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Pflichten werden präziser formuliert

Am 1. Dezember tritt die Verordnung über den Tierschutz beim Schlachten in Kraft. Die überarbeiteten Vorgaben stellen sicher, dass Tiere in der Schweiz möglichst schonend geschlachtet werden.

von Alimenta Import

Die letzten Stunden im ­Leben eines Nutztieres sind besonders heikel. Viele neue Erkenntnisse über das Verhalten von Nutztieren und über die Betäubung ­wurden in Empfehlungen und Richtlinien auf­ge­arbeitet. Mit der Überarbeitung der gesamten Tierschutz­gesetzgebung wurden auch die ­Rege­lungen zum Schlachten überarbeitet und rechtsverbindlich in Verordnungen festge­legt. Dies geschah mit der im September 2008 in Kraft getretenen neuen Tierschutzverordnung. Vervollständigt wird sie nun mit der Verordnung über den Tierschutz beim Schlach­ten (VTSchS), die Vorgaben der Tierschutzver­ordnung präzisiert und technische Vorgaben detailliert ausführt. Vieles davon war schon früher festgelegt, einiges ist aber auch neu.

So schonend und reibungslos wie möglich
Treibgänge dürfen nicht zu Verletzungen führen und sollen so gestaltet sein, dass das freiwillige Vorwärtsgehen der Tiere unterstützt beziehungsweise zumindest nicht behindert wird. Enge Kurvenradien von unter drei ­Metern und Richtungswechsel von weniger als 100 Grad sind deshalb neu verboten.
Aufenthaltsdauer und Unterbringungsbedingungen von Schlachtvieh wurden in die Verordnungen aufgenommen. Neu ist auch der Aufenthalt von Geflügel und Kaninchen in Transportkisten geregelt. Sie müssen nach zwei Stunden, bei aktiver Belüftung nach ­maximal vier Stunden, geschlachtet werden.
Die Schlachtung von milchabhängigen Jungtieren hat zwingend am Anlieferungstag zu erfolgen.
So nötig technische Vorgaben sind, entscheidend sind die Fähigkeiten und Kenntnis­se des Schlachthofpersonals. Seit September 2008 ist deshalb eine Ausbildung obligatorisch. Kenntnisse über das arttypische Erkundungs- und Fluchtverhalten, den Herdentrieb und den richtigen Einsatz von geeigneten Treib­hilfen in einem tiergerecht gestalteten Umfeld ermöglichen den schonenden Umgang mit den Tieren, erleichtern die Arbeit und senken das Stress- und Verletzungsrisiko von Mensch und Tier.

Sichere Betäubung ist zentral
Besonders wichtig in Bezug auf das Tierwohl ist eine fachgerechte Betäubung. Eine falsche Anwendung von Betäubungsverfahren verfehlt nicht nur das gesetzlich verankerte Ziel, dem Tier das bewusste Erleben des Tötens zu ersparen. Sie verursacht zusätzliches, nicht selten sogar grosses Leiden. Der hohe Stellenwert führt dazu, dass die sichere Betäubung der betrieblichen Selbstkontrolle unterstellt wird.
In der Tierschutzverordnung wurde die Betäubungspflicht präziser formuliert: Die Betäubung muss möglichst unverzüglich einsetzen und bis zum Eintritt des Todes anhalten. Weitere Schlachtarbeiten dürfen erst am toten Tier vorgenommen werden.
Die Einhaltung dieser Vorgaben können die Betriebe nur gewährleisten, wenn sie alle Faktoren beherrschen, die die Betäubungsqualität beeinflussen.

Für eine erfolgreiche Betäubung müssen detaillierte technische Vorgaben eingehalten werden. Für die Bolzen- oder Kugelschussbetäubung finden sich beispielsweise Angaben über die Auftreffenergie, das Bolzen- bzw. Munitionskaliber, ergänzt durch Abbildungen des korrekten Ansatzes. Der Schuss in den Hinterkopf ist neu bei Rindern, Pferden und Schweinen verboten. Geregelt sind ebenfalls die minimale Gaskonzentration und die ­Verweildauer in Kohlendioxid oder aber die Elektrodenansatzstellen, die minimale Stromstärke und die Dauer des Stromflusses für die Elektrobetäubung.

Die mit der Betäubung beauftragte Person muss die einzuhaltenden Werte kennen und sich während der Arbeit vergewissern, dass diese auch erreicht werden. Dies ist nur möglich, wenn sie laufend gemessen und für das Personal ablesbar angezeigt werden. ­Automatisierte Anlagen müssen Abweichungen akustisch oder optisch signalisieren, und die Werte müssen kontinuierlich aufgezeichnet werden.
Der Entbluteschnitt darf nur gesetzt ­werden, wenn sich das Tier im Zustand der Empfindungs- und Wahrnehmungslosigkeit befindet. Aus diesem Zustand darf es bis zum Eintritt des Todes nicht mehr erwachen. Eine regelmässige Überprüfung erlaubt es, allfällige Fehler zu bemerken und Korrekturmassnahmen schnellstmöglich einzuleiten. Diese Massnahmen sollen im Vorfeld festgelegt ­werden. Für eine allfällige Nachbetäubung muss ein einsatzbereites Ersatzgerät vor­handen sein. Abweichungen und getroffene Massnahmen sind zu dokumentieren.

Unterschiedliche Wirkdauer
Die einzelnen Betäubungsverfahren unterscheiden sich in der Wirkdauer. Deshalb ist die maximal zulässige Zeitspanne zwischen Betäuben und Setzen des Entbluteschnitts nach Tierart und Verfahren unterschiedlich geregelt.
Um zu gewährleisten, dass die Schlachtarbeiten erst am toten Tier durchgeführt ­werden, muss der Eintritt des Todes regel­mässig überprüft werden. Als Kriterium dient die starre, geweitete Pupille des Tieres. Für Schlachtvieh gilt eine generelle Wartezeit von drei Minuten ab Beginn der Entblutung.
Die Betäubungsgeräte und -einrichtun­gen können ihren Zweck nur zuverlässig erfüllen, wenn sie regelmässig gereinigt und unterhalten werden. Die mit dem Betäuben beauftragte Person trägt dafür die Verantwortung. Eine Wartung durch den Hersteller hat mindestens alle zwei Jahre zu erfolgen.
Bei Neueinrichtungen ist vor Inbetriebnahme vom Hersteller nachzuweisen, dass die Anlagen und die Geräte in betriebsbereitem Zustand sind und einwandfrei und bestimmungsgemäss funktionieren.
Die Pflicht zur Dokumentation der Arbeitsabläufe und Korrekturmassnahmen bei Problemen ist eine Grundlage der guten Geschäftspraxis und soll Transparenz schaffen.

Übergangsfrist für Umbauten
Die neuen Bestimmungen ziehen in einigen Betrieben Umstellungen nach sich, für die in bestehenden Betrieben Übergangsfristen vorgesehen sind. Für den Umbau von Treibgängen bleiben zehn Jahre Zeit, für das Nach- oder Umrüsten bestehender Einrichtungen fünf Jahre.
Betriebe, die nicht mit den exakt gleichen Betäubungsmethoden arbeiten, wie sie in den Anhängen der VTSchS aufgeführt sind, haben bis Ende November 2011 Zeit, eine befristete Sonderbewilligung zu beantragen. Bedingung für die Erteilung dieser Bewilligung ist der Nachweis in Form eines unabhängigen Gutachtens, dass die Betäubungspflicht, wie sie in der Tierschutzverordnung umrissen ist, erfüllt ist.
*?Die Autorin arbeitet beim Bundesamt für ­Veterinärwesen (BVet).