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Plädoyer für mehr Selbstversorgung

Wenn Fleisch produziert werden soll, dann soll wenigstens der Schlachtkörper besser genutzt werden. Niels Jungbluth, Experte für Ökobilanzen, fordert zudem Selbstversorgung im Fleischsektor – inklusive Futtermittel.

von Alimenta Import

Alimenta: Fast 50% der weltweiten Getreide- und 90% der Sojaernte werden an 20 Milliarden Nutztiere verfüttert. Was passiert, wenn auch die Chinesen und Inder analog den Schweizer Konsumenten jährlich 50??kg Fleisch pro Kopf essen?
Niels Jungbluth: Fleisch verursacht die höchste Umweltbelastung. Je mehr Fleisch jemand isst, desto höher fällt diese aus, und je mehr der weltweite Konsum steigt, desto grösser wird der Druck auf die vorhandenen Landflächen.

Was raten Sie der inländischen Fleischwirtschaft, damit sie nachhaltig produziert und nicht dem Vorwurf der Nahrungsmittelver­nichtung ausgesetzt wird?
Zuerst sollte der Konsum aus tierischer Produktion eingeschränkt werden. Man sollte sich auf die Ressourcen beschränken, die wir in der Schweiz zur Verfügung haben, also die alpinen Wiesen. Auch sollten wir möglichst wenig Futtermittel, aber auch möglichst wenig Fleisch importieren.
 
Heute kommt die Hälfte des Gewichtes eines Schlachtrindes in den Abfall resp. wird verbrannt. Wie kann der nutzbare Anteil erhöht werden?
Daraus sollten attraktive Produkte für die menschliche Ernährung hergestellt werden.

Soll deshalb kein Fleisch mehr gegessen werden?
Fleisch gehört sicher zu unserer Kultur. Doch ich würde empfehlen, weniger davon zu essen, als dies zurzeit der Fall ist.

Welches wäre der richtige Wert?
Die Schweiz ist weit davon entfernt, sich selbst zu versorgen. Es wäre wünschenswert, dass die Schweiz zum Selbstversorger von Fleisch inklusive des dazu notwendigen Futters wird.

Welche Nahrungsmittel haben rein rechnerisch die besten Ökobilanzen?
Jeder würde verhungern, wenn er sich nur mit dem Nahrungsmittel mit der geringsten Umweltbelastung ernähren würde. Einerseits sollte nicht zu viel Fleisch gegessen wer­den, man sollte Produkte aus dem Gewächs­haus vermeiden und in der Regel sollten ­regionale Produkte bevorzugt werden.
 
Sind die Unterschiede zwischen global und lokal produzierten und konsumierten Nahrungsmitteln gross?
Die Umweltbelastung durch den Transport wird oft überschätzt. Manchmal ist es sogar vorteilhaft, wenn man Nahrungsmittel transportiert. So weisen Freiland-Tomaten aus Spanien eine bessere Ökobilanz aus als einheimische aus dem Gewächshaus.

Warum weist Butter eine vergleichsweise hohe Umweltbelastung auf?
Butter enthält mit dem Fett den wertvollsten Bestandteil der Milch. Um ein Kilo Butter zu produzieren, braucht es 20 Liter Milch. Wenn in der Ökobilanz die Umweltbelastungen der Molkerei auf die verschiedenen Produkte aufgeteilt werden, erhält die Butter einen hohen Anteil, weil es, um ein Kilo Butter herzustellen, eine dementsprechend grosse Menge Milch braucht.

Betrachtet man nur Verarbeitung, Verpackung und Logistik: Gibt es Nahrungsmittel, die hier am besten abschneiden?
In Ökobilanzen muss immer das Gesamte einbezogen werden, wenn man solche Vergleiche machen möchte. Klar kann bei ­Negativbeispielen wie bei Mineralwasser, weil es besser ist, Hahnenwasser zu trinken, die Verpackung eine entscheidende Rolle spielen. Aber wenn etwa der Spinat tiefgekühlt wird, verdirbt er weniger und dementsprechend muss weniger weggeworfen werden, was sich wiederum günstiger auf die Ökobilanz auswirkt. Fürs Gesamtbild können dabei nicht einfach Erdbeeren mit Brot ver­glichen werden.

Quinoa, auch Inkareis genannt, soll einen sehr hohen Nährwert haben und wenig Ressourcen verbrauchen. Sind solche Lebensmittel Lösun­gen für die globale Nahrungsmittelversorgung?

Im Einzelfall können solche Lebensmittel lokal etwas bewirken, aber die Menge an günstigen Produktionsstandorten lässt sich nicht einfach so ausweiten und Milliarden von Menschen versorgen.

Inwieweit können neue Technologien helfen, die Nahrungsmittelversorgung global sicherzustellen und die Nahrungsmittel ressourcenschonender zu produzieren?
Aus rein quantitativer Sicht kann Gentechnologie helfen, Ökobilanzen zu verbessern. Doch in der Ökobilanz alleine können das Risiko oder soziale Folgen nicht bewertet werden. Auch bei der Nanotechnologie könn­ten Prozesse effizienter gemacht werden. Jedoch ist auch hier die Risikoabschätzung offen.

Inwieweit können Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen helfen, die Umweltbe­lastungen bei Nahrungsmitteln zu verringern?

Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen schneiden bei der Gesamtbetrachtung aller Umweltbelastungen in der Regel nicht wesentlich besser ab als konventionelle Verpackungen. Wirklich relevant ist die Verpackung nur bei Getränken, die mit wenig Aufwand hergestellt werden oder wenn eine unnötige Verpackung verwendet wird. Die Verpackung ist aber auch notwendig, um Verderb und Verluste an Lebensmitteln zu vermeiden. Ein Beispiel ist der Schlauchbeutel für Milch, der die am ­wenigsten belastende Verpackung ist. Doch es gibt damit mehr Verluste, sodass sich in einer Gesamtbewertung wiederum eine ­höhere Umweltbelastung ergibt.

Ökobilanzen werden von einigen Interessen­grup­­pen negativ dargestellt, erst recht, wenn die Resul­tate gegen das eigene Produkt sprechen. Wie begründen Sie die Glaubwürdigkeit Ihrer Bilanzen?
Die Ökobilanzierung ist nie eine absolut ­exakte Methode, die auf die dritte Kommastelle genau gerechnet werden kann. Es geht mehr darum aufzuzeigen, welches die Haupt­belastungen im Lebenszyklus eines Produktes sind und welches die Haupt­einflussfaktoren. Damit können vorallem Verbesserungsmög­lichkeiten im Lebens­zyklus aufgezeigt werden.

Eine Verpackung eines Produktes ergibt in der Kehrichtverbrennung wieder Energie ab. Wird dies in einer Ökobilanz gemessen?
Wir erteilen keine Gutschrift, aber wir berücksichtigen, dass die Umweltbelastungen der Entsorgung dadurch evtl. eher geringer sind.
Interview: Hans Peter Schneider