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Was Senioren zu essen wünschen

Senioren haben andere Anforderungen an Lebensmittel als jüngere Leute. Aufgrund der demografischen Entwicklung lohnt es sich immer mehr, Produkte für diese Zielgruppe anzubieten. Doch was sind deren Ansprüche?

von Alimenta Import

Der demografische Wandel und die Zunahme der Anzahl von Menschen, die ein hohes Alter erreichen, sind eine begrüssenswerte Entwicklung, die uns aber vor vielfältige neue Herausforderungen stellt. Wichtiges Ziel wird sein, die Zunahme an Lebensjahren auch mit einer hohen Lebens­qualität und Gesundheit zu verbinden. Die Ernährungsweise spielt dabei eine massgebliche Rolle .

70-Jährige schätzen sich jünger ein
Die Zunahme des Anteils der über 65-Jäh­r­igen an der schweizerischen Gesamtbevölkerung hat zu einer deutlichen demografischen Verschiebung geführt, die historisch betrachtet einmalig ist. Die Bevölkerungsentwicklung wird in unterschiedlichen Szenarien prog­nostiziert. Allen Szenarien ist gemein, dass der Bevölkerungsteil der über 65-Jährigen zahlenmässig am schnellsten zunimmt. Der Alters­trukturwandel kann an fünf gesellschaftlich-strukturellen Veränderungen dargestellt werden:
¦ Insgesamt kann eine subjektive Verjüngung des Alters festgestellt werden. So schätzen sich heute über 70-Jährige häufiger «jünger» ein als die 70-Jährigen vor 30 Jahren.
¦ Das Alter ist charakterisiert durch «Entberuflichung», d.h., dass von den über 65-Jährigen nur noch wenige berufstätig sind und damit die verfügbare Zeit als Freizeit genutzt und konsumiert werden kann.
¦ Heute sind mehr Frauen als Männer über 65 Jahre alt. Frauen haben eine insgesamt höhere Lebenserwartung im Vergleich zu Männern.
¦ Die Singularisierung im Alter ist ein weiteres Merkmal der sich verändernden Gesellschaft.
¦ Der Anteil der hochaltrigen Personen (über 80-Jährige) nimmt zu.
Täglich etwa 1½ Stunden fürs Essen
Ungefähr 80 bis 90 Minuten verbringen Senio­rinnen und Senioren pro Tag nur mit dem Essen an sich, ohne die Zeit für Einkauf, Kochen oder Spülen einzurechnen. Essen spielt in der Alltagsgestaltung eine wichtige Rolle, und ein Verständnis davon ist für alle wichtig, die als Akteure in der Lebensmittelherstellung, Vermarktung und Ernährungsberatung tätig sind. Zudem entstehen viele ernährungsbedingte Er­­krankungen erst im Verlauf des späteren Lebens.
An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) wurde eine Studie durchgeführt mit dem Ziel, das Ess­verhalten von Seniorinnen und Senioren zu ­untersuchen. Die Studie soll folgende Fragen beantworten helfen: Was essen Schweizer ­Seniorinnen und Senioren? Welche Kriterien sind für die Lebensmittelauswahl wichtig, wo werden Lebensmittel eingekauft? Wer kocht und kauft ein, wie gesund sind die Befragten?

