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Die Globalisierung spart Wasser

Das Regeln von Angebot und Nachfrage ist bei Wasser nicht mehr nur das Problem eines bestimmten Einzugsgebietes; der Umgang mit den Wasserressourcen ist vielmehr zu einer weltweiten Herausforderung geworden.

von Alimenta Import

Zahlreiche Waren, die in einem Land verbraucht werden, werden im Ausland produziert. Der Konsum in einem Land hat Auswirkungen auf Wassersysteme in anderen Teilen der Welt an den verschiedenen Standorten, an denen die ­Produktionsprozesse stattfinden. Das macht die meisten Länder in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten von Wasserressourcen in anderen Teilen der Welt abhängig.
Der Wasser-Fussabdruck ist ein Indikator für die direkte und indirekte Nutzung von Wasser eines Verbrauchers oder Produzenten. So wird der gesamte Wasser-Fussabdruck der Niederlande auf etwa 2300 Kubikmeter pro Kopf und Jahr geschätzt. Davon entfallen 67 Prozent auf den Verbrauch landwirtschaftlicher Güter, 31 Prozent auf den Verbrauch von Industriegütern und zwei Prozent auf die Verwendung von Brauchwasser. Über 89 Prozent des Wasser-Fussabdrucks der Niederlande ist extern. «Der externe Wasser-Fussabdruck der niederländischen Verbraucher hat spürbare Auswirkungen an bestimmten Orten, vor allem in Regionen mit gravierender Wasserknappheit», sagt Winnie Gerbens-Leenes von der Universität Twente in den Niederlanden.

Blau, grün und grau
Sowohl der Wasser-Fussabdruck für die ­Produktion als auch für die Versorgung und Zulieferung wird in drei Arten von Wasser aufgeteilt: blaues, grünes und graues Wasser. Das blaue Wasser ist das Volumen des frischen Bewässerungswassers, das von den Blauwasser-Ressourcen wie Oberflächengewässer und Grundwasser verdampft. Der Grünwasser-Fussabdruck ist das Volumen des Süsswassers, das aus im Boden gespeichertem Regenwasser in Form von Bodenfeuchtigkeit verdampft. Der graue Wasser-Fussabdruck ist das Volumen des verunreinigten Wassers, theoretisch berechnet nach der Wassermenge, die er­forderlich ist, um die Schadstoffe so stark zu verdünnen, dass die Qualität des Wassers ver­einbarten Qualitätsstandards entspricht. Das ­Volumen des Wassers, das in den Früchten enthalten und dadurch gespeichert ist, wird vernachlässigt.

Virtuelles Wasser
Der Konsum-Umfang sowie Umfang, Art und Produktionsbedingungen sind die entscheidenden Einflussfaktoren des Wasser-Fussabdrucks. Die Produktion ist vor allem durch das Klima, die angewandte Produktionstechnik und die Wassereffizienz bestimmt, erklärt Gerbens-Leenes. Der Wasser-Fussabdruck der Ernte ist der Wasserverbrauch (in m3/ha) je Ertragseinheit (in t/ha). Der Wasser-Fussabdruck eines Tieres ist die Summe von Wasser für Futtermittel, Tränken und Produktion.
Der Wasser-Fussabdruck wird auch als virtuelles Wasser bezeichnet. «Der globale Handel mit Waren und Dienstleistungen führt zu weltweitem Handel mit virtuellem Wasser», so Gerbens. «Viele Nationen speichern heimische Wasserressourcen durch die Einfuhr von wasserintensiven Produkten und die Ausfuhr weniger wasserintensiver Waren.»

