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Swissness: Deal zwischen Industrie und Bauern?

Die fial fordert die alternative Anwendbarkeit eines Wert- oder Gewichtskriteriums von je 60% und prüft einen Deal mit dem Bauernverband: je nach Verarbeitungsgrad 60% bzw 80%.

von Foodaktuell Importer

Bei stark verarbeiteten Produkten wie Biscuits und Zuckerwaren ist die Rohstoffherkunft kein zentrales Swissness-Kriterium mehr sondern das Schweizer Knowhow steht im Vordergrund. Die Swissness-Auslobung soll für solche Produkte gemäss fial bei mind. 60% Wertschöpfung in der Schweiz möglich sein.

Seit dem 25. März 2010, als die Anhörungen
in der Rechtskommission des Nationalrates (RK NR) stattfanden,
hat sich auf parlamentarischer Ebene wenig bewegt. Die RK NR hat das Geschäft von Ende April auf anfangs
September verschoben. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben
des Nationalrates (WAK NR) diskutiert dieser Tage über einen Mitbericht zuhanden der RK NR.

Auf parlamentarischer Ebene hat sich seit dem 25. März 2010, als die RK NR Anhörungen durchführte, quasi nichts getan. Die Swissnessvorlage
figurierte ursprünglich für den 30. April 2010 auf der Traktandenliste
der RK NR, wurde dann aber mit Blick auf dringendere und wichtigere
Geschäfte gestrichen. Neu ist sie für die Sitzung vom 2. September 2010 traktandiert. An dieser Sitzung wird die RK NR über die Frage “Eintreten
ja oder nein?” entscheiden.

Falls eingetreten wird, was mit Blick auf die Zielsetzung der Vorlage (Verbesserung
des Schutzes der Marke “Schweiz”) zu hoffen ist, wird es darum
gehen, ob die RK NR die Vorlage
en Détail berät oder ob sie sie mit gewissen Abänderungswünschen an den Bundesrat zurückweist oder deren Umsetzung einer einzusetzenden
Subkommission überträgt.

Kompromiss mit der Landwirtschaft?

Die fial fordert für Nahrungsmittel die alternative Anwendbarkeit eines Wert- oder Gewichtskriteriums von je 60 Prozent. Sie prüft derzeit im Dialog
mit dem Schweizerischen Bauernverband,
ob für wenig verarbeitete
Erzeugnisse wie Milchprodukte, Fleisch, Mehl usw. eine Lösung gefunden
werden kann, die sich am 80-Prozent-Kriterium des Bundesrates
orientiert. Im Gegenzug würde
von den Bauern die Bereitschaft verlangt, für stärker verarbeitete Produkte wie Biscuits, Suppen usw. auf eine Lösung einzuschwenken, die sich an 60 Prozent, sei es für das Gewicht
oder den Wert, orientiert.

Die entsprechenden Gespräche wurden unlängst unter der Aegide von Ständerat
Rolf Schweiger mit der Spitze des Schweizerischen Bauernverbandes
geführt. Die fial-Delegation hat dabei vorgeschlagen, für die Abgrenzung
zwischen wenig verarbeiteten
und stärker verarbeiteten Produkten
auf dem Zolltarif zu basieren. Die Vertreter des Bauernverbandes prüfen derzeit, ob dieser Vorschlag für sie annehmbar ist.

50 Prozent als neue Regel?

economiesuisse hat die Befindlichkeit
verschiedenster Akteure ausgelotet
und schlägt vor, anstelle von 60 Prozent auf 50 Prozent Wert zu basieren. Mit diesem Ansatz würden
Inkompatibilitäten zwischen Herkunfts- und zollrechtlichem Ursprungsrecht
eliminiert und Bedenken
verschiedener Handelskammern berücksichtigt. Auch der offen ausgebrochene
Interessenskonflikt zwischen
der Fédération horlogère (FH) und einer kleinen Gruppe nicht bei FH organisierter Firmen der Uhrenindustrie
liesse sich damit lösen. Schwenkt das Parlament auf 50 Prozent
ein, wird dies der Position der Schweizer Nahrungsmittel-Industrie in dieser Diskussion auch nicht schaden.
economiesuisse unterstützt die Positionen der fial und verwahrt sich dagegen, dass die Swissnessvorlage für die Abschottung der Märkte instrumentalisiert
wird.

Sobald klar ist, ob sich mit dem Bauernverband ein Kompromiss ergibt, können die konkreten Anträge
erarbeitet und mit den der fial nahestehenden und sich für eine gesamtwirtschaftlich sinnvolle Swissnessvorlage einsetzenden Mitgliedern
der RK NR diskutiert werden.
In Abhängigkeit der sich ergebenden
Ausgangslage kann auch ein Dialog mit mitgliederbasierten Konsumentenorganisationen
angeregt werden.

Was erwarten Konsumenten
von Schweizer Produkten?

