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CO2-neutrales Weiderind-Fleisch als Fernziel

In der Diskussion um die Klimaerwärmung gerät oft auch die Tierhaltung ins Visier. Auch wenn der Mensch selber immer noch der Hauptverursacher von Treibhausgasen ist: Die Tierproduktion kann sich verbessern und profilieren.

von Foodaktuell Importer



Alle drei Jahre findet die «grosse beef» auf dem Pfannenstil in Meilen ZH statt. Es ist nicht nur ein Publikms-Grossevent von «Mutterkuh Schweiz» sondern bietet auch ein Symposium. Bild: Impression des beef-Weidfestes von «Mutterkuh Schweiz» anfang September in Meilen ZH: auch Exoten wie Yaks grasten auf dem Gutsbetrieb Hohenegg.

Dass der Mensch Fleisch isst, wird immer mal wieder in Frage gestellt: Von Vegetariern, die finden, man dürfe es aus Respekt vor den Tieren nicht tun. Von Ökologen, die die Tierhaltung als Verursacher von Treibhausgasen kritisieren. Oder von Entwicklungshelfern, die beklagen, dass die Tierhaltung verglichen mit dem Ackerbau eine ineffiziente Art der Kalorienproduktion ist.

Die Sache mit dem Fleisch ist etwas komplexer. Das verdeutlichte eine Diskussionsveranstaltung vom 31. August an der Beef.ch, dem “Weidfäscht” der Schweizer Mutterkuhhalter auf dem Pfannenstiel bei Meilen ZH. Fritz Schneider, Vizedirektor an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft und Kenner der Materie, betonte, dass eine Milliarde Bäuerinnen und Bauern weltweit für ihr Einkommen und ihre Ernährung zumindest teilweise von Nutztieren abhängig sind. “Mehr als 500 Millionen der Armen dieser Welt ernähren sich und erwirtschaften ihr unzureichendes Einkommen vollständig durch Nutztiere”, sagte er.

Die Tierhaltung sei weltweit und auch in der Schweiz nur schon deshalb nicht wegzudenken, weil Weideflächen, die als Ackerland nicht geeignet sind, nur von Wiederkäuern genutzt werden könnten, die Milch oder Fleisch oder beides lieferten.

Schuld am Klimawandel relativieren

Unbestritten ist, dass die Tierhaltung zur Klimaerwärmung beiträgt. Nach den Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO werden 18 Prozent der weltweiten Treibhausgase von der Tierproduktion verursacht. Davon stammen allein 36 Prozent aus der Entwaldung in den Tropen und vom Kohlenstoffausstoss der Böden. 7 Prozent stammen aus der Futtermittelproduktion, 56 Prozent aus der Tierproduktion an und für sich, das heisst, vom Rülpsen der Kühe, vom Mist und von der Gülle.

Da müsse man die Kirche wieder ins Dorf stellen, fand Bernard Lehmann (Bild), ETH-Professor für Agrarökonomie. Wichtigster Verursacher von Treibhausgasen sei nach wie vor der Mensch, hauptsächlich mit dem weltweiten Auto- und Flugverkehr.

Ein durchschnittlicher Schweizer isst im Jahr 11 Kilogramm Fleisch, das entspricht laut den ETH-Berechnungen 229 Kilogramm CO2. “Dafür können sie eine 800 Kilometer weite Autofahrt machen oder von Zürich nach Luxemburg und zurück fliegen”, veranschaulichte Lehmann. Für einen Flug auf die Kanarischen Inseln müsste der Durchschnittsschweizer bereits fünfeinhalb Jahre lang auf Rindfleisch verzichten.

Label für CO2-neutrale Weide-Beef-Produktion

Lehmann schlug den Mutterkuhhaltern vor, für ihre Produktion die CO2-Neutralität anzustreben, so wie es Grossverteiler Coop für das Jahr 2023 anvisiert. Die Rindfleischproduktion auf Grasland sei ressourcen- und klimaschonend und habe deshalb gute Voraussetungen.



