Datum:

Proviandetagung im Rückblick: Fleisch vs Umwelt

Tagung am 1.9.2010: Hat Fleischproduktion eine Zukunft?

von Foodaktuell Importer

Fleisch bleibt auf dem Teller trotz ökologischem Fussabdruck



Der Menschheit droht ein Klimawandel, und die Erzeugung tierischer Produkte hat
Einfluss darauf. An einer Fachtagung von Proviande stellten hochkarätige Experten ihre Erkenntnisse dazu vor und diskutierten über Nachhaltigkeit im Alltag. Bild: Referat von Myriam Steinemann.

Zum neunten Mal hat «Schweizer Fleisch» das Symposium «Fleisch in der Ernährung»
durchgeführt, dieses Jahr zum Thema «Nachhaltigkeit: Global denken – national handeln».
Am 1. September trafen sich Fachleute aus Ernährung, Gastronomie, Wirtschaft und Politik im
Zentrum Paul Klee in Bern zu diesem Anlass. Er wurde von der SF-Tagesschau-Moderatorin
Cornelia Boesch moderiert.

«Die Schweiz ist gut unterwegs auf dem Weg zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem»
meinte Manfred Bötsch, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft. Kritisch fügte er dann
aber hinzu, dass unser Land nach wie vor zu viele Ressourcen verbrauche. Angesichts von
Hunger, Wasserknappheit und Bevölkerungswachstum auf dieser Welt sei dies aber nicht
mehr vertretbar.

Manfred Bötsch: «Wir benötigen 2-8 pflanzliche Kalorien, um 1 tierische Kalorie zu produzieren. Trotzdem ist die Zukunft nicht fleischlos. Das Grasland können wir nur mit Raufutterverwertern nutzen. Ackerbau-Nebenprodukte müssen durch Geflügel und Schweine auch in Zukunft verwertet werden. Der Mensch braucht eine Mischkost, und die vegetarische Ernährung wäre nicht generell besser bezüglich CO2-Emissionen».

Bötsch wies auf die Komplexität der Zusammenhänge hin und hinterfragte
simple Rezepte, wie etwa den Verzicht auf Fleisch. Dafür plädierte er für eine nachhaltige
Land- und Ernährungswirtschaft, die Qualität über Quantität stellt und sich der biologischen
Kapazität unserer Erde anpasst. Dieses Ziel könne nur mit gemeinsamen Anstrengungen
erreicht werden und der Konsument spiele eine wichtige Rolle dabei. Denn wenn Essen
vermehrt Kultur und Genuss werde, sei auch Fleischkonsum mit Mass ethisch und ökologisch
korrekt.

«Die Bereitstellung und Zubereitung von Nahrungsmitteln verursacht etwa 30 Prozent unserer
Umweltbelastung», hielt dann Dr. Niels Jungbluth von der Unternehmensberatung ESUservices
fest. Er ging auf die Ökobilanz von Nahrungsmitteln und Konsum ein und zeigte die
Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Akteure auf.

Niels Jungbluth: «Wir sollten uns ökologisch betrachtet vegetarisch und vollwertig ernähren statt mit viel Fleisch, Eiern und Milchprodukten. In der Schweiz ist der Fleischkonsum zu hoch. Wir dürften nur soviel Fleisch konsumieren wie bei Produktion ohne Futtermittelimport möglich wäre und kein Fleisch importieren».

Ökologisierte Produktionsabläufe,
wählerische VerbraucherInnen und eine ökologische Ernährungsweise könnten für ihn die
wesentlichen Veränderungen herbeiführen. Ein umweltorientiertes Verhalten beim Konsum
zeichne sich unter anderem aus durch den Einkauf von regionalen und saisonalen Produkten,
die Vermeidung von Lebensmittelabfällen und den Verzicht auf tiefgekühlte Produkte.

Auf zu grossem Fuss

Der ökologische Fussabdruck ist eine wissenschaftliche Methode, die erfasst, in welchen
Bereichen, wie stark und wo der Mensch die Umwelt belastet. In ihrem Referat wies Myriam
Steinemann von der INFRAS nach, dass wir SchweizerInnen auf zu grossem
Fuss Leben. Wir beanspruchen pro Kopf viel mehr globale Hektaren (Land, das nötig wäre, um
den Verbrauch von Ressourcen auf erneuerbare Weise wieder zu kompensieren), als unser
Land hergibt.

Seit Mitte der 80er-Jahre verbraucht auch die ganze Menschheit mehr, als die
Erde erneuern kann. Steinemanns Fazit: «Eine der grössten Herausforderungen der
Weltgemeinschaft ist es deshalb, die ökologischen Lebensgrundlagen zu schützen und
gleichzeitig gerechte Entwicklungsperspektiven für alle zu schaffen.»

Heinz Hänni, Umweltmanager von McDonald’s Schweiz, stellte der Schweizer Landwirtschaft
und Nahrungsmittelproduktion ein gutes ökologisches Zeugnis aus. Angesichts der weltweit
knapper werdenden Reserven sei es immer wichtiger, die vorhandenen Produktionsflächen
optimal zu nutzen.

Im bergigen Grasland Schweiz sei dies vor allem die Tierhaltung mit ihrer
Milch- und Fleischproduktion. «Das ist zwar ohne Umweltauswirkungen gar nicht möglich»,
meinte Hänni und sieht deshalb die Lösung in einer gemeinsam verfolgten Effizienzstrategie
für weniger Treibhausgasausstoss. Er plädierte für eine ökologische Produktion von hoher
Qualität und regionaler Herkunft. Und er appellierte an die Konsumenten und Grossabnehmer,
die Anstrengungen der Landwirtschaft mit ihren Einkaufsentscheidungen zu unterstützen.


Talkrunde (von links) mit Heinz Hänni (McDonald’s Schweiz), Dr. Paolo Colombani (ETH Zürich), Moderatorin Cornelia Boesch, Bernhard Kammer (Migros-Genossenschafts-Bund) und Jennifer Zimmermann (WWF Schweiz).
Zimmermann: «Um die CO2-Emission auf die Hälfte zu reduzieren, sind Verhaltensänderungen ein Muss. Wir sollten nur fünf statt neun Portionen Fleisch (zu 110g) pro Woche essen».
Colombani: «Fleisch ist Bestandteil einer natürlichen Ernährung des Menschen. Aber wir sollten uns mehr bewegen».

Cornelia Boesch moderierte zum Abschluss des Symposiums eine Talkrunde über
Nachhaltigkeit im Alltag. Vertreter der Nahrungsmittelbranche, des WWF und der
Ernährungsforschung nahmen daran teil. Sie vertraten sehr unterschiedliche Ansichten
darüber, wie den globalen ökologischen Herausforderungen der Zukunft begegnet werden und
welche Rolle Fleisch in der künftigen Ernährung einnehmen soll.

Diskutiert wurde sehr
kontrovers und die Rezepte gingen von Anreizen durch umweltfreundliche Labelprogramme
bis zur Einführung einer Fleischsteuer zur Drosselung des Konsums.
Einigkeit herrschte hingegen darin, dass nachhaltig produziertes Fleisch auch in 50 Jahren
noch seinen Platz auf unseren Tellern haben wird. Aber auch darin, dass wir mit mass- und
genussvollem Essen zu mehr Qualität und Gesundheit gelangen werden. Damit wäre der Welt gedient – und uns selber. (Text: Proviande. Bilder und Legenden: foodaktuell.ch)

In den nächsten Tagen erscheinen in www.foodaktuell.ch einige Referat-Kurzfassungen der Proviandetagung.

Weiterlesen: Verzehrsgewohnheiten kontral Klimaschutz