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Hände weg vom Fleisch

Fleischproduktion zerstört Urwälder, setzt Methan, CO2 und Lachgas frei und verbraucht viel zu viel Ressourcen. Ist Fleisch «böse»? Die Proviande will der Frage auf den Grund gehen.

von Alimenta Import

«Wir haben keine Scheu, heikle Themen anzupacken», sagt Heinrich Bucher, Direktor der Proviande, gleich zu ­Beginn des Ernährungssymposiums der ­Branchenorganisation Proviande im Ber­ner Paul-Klee-Zentrum.

Laut Bucher ist es eine Tatsache, dass tierische Nahrungsmittel grossen Einfluss auf die Umwelt haben. Doch mit dem Verzicht auf Fleisch ist diese Problematik nicht gelöst. Manfred Bötsch, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), ist froh, dass die Branche das Thema aufgenommen hat. In letzter Zeit seien schon genug negative Artikel zu Fleisch in der Presse erschienen. Hier müsse mit Fakten gekontert werden. Und ein Fakt für Bötsch ist, dass das ackerfähige Land ­weltweit begrenzt ist. Denn das weltweit landwirtschaftlich nutzbare Land von gesamthaft 5 Mrd. Hektaren besteht zu 70% aus nicht ackerfähigem Land, also aus Weiden, Steppen oder Alpen, und diese können nur durch ­Wiederkäuer sinnvoll genutzt werden.

Gras mit Wiederkäuern verwerten
Doch auch für Bötsch ist Fleisch nicht optimal, wenn der ökologische Fussabdruck der Schweiz angeschaut werde. Diesen Fussabdruck bezifferte Myriam Steinemann vom Beratungsunternehmen Infras auf 5,6 Hektaren pro Kopf. 17% davon werden durch die Ernährung und der grösste Teil davon durch die Fleischproduktion verursacht. Fleischproduktion bindet auch grosse Ressourcen. Bötsch beziffert den Wasserverbrauch, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, auf 15?000 Liter, demgegenüber sehen die 1000 Liter Wasser zur Produktion eines Kilos Weizen geradezu harmlos aus. Doch für Bötsch gehört der Mensch biologisch zu den Allesessern. Auch längst nicht alle pflanzlichen Diäten würden eine ökologisch bessere Bilanz aufweisen. Zentral für Bötsch ist, dass der Mensch die zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutz­fläche, die aus ökologischen Gründen als Grasland genutzt werden müssen, nicht selber verwerten kann. Doch wenn der Raufutterver­zehrer zum direkten Nahrungskonkurrenten des Menschen wird (die Weltbevölkerung wächst jährlich um 80 Millionen Menschen), kippt die Bilanz zulasten der tierischen Produktion. So gelte es, das Ernährungssystem zu optimieren.

Stoffkreisläufe schliessen
Niels Jungbluth vom ESU-services Ltd. Uster (vgl. «Alimenta» 15/10) zeigte anhand von Öko­bilanzen auf, dass eine vegetarische Mahlzeit  im Vergleich zu einer mit Fleisch deutlich besser abschneidet. Die Ökobilanzen optimieren könnte die Land- und Ernährungswirtschaft laut Bötsch, wenn die Stoffkreisläufe geschlossen sind. So sei die Verbrennung der Schlacht­abfälle wegen der BSE-Krise so schnell wie möglich zu korrigieren. Hier fordert Bötsch die Schweiz auf, die Pionierrolle in  Europa zu übernehmen.

Tiergerecht, vegetarisch oder Hamburger

An der anschliessenden Talkrunde forderte Jennifer Zimmermann vom WWF Schweiz, dass nur noch dreimal pro Woche Fleisch geges­sen werden soll und wenn, dann nur tiergerecht produziertes. Dieses kann Bernhard Kammer, Migros, mit dem Label Terra Suisse anbieten. Es sei heute für die Migros das volumenmässig wichtigste Schweizer Label im Fleischbereich. Auch für Heinz Hänni, McDonald’s Schweiz, ist tierfreundliche Fleisch­produktion wichtig. Obwohl der Konzern immer wieder mit neuen Rezepten, auch vegetarischen, ­experimentiere, komme der Kunde, weil er im McDonald’s-Restaurant ein saftiges Stück Fleisch essen wolle. Entgegen dem Trend, den Fleischkonsum zu reduzieren, fordert Paolo Colombani von der ETH Zürich, mehr zu ­essen, dafür sich aber auch mehr zu bewegen.