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Wenn Milch Bauchschmerzen verursacht

Laktoseintoleranz ist eine durch genetische Faktoren oder eine Schädigung der Darmschleimhaut verursachte Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker. Die Therapie besteht in der individuellen Anpassung der Laktoseaufnahme.

von Alimenta Import

Laktose ist Milchzucker, eine Zuckerart, die in ihre Bestandteile zerlegt werden muss, bevor sie aus dem Darm aufgenommen werden kann. Milchzucker ist in Milch und Milchprodukten nahezu aller Säugetiere enthalten. Die Aufspaltung erfolgt durch das Verdauungsenzym Laktase. Die Bildung von Laktase ist genetisch reguliert. Sie erfordert eine gesunde Dünndarmschleimhaut. Liegt ein Enzymmangel vor, gelangt Laktose nicht oder unzureichend abgebaut in den Dickdarm. Hier wird Laktose durch Bakterien unter anderem zu Wasserstoff abgebaut. Dabei tritt im Darm ein Druckanstieg auf, welcher mit dem Einstrom von Wasser und der Verstärkung der Darmbewegungen verbunden ist. Charakteristische Symptome sind Darmkrämpfe, Blähungen, Blähbauch, Durch­fälle und teilweise sehr schnelle Stuhlent­leerungen. Darüber hinaus zeigen sich häufig unspezifische Beschwerden wie zum Beispiel Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und morgendliche Übelkeit. Die Symptome treten in der Regel 30 Minuten bis etwa 2 Stunden nach der Aufnahme laktosehaltiger Lebensmittel auf. Ihre Ausprägung wird mitbestimmt durch die aufgenommene Laktosemenge und die noch vorhandene Laktase­aktivität. Die Kombination aus Enzymmangel und den beschriebenen Symptomen wird als Laktoseintoleranz bezeichnet. Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem sowie dem sehr selten auftretenden angeborenen Laktasemangel.
 
70% der Weltbevölkerung sind betroffen
Etwa 70% der erwachsenen Bevölkerung sind weltweit vom primären Laktasemangel betroffen. Abhängig von ihrer ethnischen Zu­gehörigkeit und den Ernährungsgewohnhei­ten treten grosse Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit des Laktasemangels auf. In vielen asiatischen Bevölkerungsgruppen beträgt ­diese Häufigkeit fast 100%. In Europa zeigt sich ein Nord-Süd-Gefälle. Für Skandinavien liegt die Häufigkeit um 2%, für Sizilien wird sie mit bis zu 70% angegeben. Die Aktivität der Laktase verringert sich nach dem Stillen. Das Ausmass und der Zeitraum dieser Enzym­aktivitätsabnahme sind ebenfalls von der ethnischen Zugehörigkeit abhängig. Bei Chinesen und Japanern verringert sich innerhalb von drei bis vier Jahren nach dem Abstillen die Enzymaktivität um 80 bis 90%. Im Gegensatz dazu weist Laktase bei Nordeuropäern teilweise erst 18 bis 20 Jahre nach dem Ab­stillen die geringste Aktivität auf.

Nachweis durch Messung in der Atemluft
Eine einfache Möglichkeit, die Diagnose zu stellen, besteht im Verzicht auf laktosehaltige Lebensmittel für einen begrenzten Zeitraum. Das Ausbleiben der Symptome unter Verzicht und Wiederauftreten bei erneutem Verzehr laktosehaltiger Lebensmittel kann für das Vorliegen einer Laktoseintoleranz sprechen. Für die eindeutige Diagnosestellung ist dieses Verfahren aber oft unzureichend. So kann ein Reizdarmsyndrom ähnliche Symptome verursachen. Die Symptome der Laktoseintoleranz und deren Ausmass sind individuell sehr unterschiedlich. Nur ein Teil der Patienten kann einen eindeutigen Zusammenhang ­zwischen Aufnahme laktosehaltiger Produkte und damit verbundenen Beschwerden herstellen. In der Praxis kann die laktosefreie Diät mit standardisierten Testverfahren kombiniert werden, um die Diagnose der Laktoseintoleranz zu bestätigen. Ein häufig verwendetes Testverfahren stellt der Laktose-Wasserstoff-Atemtest, der sogenannte H2-Atemtest, dar. Der beim Laktoseabbau gebildete Wasserstoff wird teilweise über die Lungen abgeatmet und kann somit in der Atemluft gemessen werden. Die Bestimmung der Wasserstoff-Konzentration in der Atemluft erfolgt vor und sofort nach der Aufnahme von 50 g Laktose sowie 30, 60, 90 und 120 Minuten später.