28 Prozent eingespart
Die Gesamtmenge des Wassers, die in den ­importierenden Ländern nötig wäre, wenn alle eingeführten landwirtschaftlichen Erzeugnisse im Inland hergestellt worden wären, ­beläuft sich auf 1,605 × 109 m3/Jahr. Diese Produkte wurden mit nur 1,253 × 109 m3/Jahr in den Exportländern hergestellt und spar­-
ten so globale Wasserressourcen in Höhe von 352 Milliarden (109) m3/Jahr. Diese Einsparung entspricht 28 Prozent des internatio­nalen virtuellen Wassers oder sechs Prozent der globalen landwirtschaftlichen Wasser­nutzung. Der gesamte internationale Fluss von virtuel­lem Wasser von 1997 bis 2001 betrug 16 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs. Gerbens-Leenes betont: «Der Import von vir­tuellem Wasser wird noch nicht von vielen Ländern mit Wasserknappheit genutzt. Die Einsparungen könnten noch viel höher sein.»

Entscheidungsträger nicht interessiert
«Die nationalen politischen Entscheidungsträger sind nicht an globalen Wasser-Einsparungen interessiert, sondern am Status der ­nationalen Wasserressourcen», sagt Gerbens-Leenes. Als Beispiel erzählt sie, dass Ägypten durch die Einfuhr von Weizen 3,6 Mrd. m3 Wasser pro Jahr spart. «Wasser zur Herstellung von Exportgütern zu verwenden, kann von Vorteil sein, wie zum Beispiel in Ghana und Brasilien, wo die Verwendung von ‹grünem Wasser› für die Produktion von Exportkulturen einen positiven Einfluss auf die Volkswirtschaft hat.»
Andererseits drückt der Export von 28 Mrd. m3 Wasser/Jahr in Thailand in Reis zusätzlich auf die Ressourcen an «blauem Wasser». «Virtuelles Wasser fliesst nicht nur über die nationalen Grenzen, sondern auch innerhalb eines Landes», sagt sie. «Derzeit werden in China 550 Milliarden m3 Wasser pro Jahr genutzt. Der errechnete Wasser-Transfer von Süd- nach Nord-China liegt zwischen 40 und 50 Milliarden m3 pro Jahr.»

Biomasse hinterlässt grossen Abdruck

Die landwirtschaftliche Erzeugung von Biomasse für Lebensmittel und industrielle Rohstoffe beansprucht nach Gerbens-Leenes etwa 86???Prozent des weltweiten Süsswasserverbrauchs. «Der Wasser-Fussabdruck von Energie aus Biomasse ist 70 bis 400 Mal grösser
als der Wasser-Fussabdruck anderer Primär-­Energieträger, ausgenommen Wasserkraft», sagt sie. «Es ist effizienter, Strom zu erzeugen als Biokraftstoff oder Ethanol zu produzieren.» Im Energiebereich sei der gewogene durchschnittliche Wasser-Fussabdruck für Bio-Strom aus der gesamten Ernte um den Faktor zwei bis vier kleiner als für Bio-Ethanol oder Biodiesel, die nur aus Zucker, Stärke oder Öl hergestellt werden.
   
Kaffee benötigt viel Wasser
Wertmässig betrachtet ist Kaffee weltweit das am meisten gehandelte landwirtschaftliche Produkt. Die Herstellung von Kaffee benötigt viel Wasser. Das Trinken einer Standard-Tasse von 125 ml Kaffee benötigt in den Niederlanden etwa 140 Liter Wasser, den grössten Anteil davon der Anbau der Kaffeepflanze. Der gesamte niederländische Kaffeekonsum erfordert etwa 2,6 Mrd. m3 Wasser pro Jahr. Dies entspricht einem Drittel des Wasservolumens, das jährlich in Bern durch die Aare fliesst.
Auf die Niederlande entfallen 2,4 Prozent des Welt-Kaffee-Verbrauchs. Die gesamte Welt­bevölkerung benötigt etwa 110 Milliarden ­Kubikmeter Wasser pro Jahr für ihren Kaffee-Genuss. Dies ist das 15-Fache des jährlichen Aare-Abflusses. Zum Vergleich: Die Produktion einer Tasse Tee benötigt im Durchs­chnitt 35 Liter Wasser. Gerbens-Leenes: «Die Verbraucher tragen indirekt zu Ausbeutung und Verschmutzung von Wasser an anderer Stelle bei, ohne dass die Kosten gedeckt werden. Wasser hat sich zu einer geopolitischen Ressource entwickelt.»