zu bringen. Entweder die Angebotsmenge (in vorliegenden Fall der Rohstoff Milch) wird verringert, um ein höheres Preisniveau halten zu können, eine Strategie, die manche Bauern einschlagen wollen, möglichst via private Kontingentierung und Strafzahlungen für diejenigen, die mit dem weissen Rohstoff expandieren wollen. In einem (fast ganz) geöffneten Lebensmittelmarkt für Milchprodukte haben sich Schweizer und europäische Konsumenten schon längst entschieden, was sie wollen: Möglichst viel Vielfalt zu einem möglichst tiefen Preis.

Ohne gross in statistische Details zu gehen, sollte Valentin Oehen eigentlich wissen, dass der pro-Kopf-Verbrauch an Milchprodukten (Käse, Frischprodukte, Milchdauerwaren) anno 2010 in Milchäquivalenten sicherlich höher ist als zu Zeiten des 2. Weltkriegs. Schliesslich hat sich die Bevölkerung der Schweiz von damals weniger als 5 Mio. auf über 7,7 Mio. Einwohner ausgeweitet. Auch der pro-Kopf-Käsekonsum ist mit gut 20 kg hat sich gegenüber früheren Generationen massiv höher ausgeweitet. Und welcher Produktionsvorgang erzielt beim Milchverbrauch die grösste Hebelwirkung via Milchverbrauch höher als bei der die Verkäsung? Auch bezüglich Joghurt-Konsum besetzen die Schweizer weltweit die vordersten Ränge.

Nicht die Bedeutung der Milchwirtschaft ist in der Schweiz geringer geworden, sondern die Konsummuster haben sich radikal geändert. Während moderne Molkereiunternehmen diesen Puls jeden Tag am Markt spüren, dreht Oehen das Rad zurück in die Tage der Kriegswirtschaft. Antreten zum Butter aufs Brot streichen und Konsummilch trinken! Es ist erstens keineswegs erwiesen, dass der massive Konsum von pasteurisierter Trinkmilch durch Erwachsene gesund und natürlich ist. Ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung mit Milchunverträglichkeiten kann davon ein Lied singen. Ausserhalb der Alpenregion ist das Trinken von rauen Milchmengen eine, in historischen Dimensionen gesehen, kurzes Phänomen gewesen. Zwar Zweitens trifft es zu, dass das Milchfett dank seiner Inhaltsstoffe weitgehend rehabilitiert worden ist. Eine bewegungsarme Gesellschaft ist aber gut beraten, die Gesamtmenge an konsumierten Fetten einzuschränken, vermehrt auf die Qualität von Speiseölen und –fetten zu achten und ungesunde verarbeitete Fette (Transfettsäuren) zu meiden.

Schliesslich liegt die Lösung für die Schweizer Milchwirtschaft mit guten natürlichen Ausgangsbedingungen in der Produktion und anerkanntem Know-how in der Verarbeitung auf den Exportmärkten, in der weiteren Veredelung (des Proteingehalts der Milch) und notabene in innovativen Geschäftsmodellen. Höchste Zeit, dass kleine wie grosse Akteure der Schweizer Milchbranche Osteuropa und Ostasien erschliessen. Und als urbaner Geniesser weiss ich die Vielfalt des nährstoffreichen weissen Safts durchaus zu schätzen, aber ich lasse mir die Konsumform nicht vorschreiben. Milch in flüssiger Form, nein danke, ausser sie wird mir ins Cappuccino schön aufgeschäumt!