Über die Ernährung der Rinder lässt sich der Methanausstoss senken mithilfe einer neuen, besseren Futterzusammensetzung und häufigeren Fütterungszeiten. Bei Kühen im Stall kann der Bauer ohne grösseren Aufwand die neue Futtermischung an die Kuh bringen. Schwieriger wird es aber bei den riesigen Rinderherden, die meist vom Menschen unbehelligt über die Steppe traben. Bild: Zeburind an der beef, eine in Südamerika geläufige Rasse, aus deren Därme notabene die besten Cervelashäute entstehen.

Die CO2-Reduktion könnte durch eine Kombination von verschiedenen Massnahmen erreicht werden: Technische Lösungen auf dem Betrieb, Zuchtfortschritt und die Erforschung von Futterzusätzen, um die Fermentierung in den Kuhmägen zu vermindern, der Kauf von Emissionszertifikaten im Ausland oder auch eine reale CO2-Senkung durch vermehrte Anpflanzung von Bäumen in Agroforstsystemen.

Das Fernziel wäre ein Label, mit dem die Mutterkuhhalter ihr Rindfleisch von der Weide als CO2-neutral auszeichnen und dafür auch einen höheren Preis verlangen könnten. Lehmann rechnet mit höheren Produktionskosten von 8 bis 10 Prozent.

Konsumenten sensibilisieren

Die entscheidende Frage ist: Wie sensibel sind die Konsumenten dafür? Werden sie bereit sein, für CO2-neutrales Rindfleisch tiefer in die Tasche zu greifen? Thomas Butz, Vizepräsident des Produzentenverbandes Mutterkuh Schweiz, fragte deshalb Hermann Bader, Chef der Grossmetzgerei Traitafina, nach seiner Einschätzung. Dieser erklärte, langfristig sei CO2-Neutralität wohl ein Mehrwert mit Chancen im Verkauf. Allerdings sei es schwierig, die Konsumenten davon zu überzeugen. Momentan lägen den Konsumenten Fleischprodukte näher, die tierschutzgerecht produziert seien oder die weniger Fett oder mehr Omega-3-Fettsäuren enthielten. (Text: LID / Roland Wyss-Aerni)

Chancen und Risiken der Schweizer Rindfleischproduktion

Referat von Manfred Bötsch, Direktor Bundesamt für Landwirtschaft am Beef-Symposium

Fleischlos wird die Zukunft nicht sein! Das Grünland, das in der Schweiz
mit 70% Anteil an der LN natürlicherweise dominiert und auch weltweit etwa diesen Anteil ausmacht,
kann nur mit Wiederkäuern für die Nahrungsproduktion genutzt werden. Ob es nun Rinder, Schafe,
Ziegen oder Yaks und Büffel sind, ist zweitranging. Es sind Tiere, die Gras biologisch adäquat verwerten
können und damit Milch, Fleisch, Leder und Wolle produzieren. Dank diesem Potenzial ist die
Versorgung der Menschheit mit genügend und vielfältiger Nahrung eine grosse, aber keine unmögliche
Herausforderung. Es kommt dazu, dass die Versorgung damit auch artgerecht erfolgt, ist doch der
Mensch von Natur aus ein „Allesfresser“. Und gegen die Natur sollte man bekanntlich nicht handeln.

Welche Produktionsform, welcher Betriebstyp hat für die Zukunft die besten Chancen? Generell abstrakt
ist es jener Betrieb, der die zukünftigen Anforderungen am besten erfüllt. Was bedeutet das nun?
Als Messlatte möchte ich hier an der Beef 2010 den Präsidenten der Luxemburger Viehzüchter, Louis
Boonen, zu Wort kommen lassen.

Er hielt in der letzten Ausgabe des „Ziichters“ im Zusammenhang
mit der Weiterentwicklung der EU-Agrarpolitik fest: „So wird es ziemlich sicher sein, dass eine nachhaltige
Landwirtschaft die neue Basis sein wird, um überhaupt in den Genuss von Direktzahlungen zu
kommen. Dies ist wahrscheinlich auch der einzige Weg, wie man der Zivilgesellschaft und jedem einzelnen
Verbraucher erklären kann, warum und wozu Landwirte öffentliche Gelder bekommen bzw.
bekommen müssen“. Weiter leitet er dann ab, „nur derjenige Bauer, der seine Leistungen nach aussen
darstellen kann und auch darstellt, wird bestehen bleiben!“.

