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Lobbying bei der Gesellschaft

Gegenüber Nanotechnologie in Lebensmitteln ist die Bevölkerung skeptisch. Nanotech-Experte Christoph Meili ist überzeugt, dass sich dies mit mehr Transparenz und klarerer Kommunikation verbessern liesse.

von Alimenta Import

Alimenta: Wie hat sich die Akzeptanz gegen­über der Nanotechnologie in den letzten Jahren verändert?
Christoph Meili: Generell ist sie gewachsen. Der Begriff Nanotechnologie ist bekannter geworden. Damit geht einher, dass heute im Gegensatz zu früher die Möglichkeiten konkreter und realistischer aufgezeigt werden.

Werden alle Produkte, die Nanopartikel enthalten, gleich gut akzeptiert?
Nein, es gibt grosse Unterschiede zwischen «nano-outside» und «nano-inside». Bei ­Gebrauchsgegenständen wie funktioneller Kleidung, Baustoffen oder industriellen Werkstoffen – bei «nano-outside» also – ist die Akzeptanz sehr gross. Geht es hingegen um Lebensmittel und deren Verpackungen oder um Kosmetika, ist die Bevölkerung eher skeptisch.

Weshalb?
Weil das Gefühl vorherrscht, keine Wahlfreiheit zu haben.

Die Konsumenten Nordamerikas stehen neuen Technologien in den meisten Fällen aufgeschlossener gegenüber als europäische. Ist das auch bei Nano der Fall?
Während längerer Zeit ist man davon ausgegangen. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass die Stimmung überraschenderweise in Europa und in Nordamerika vergleichbar ist.

Wie präsentiert sich die Situation in anderen Regionen?
Die Asiaten sind weniger kritisch. Südkorea oder China z.B. kennen kaum kritische Stimmen gegenüber Nano. Auch nicht gegenüber «nano-inside». Der Grund liegt im direkten Mehrwert, den die Nanotechno­logie dort liefert. Eine Verpackung, die es erlaubt, Lebensmittel trotz den oft schwierigen klimatischen Bedingungen, z.B. Hitze kombiniert mit hoher Luftfeuchtigkeit, eine Woche oder länger zu lagern, bringt grosse Vorteile.

Die Akzeptanz bei den Konsumenten ist die eine Seite. Die andere ist das Angebot. Wie stehen die Schweizer Detailhändler der Technologie ­gegenüber?
In der Schweiz werden verschiedenste Produkte angeboten, vorwiegend im Hobby-, Bau-, Sport- und Textilsektor. Migros und Coop führen beispielsweise eine Liste mit allen gelisteten Nanoartikeln. Derzeit sind es mehr als 60 Produkte. Es sind aber keine Lebensmittel dabei.

Anfang Jahr hat die EU die Deklarationspflicht für nanoskalige Stoffe in Kosmetika mit einer dreijährigen Übergangsfrist eingeführt. Ist Ähnliches für den Lebensmittelsektor zu erwarten?
Wenn das EU-Parlament das vor fünf Jah­ren angeschlagene Tempo beibehält, dann ja.

Weshalb?
Weil, wie gesagt, die Skepsis der Bevölkerung in diesem Bereich gross ist. Es fehlt an Aufklärung und Transparenz vonseiten der Industrie. Für viele ist die Nanotechnologie in Lebensmitteln ein Buch mit sieben ­Siegeln. Es reicht nicht, wenn Behörden auf ­ihrer Website eine Informationskampagne fahren oder wenn die Industrie behauptet, keine Nanotechnologie einzusetzen. Eine Deklarationspflicht für Nano in Lebens­mitteln wäre aber falsch.

Aus welchem Grund?
Unter anderem weil es in diesem Bereich be­sonders schwierig ist, «Nano» zu definieren. Nehmen wir E 551, das als Antiklumpmittel in diversen pulverförmigen Produk­ten enthalten ist. Zwar besteht das darin enthalte­ne Siliziumdioxid aus nanoskaligen Primär­partikeln. Diese agglomerieren aber zu grös­seren Partikeln. Ist in diesem Beispiel nun eine «Nano»-Deklaration nötig oder nicht?

Wer ist gefordert, damit eine unsinnige gesetzliche Regelung in Europa und damit auch in der Schweiz verhindert werden kann?
Eine wichtige Rolle nimmt die Industrie ein. Die Gesetzgebung ist zwar ein politischer Prozess. Es reicht aber nicht, für diese Diskussion bei den Politikern Lobbyarbeit zu leisten. Viel wichtiger ist es, in
der Gesellschaft zu «lobbyieren» und den Nutzen der Nanotechnologie, aber auch die Grenzen und mögliche Risiken aufzu­zeigen.

Wie stellen Sie sich das vor?
Wir haben kürzlich für ein Unternehmen aus dem Lebensmittelbereich ein Monitor­ing-Instrument zur internen und externen Nano-Kommunikation entwickelt. Eine interne Nano-Task-Force, mit Leuten aus v­erschiedensten Bereichen (F&E, Umwelt, Arbeitssicherheit, Kommunikation usw.) trifft sich dabei regelmässig und beurteilt zusammen mit uns die Situation. Auf der Grundlage dieses «Nano-Monitors» werden Fakten und aktuelle Entwicklungen analysiert, aus denen auch z.B. die Sprachregelung abgeleitet wird. Das Management nutzt die Ergebnisse auch für die Strategieentwicklung.

Sind Sie auf gutem Weg?
Ja. Wir möchten bei der internen Kommunikation z.B. sicherstellen, dass Mitarbeiter in ihrem Umfeld kompetent Red und Antwort stehen und klar sagen können, wie sich ihre Firma zu diesem Thema stellt. Sie sollen dabei auch auf kritische Fragen eine Antwort geben können, ohne dass sie ihr Gegenüber gleich zur Kommunikations­abteilung schicken müssen. Wichtig ist, dass die Stimmung gegenüber Nanotech in der Gesellschaft positiv bleibt. Und dies ist nur möglich, wenn man darüber spricht.

Setzen Sie auch auf andere Pferde?
Ja, beispielsweise mit dem Projekt Swiss Nano-Cube (siehe Box) wollen wir Jugendliche und junge Berufsleute erreichen. Zusammen mit verschiedenen Bundesämtern (BBT, BAFU, BLW), Verbänden und der ­Industrie soll dieses Thema bereits in der Ausbildung verankert werden.