In der Botschaft des Bundesrates zur Änderung des Markenschutzgesetzes und zu einem neuen Bundesgesetz über den Schutz des Schweizer Wappens
und anderer öffentlicher Zeichen
(Swissnessvorlage) vom 18. November 2009 wird ausgeführt, repräsentative Erhebungen, die im Auftrag des Bundesamtes für Landwirtschaft
(BLW) in den Jahren 2003 und 2007 durchgeführt wurden, hätten
ergeben, dass eine Mehrheit der Befragten erwarte, dass ein Produkt, das ein Schweizer Herkunftszeichen trage, zu 100 % aus der Schweiz stammen müsse.

Ferner verweist die Botschaft des Bundesrates (vgl. BBL 2009, S. 8591) auf eine in 66 Ländern durchgeführte Studie der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2008. Diese basiert auf etwas über 8’000 Personen, worunter lediglich 468 aus der Schweiz stammen. Zur Frage, wann ein Produkt noch als Schweizer Produkt bezeichnet werden
darf, haben die Schweizer Teilnehmer
an der Umfrage folgende durchschnittliche Erwartung geäussert:
Rohstoffe müssten zu 46 % aus der Schweiz stammen, das Produkt je zu 71 % in der Schweiz entwickelt und in der Schweiz hergestellt worden
sein.

Nachdem die Botschaft des Bundesrates
zur Swissnessvorlage auf keinen
repräsentativen Studien zur Beurteilung
der Herkunftserwartungen an Lebensmitteln beruht (diejenigen des BLW beziehen sich auf Honig, Eier, Gemüse, Schnittblumen, Käse und Fleisch; die Studie der Universität
St. Gallen auf ein Ergebnis, das nur zu rund 5 % auf Schweizer Konsumenten
zurückzuführen und erst noch nicht korrekt zitiert ist), hat die Foederation der Schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien durch Isopublic, Institut für Markt- und Meinungsforschung, in der Zeit vom 24. Februar bis zum 16. März 2010 eine Studie durchführen lassen, die auf 1’121 Face-to-Face-Interviews basiert.

Befragt wurden Konsumenten
im Alter von 15 bis 74 Jahren
der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz. Die Standardabweichung beträgt maximal
2,99 %. Die Auswertung dieser Studie ist auf der Website der fial (www.fial.ch) aufgeschaltet.

Die Konsumentenerwartungen im Einzelnen

Die im Auftrag der fial realisierte Studie über die Konsumentenerwartungen
an Schweizer Produkte hat folgendes ergeben:

• Wenn es um den Kauf eines Produktes
geht, ist es für 75 % der Konsumenten wichtig, dass es sich um ein Schweizer Produkt handelt.

• Bei Produkten, welche die “Marke Schweiz” tragen, ist es 75 % der Konsumenten wichtig, dass sie vollständig in der Schweiz hergestellt
worden sind.

• 86 % der Konsumenten sind der Auffassung, dass Lebensmittel, die vollständig in der Schweiz hergestellt wurden, besonderen Ansprüchen an Qualität, Konstanz
und Sicherheit gerecht werden.

• Auf die Frage, ob der Herstellungsort
eines Produktes oder die Herkunft des Rohstoffes wichtiger ist, antworten 54 % der Konsumenten, dass der Herstellungsort
wichtiger ist. 40 % erachten die Herkunft der Rohstoffe
als wichtiger.

• Auf die Frage, ob ein in der Schweiz gebackenes Biscuit, das aus ausländischem Weizen, der in der Schweiz zu Mehl vermahlen
wurde, hergestellt ist, ein Schweizer Biscuit ist oder nicht, sind 60 % der Konsumenten der Auffassung, es sei ein Schweizer
Biscuit. Für 35 % ist es kein Schweizer Biscuit.

• Auf die Frage, ob die Schweiz auf grosse Nahrungsmittelhersteller vollumfänglich verzichten kann, wenn diese aufgrund von besseren
Rohstoffbeschaffungsbedingungen
ins Ausland abwandern, sind 66 % der Meinung, man könne nicht auf die grossen Nahrungsmittelhersteller
verzichten. 29 % denken, man könne auf die grossen Hersteller verzichten.

• Die nachstehenden Produkte wurden bei der Frage, ob es Schweizer Produkte oder keine Schweizer Produkte sind, mit folgenden
Resultaten als Schweizer Produkte beurteilt:
Ricola-Bonbon 92 %
Basler Läckerli 89 %
Ovomaltine 80 %
Willisauer Ringli 76 %
Thomy Senf 67 %
Knorr Suppe 57 %

Fazit: Rohstoff-Herkunft überbewertet

Aufgrund dieser aktuellen Studie über die Herkunftserwartung der Konsumenten an Schweizer Produkte
wird das Konzept der Swissnessvorlage,
das die Herkunftserwartung
an Rohstoffe zur Freude verschiedener Konsumentenorganisationen
und vor allem der Landwirtschaft
krass überbewertet, den effektiven Erwartungen der Konsumenten
an Schweizer Produkte nicht gerecht. (Mitteilung fial)