Aufgenommene Laktosemenge reduzieren
Die Grundlage für die Therapie der Laktose­intoleranz bildet die Anpassung der über die Ernährung aufgenommenen Laktosemenge. Ein Laktasemangel muss aber nur dann diätetisch berücksichtigt werden, wenn die betroffene Person Symptome aufweist. Die Therapie eines primären Laktasemangels besteht darin, die Laktoseaufnahme über die Ernährung in Abhängigkeit von der individuell tolerierten Aufnahmemenge zu reduzieren und auf ­diesem Weg dem Auftreten von  Beschwerden entgegen zu wirken. Der Patient ernährt sich über einen Zeitraum von 4 bis 6 Wochen ­laktosefrei. Das beinhaltet den Verzicht auf Milch, Milchprodukte und sämtliche mit Milch oder Milchpulver zubereitete Lebensmittel. Im Anschluss an diese Phase der laktosefreien Ernährung nimmt der Patient stufenweise Milchprodukte mit steigendem Laktosegehalt zu sich und testet auf diesem Weg die eigene Laktosetoleranz.
Dabei sind die vom Patienten beobachtete Verträglichkeit und sein Stuhlverhalten von grösserer Bedeutung als die Ergebnisse verwendeter Testverfahren. Nur ein ausgeprägter Laktasemangel erfordert eine dauerhaft lak­tosefreie Diät. In den meisten Fällen ist es ausreichend, die Ernährung auf eine mässig ­laktosearme Kost mit 8 bis 10 g Laktose pro Tag umzustellen. Die Betroffenen weichen dabei auf Lebensmittel mit geringem oder tiefem Laktosegehalt aus.

Alternative Produkte
Unter Berücksichtigung der individuell tolerierten Laktosemenge sollten Milch- und Milchprodukte Bestandteil der täglichen Ernährung sein, da sie wichtige Kalziumlieferanten darstellen. Fermentierte Milchproduk­te wie Joghurt, Sauermilch und Käse werden besser toleriert. Ergänzend können kalziumreiches Mineralwasser (>150 mg/l) und mit Kalzium angereicherte Fruchtsäfte aufgenommen werden, um eine ausreichende Kalziumzufuhr zu gewährleisten und damit Knochenabbauprozessen vorzubeugen. Mit Kalzium angereicherte Soja-Produkte können verwendet werden, sofern keine Allergie gegenüber den enthaltenen Eiweissen vorliegt. Auch die im Handel erhältlichen laktosefreien Milchprodukte sowie Kokosmilch, Hafermilch und Reismilch stellen eine Alternative für Betroffene dar. Bei der Herstellung laktosefreier Produkte wird Laktose durch die Verwendung von Laktase gezielt gespalten, die weiteren Bestandteile der Milch bleiben aber erhalten.

Patienten, die unter einem sekundären Laktasemangel leiden, sollten die Aufnahme von Laktose einschränken, bis die Grunderkrankung ausgeheilt ist, da die erfolgreiche Behandlung dieser Grunderkrankung im All­gemeinen zur Rückbildung des sekundären Laktasemangels führt.
Die Verwendung von Laktase-Enzympräparaten kann das Auftreten von Symptomen ebenfalls beeinflussen. Die enthaltene reine Laktase wird aus Hefen oder Pilzen gewonnen. Die Produkte sind in Tabletten- und ­Pulverform erhältlich und werden entweder ­direkt zu den laktosehaltigen Speisen gegeben oder zu der laktosehaltigen Mahlzeit ein­genommen. Die Enzympräparate verbessern die Verträglichkeit von Milchzucker deutlich, können aber häufig nicht die gesamte aufgenommene Laktosemenge abbauen.

*?Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Ernährung und Diätetik an der Berner Fachhochschule Gesundheit.