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Die wacklige Liebe der Medien zur Scholle

Die drei Kühe mitten in Zürich und im Sommerloch wurden erhöhrt. Aber nicht immer meint Adrian Krebs.

von Alimenta Import

Als vor rund zwei Wochen 300 Bauern mit drei Kühen etwa 300 Meter weit durch die Stadt ­Zürich zogen, war das ein grosses Medienereignis. Die oppositionelle Gruppierung Big-M hatte dazu aufgerufen, der Migros die rote Karte zu ­zeigen für ihre angebliche Weigerung, den ­Milchpreis im Rahmen des von der Branchen­organisation Geforderten zu erhöhen. Mitten im Sommerloch wurden die protestierenden Milchbauern von rund 30 Journalisten begleitet, die ­jedes Wimpern­zucken von Kuh und Milchproduzenten in die Stuben der Medienkonsumenten transportierten. Kaum war das letzte Glocken­bimmeln verklungen, fanden sich auf den grossen Onlineportalen bereits die ersten meist wohl­wollenden Berichte über die Manifestation, auch wenn die meisten anwesenden Journalisten kaum begriffen haben dürften, wie der komplexe Milchmarkt im Detail effektiv funktioniert.

Der Event könnte als Lehrstück für effiziente Medien­arbeit herangezogen werden. Die modernen Kommunikationsmittel erlauben es auch ­kleinen Organisationen, ohne grossen finanziellen Aufwand viel Wind zu erzeugen. Wichtig sind das richtige Timing (mitten im Sommerloch), der ­richtige Ort (mitten im Herzen der Journalistenhochburg Zürich) und eine süffige Message (der böse grosse Detailhändler drückt den ohnehin geplagten Bauersleuten auf die letzte Lebens­ader) in der richtigen Begleitung (Kühe mit grossen Treicheln und Kinder in Appenzeller Tracht). Diese Kombination kann kein Medium auslassen.
So schnell, wie man sich die Massenmedien zum Verbündeten machen kann, so schnell stehen sie bei nächster Gelegenheit auf der Gegenseite. Man denke an die sogenannten Lebensmittelskandale. Hier kommt ein Amalgam zusammen, für das die Medien ebenso empfänglich sind: Gefährdete
Gesundheit und Natur, bedrohte Kinder und unsichere Nahrungsmittel sind emotionale
Themen, die bei den Lesern und Zuschauern mindestens so verlässlich Reize auslösen wie der Jö-Effekt durch Kinder in Trachten in Kombination mit ein paar herausgeputzten Nutztieren. Man möge sich keine Illusionen machen: Leserzahl und Einschaltquote gewichtet fast jeder Chef­redaktor höher als die kürzlich so ostentativ zur Schau gestellte Liebe zur Scholle und einheimischen Nahrungsmitteln. Adrian Krebs