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Die Ansichten des Peter Brabeck

Während in der Schweiz über Leitungs- und Mineralwasser diskutiert wird, drohen in vielen Regionen des Globus das Grundwasser und mit ihm die Nahrungsmittel auszugehen. So sieht es der Nestlé-Präsident.

von Alimenta Import

Mineral- und Leitungswasser sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Diesem Credo hat sich die ­Interessengemeinschaft (IG) Mineralwasser verschrieben und kämpft seit ihrer Gründung vor einem Jahr dafür. Zwar ist ein Verbot von Wasser in PET-Flaschen vorerst vom Tisch, ­jedoch weht den Mineralwasser-Produzenten aus anderer Richtung ein rauer Wind ent­gegen.
Drei der vier grössten Konsumentenschutzorganisationen der Schweiz fordern dazu auf, auf «teures» Mineralwasser zu verzichten und statt dessen Hahnenwasser zu trinken. Ihre Argumente: Eine Flasche Mineralwasser koste etwa 250 bis 300 Mal mehr als Hahnenwasser. Neben dem Transport ver­ursache Mineralwasser einen hohen öko­lo­­gischen Aufwand bezüglich Verpackung. Trotz hohen Recyclingraten von Glas- und PET-­Flaschen sei das Hahnenwasser dem Mineral­wasser ökologisch überlegen: Hahnenwasser benötigt schätzungsweise 500 bis 1000 Mal ­weniger Energie als Flaschenwasser, bis es trinkbereit im Haushalt oder im Restaurant sei. Die Qualität sei dabei durchaus vergleichbar.

«Leitungswasser ist nicht gratis»
Mit dieser Argumentation ist Christophe ­Darbellay ganz und gar nicht einverstanden. «Leitungswasser ist nicht gratis», ist der Präsident der IG Mineralwasser und CVP-Präsident überzeugt. An einem Sessionsanlass, der kürzlich in Bern stattfand, erhielt Darbellay Schützenhilfe von Nestlé-Verwaltungsrats­präsident Peter Brabeck. Brabeck bekräftigte, dass Mineralwasser kein Marketinggag unse­rer Zeit ist, sondern zu den ersten funktionel­len Nahrungsmitteln gehört. «Für verschiedene Krankheiten gab es bestimmte Quellen, deren Wasser half, die Leute zu heilen.» Um diese Quellen zu schützen, wurden schon früh Gesetze erlassen. Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass gerade nach Katastrophen Flaschenwasser essenziell sein kann: Sei es jüngst in Polen und China nach den Überschwemmungen oder sei es in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben.
Nestlé Waters ist der weltgrösste Wasserhändler. «Trotz unserer Grösse verbrauchen
wir nur 0,0009 Prozent von allem Wasser, das konsumiert wird», meinte Brabeck. Zum Grund­satz des Handels mit Wasser gehört, dass es nach dem Abfüllen im Umkreis von maximal 250 Kilometern transportiert wird. Ausge­nommen von dieser Regelung sind die «Cham­pagner» der Mineralwasser, zu denen Marken wie San Pellegrino oder Perrier gehören.

Von der Wasser- zur Nahrungsmittelkrise
Viel lieber als von den Champagnern der Mineral­wassermarken spricht Peter Brabeck aber von der globalen Wassersituation. «Die Schweiz hat kein Wasserproblem, aber sie kann auch nicht desinteressiert wegschauen, wenn anderswo Wassermangel herrscht.» Der vermeintliche Wasserüberfluss mache deutlich: Jene, denen anderswo auf der Welt
das Wasser auszugehen drohe, litten deshalb Hunger. Die sich abzeichnende weltweite Wasserkrise könnte zu einer eigentlichen Nahrungsmittelkrise werden, weil das Wasser zum Anbau von Lebensmitteln ausgehe.

Die 2030 Water Resources Group hat sich diesen Themen vor zwei Jahren angenommen und im letzten Jahr erste Thesen veröffent­licht. Ihr gehören neben Nestlé-Unternehmen wie Barilla, Coca-Cola, die Brauerei SAB Miller oder der Agrarkonzern Syngenta an. Untersucht wurde die Situation in Indien, China, Südafrika und im Grossraum Sao Paulo. Die Forscher kamen zum Schluss, dass in allen Gebieten bis in 20 Jahren riesige ­Versorgungslücken an Wasser drohten. Vorsorgemassnahmen, hauptsächlich der Landwirtschaft, könnten die Situation entschärfen. In Indien beispielsweise müssten 6 Milliarden Dollar investiert werden, um die Wasser­versorgung sicherzustellen. Gemessen an den jetzigen Massnahmen sei dies ein kleiner Betrag, meinte Brabeck. 

Zusatzkonsum soll kosten
Eine weitere Massnahme im Kampf gegen die Wasserknappheit: Das Wasser für den Grundbedarf muss für alle Menschen, die es nicht bezahlen können, kostenlos bleiben. Für andere, über den Grundbedarf hinausgehende Zwecke wie Auto waschen, Rasen sprengen, für den Pool, aber auch für Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft werde Wasser hin­gegen zum kommerziellen Gut. Damit würde auch der anhaltenden Landspekulation, unter anderem in Afrika, Einhalt geboten. Heute kaufen Investoren aus aller Welt Agrarland und erhalten damit das dazugehörige Wasser gratis. Wie lässt sich vermeiden, dass die ­einheimische Bevölkerung dadurch plötzlich ohne Wasser dasteht? «Zunächst steht dies in der Verantwortung der lokalen Regierung. Aber auch auf internationaler Ebene müssen wir gewisse Leitplanken abstecken, beispielsweise über die Uno. Für Direktinvestitionen aus dem Ausland hat jedes Land seine spezifischen Gesetze. Ebenso muss es künftig Gesetze für Landkäufe durch Ausländer ­geben. Das wäre nichts Neues; das gibt es in der Schweiz, in Europa, in den USA und es gibt es in den meisten Entwicklungsländern», sagte Peter Brabeck gegenüber «Alimenta».