Qualität und Frische sind wichtig
Einige Ergebnisse werden hier vorgestellt. Vorab ist anzumerken, dass die 114 Befragten bereits In­teresse an Ernährung hatten und es sich daher nicht um eine repräsentative Stichprobe handelt.
Rund die Hälfte der Befragten ist verheiratet, das Durchschnittsalter beträgt 70,6 Jahre. Die Mehrheit der Befragten gab an, einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand zu besitzen. Das Einkaufen organisieren Paare oft gemeinsam, allerdings ist das Kochen bei Paaren überwiegend Sache der Frauen. Im Allgemeinen wird in dieser Altersgruppe sehr auf gesunde Ernährung geachtet, dabei berücksichtigen die Befragten hauptsächlich fettarmes Essen und ausreichendes Trinken.
Es zeigt sich, dass vor allem die Qualität, die Frische und die Saisonalität der Lebensmittel beim Einkauf für die Befragten von grosser Wichtigkeit sind. So geben 65% der Befragten an, ihnen sei die Qualität der ­Lebensmittel «sehr wichtig», bei der Frische der Lebensmittel sind es 73%, und bei der Saisonalität sind es 68%. Aus diesen Ergebnissen kann geschlossen werden, dass den Befragten vor allem natürliche, frische Lebensmittel aus der Region mit guter Qualität und gutem Aussehen wichtig sind. Dabei spielen soziale und ökologische Kriterien durchaus eine Rolle, wie die umweltfreundliche Erzeugung und Verpackung und der faire Handel. So wird die ökologische Erzeugung von Lebensmitteln von 71% der Befragten und die ökologische Verpackung von Lebensmitteln von 76% als für sie kaufentscheidend eingestuft. Praktische Gründe wie die Erhältlichkeit im Laden in der Nähe und auch das Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdatum spielen ebenfalls herausragende Rollen. Je älter die befragte Person ist, desto entscheidender ist es, dass sich Verpackungen gut öffnen lassen und  dass die Lebensmittel in einem Geschäft in der Nähe erhältlich sind. Daraus kann geschlossen werden, dass vor allem die älteren Befrag­ten in ihrer Lebensmittelauswahl durch die Faktoren «Lebensmittel lässt sich leicht öffnen» und «Im Laden in der Nähe erhältlich» eingeschränkt werden. Der Preis der Lebensmittel spielt bei den Befragten eine eher untergeordnete Rolle. Qualität, Erreichbarkeit und Saisonalität der Lebensmittel sind vorrangig.

Produkte mit Zusatznutzen bevorzugt
Insgesamt betrachtet werden sich aufgrund der demografischen Verschiebungen viele ge­sell­schaftliche Veränderungen ergeben, einige ­vorausplanbar, andere unvorhersehbar. So kann heute bereits mittels «demografic marketing» abgeschätzt werden, wie der Anteil ­älterer Konsumenten in den nächsten Jahrzehnten wachsen wird. Unternehmungen, die sich bereits heute auf den demografischen Wandel einrichten, sind gut beraten und ­werden nicht von Veränderungen der Bevölkerungsstrukturen überrascht werden.

Es wird eine grosse Herausforderung sein, dieses steigende Kundensegment als Zielgruppe zu behalten oder neu zu gewinnen und den Wünschen der Zielgruppe gerecht zu werden. Die Zielgruppe der Senioren verfügt über lange Konsumerfahrungen. Hierbei ­haben Frauen mehr Erfahrung als Männer, da sie in Paarbeziehungen vorrangig für die alltägliche Versorgung zuständig sind.
Verschiedene Konsumstudien zeigen, dass Senioren spezifische Präferenzen haben, die sie von jüngeren Konsumenten unterscheiden:
¦ nach qualitativ hochwertigen Produkten,
¦ nach Produkten, die die Probleme des ­Alterns lindern, also eine funktionelle Wirkungen zeigen,
¦ nach Produkten, welche die Lebensqualität und Selbstständigkeit steigern,
¦ nach Produkten, die mögliche Dienstleis­tungen mit hohem Service anbieten, wie Produkte mit Zusatznutzen und Beratungsservice.
Die derzeitig zu beobachtenden Trends nach Gesundheit, Bequemlichkeit, Genuss und Sicherheit werden weiter bedeutsam sein. Besonders wichtig sind auch die Verpackun­gen. So entsprechen kleinere Portionsgrössen eher den Erfordernissen von Einpersonenhaushalten. Auch sollten sie so gestaltet werden, dass das Öffnen für ältere Menschen ­besser zu bewerkstelligen ist. Die Schriftgrösse der Etiketten sollte besser lesbar sein und ­weniger auf Hochglanz gedruckt werden. Wenn es Schweizer Herstellern gelingen wird, diesen Markt im Fokus zu behalten, dann wird dies einen Marktvorteil für Schweizer Produkte bringen: die Verknüpfung von hoher Qualität und Konsumentenzufriedenheit.

*?Die Autorin leitet die Fachstelle Ernährung und Consumer Science am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation an der ZHAW.