Dem ist nichts anzufügen….. und Convis, die Organisation der Luxemburger Viehzüchter, stellt für
ihre Betriebe daher Indikatoren zur Beurteilung der biologischen Effizienz (Nährstoffbilanz, Energiebilanz,
Humusbilanz, Treibhausgasbilanz etc.) zur Verfügung. Soweit wir in der Schweiz dazu Daten
haben, kann festgestellt werden, dass zwischen den fleischproduzierenden Betrieben grosse Unterschiede
bestehen. Dies deutet einerseits auf entsprechendes Optimierungspotenzial für den einzelnen
Betrieb hin und andererseits wird es in Zukunft die Basis bilden für den Erfolg, weil die Thematik der
Ökoeffizienz eine Schlüsselrolle spielen wird. Was letztlich möglich ist, kann (leider) heute nicht beantwortet
werden.




Bei der Landbewirtschaftung und –pflege hat die Mutterkuh-Haltung die Nase vorn. Bild: Impression der beef.ch 2010

In Luxemburg beispielsweise glauben sie, dass über verschiedene Betriebstypen
hinweg eine CO2-freie Produktion möglich sei. Die Mutterkuhhaltung schneidet heute bezogen auf die
Fläche immer relativ gut ab. Im Zusammenhang mit der Landbewirtschaftung und –pflege hat diese
Produktionsform die Nase vorn. Legt man den Fokus auf die Kalorien-/Eiweissproduktion ist die ökologische
Leistung ungünstiger. Diesbezüglich spielt nun die Herkunft der Futtermittel eine Rolle. Wird
Rindfleisch mit Ackerprodukten produziert, die der direkten menschlichen Ernährung dienen könnten
und gleichzeitig die Kalorien knapp sind, ist die Verwertung über den Tiermagen ineffizient.

Damit wird
erkennbar, was im Konzept der Nachhaltigkeit zu erwarten war, nämlich dass nicht nur die Ökoeffizienz
bezüglich der Fläche, sondern auch bezüglich der Produktion und der Wirtschaftlichkeit zu beurteilen
ist. Je nach Knappheit wird das Optimum zwischen diesen drei Dimensionen an unterschiedlichen
Orten liegen. Man braucht nicht Hellseher zu sein, um voraussehen zu können, dass mittelfristig
jene Betriebe, welche die beste Ökoeffizienz haben, politisch den grössten Rückhalt bekommen, was
sich letztlich etwa bei den Direktzahlungen niederschlagen wird.

Eine gute Ökoeffizienz wird auch die
Basis für den Markterfolg bilden. Hinsichtlich der Marktchancen werden aber bestimmt die Produktion
in der Nähe des Konsums, eine Produktion, die das Konsumentenvertrauen geniesst sowie objektive
oder subjektive Qualitätsattribute weitere Schlüsselelemente für den Erfolg in der Zukunft darstellen. Das Thema Qualitätsstrategie ist ja bei Mutterkuh Schweiz kein Schlagwort und auch kein Fremdwort,
insofern sind sie auch gut aufgestellt. Finden und pflegen sie noch Beziehungen zu Verwertern, die
diese Werte teilen, dann ist ein weiterer Eckstein für die Zukunft gesetzt.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass eine Rindfleischproduktion auf der Grundlage von
Raufutter mit einer hohen Ökoeffizienz die Basis für die Zukunft bildet. Und je näher sie noch am Konsumenten
ist, und zwar räumlich und beziehungsmässig, umso besser sind ihre Chancen. (Auszug aus dem Referat von Manfred Bötsch, Direktor Bundesamt für Landwirtschaft am Beef-Symposium)

Weiterlesen: Proviandetagung im Rückblick: Fleisch vs Umwelt