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ALP will die Stärken stärken

Die Forschungsanstalten Agroscope müssen sparen. ALP hat entschieden, drei ihrer Bereiche, darunter die Entwicklung neuer Verfahren für die Milchverarbeitung, aufzugeben. Direktor Michael Gysi erklärt, weshalb.

von Alimenta Import

«Alimenta»: Der Bundesrat hat kürzlich ein Kon­solidierungsprogramm (KOP) für die Finan­zen verabschiedet, das unter anderem Auswirkungen auf die staatliche Forschung haben
wird. Inwieweit betrifft dieses Sparprogramm die F­orschungsanstalt Agroscope ALP?
Michael Gysi: In einer ersten Phase, in den Jahren 2010 und 2011, werden die Budgets dieser Institutionen leicht gekürzt. Im laufenden Jahr muss Agroscope weniger als eine Million Franken sparen. Dieser Betrag steigert sich kontinuierlich. Im Jahr 2013 werden es 2,4 Millionen sein. Um die Vorgaben zu erreichen, haben wir «Abbaugebiete» definiert, also geprüft, welche Leis­tungen gekürzt werden können.

Welche sind es?
Die Geschäftsleitung hat entschieden, die Bereiche Tiergesundheit im Bereich der übertragbaren Krankheiten sowie die Entwicklung neuer Verfahren für die Milchverarbeitung aufzugeben. Arbeiten im Bereich der amtlichen Futtermittelkontrolle werden reduziert. Das Nationalgestüt, das ebenfalls zu ALP gehört, wird aufgrund der laufen­den politischen Diskussionen über eine Priva­tisierung ausgenommen.

Wie viele Mitarbeiter sind von diesem Schritt betroffen?

In den drei Bereichen, auf die wir verzichten oder in denen wir reduzieren, sind etwa acht Mitarbeiter beschäftigt. Wir haben ­ihnen neue Auf­gabengebiete innerhalb der ALP zuweisen können. Die meisten von ihnen übernehmen Stellen, die vakant waren. Entlassungen können vermieden werden.

Welche Auswirkungen hat die Aufgabe der Bereiche auf Ihre Kunden?
Bestehende Projekte werden zu Ende geführt. Interessenten für neue Aufträge in diesen Bereichen werden wir weiterleiten – beispielsweise an die ETH, die auf dem Gebiet der Verfahrenstechnik in der Milchwirtschaft sehr stark ist, oder auch an geeignete Forschungsstellen im Ausland. Weiter verfügt die Milchindustrie in der Verfahrenstechnik selbst über eine hohe Kompetenz.

Entsteht aus der Aufgabe einzelner Tätigkeits­bereiche ein Mehrwert für Agroscope?
Ja. Im Gegensatz zur Rasenmähermethode, in der alle Abteilungen immer und immer wieder gleich viel sparen müssen, können wir dank der Bestimmung von Abbaugebieten trotz kleinerem Budget unsere Stärken halten und fördern. Dieser Schritt erlaubt es uns, in Personal und Ausrüstung zu in­ves­tieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In den zwei aufgegebenen Gebieten waren wir nicht mehr an der Spitze der Forschung, oder andere Institutionen in der Schweiz sind bereits auf diesem Gebiet tätig.

Kommen weitere Sparübungen auf Sie zu?
Ja, weitaus grössere. Sämtliche Bundes­stellen, die über Labors verfügen, müssen prüfen, ob es Synergien gibt. Das daraus entstehende Sparpotenzial wird auf 20 bis 50 Millionen Franken geschätzt. Der Bundesrat hat ebenfalls beschlossen, das Budget der Ressortforschung um 30 Millionen Fran­ken zu kürzen. Die Ressortforschung ist angewandt und unterstützt die Politik. Dazu gehören beispielsweise Agroscope, das Institut für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe, aber auch Forschungsaufträge, die Bundes­ämter an Dritte vergeben.

Reicht der Abbau von Tätigkeitsbereichen, um die aktuellen Sparziele zu erfüllen?
Nein, zusätzlich müssen wir daran arbeiten, die Fixkosten im Bereich Infrastruktur zu minimieren. Ein Beispiel dafür ist der Verkauf der Versuchskäserei in Uettligen. Ähnliches ist in Posieux geplant; wir prüfen, ob der ALP-Landwirtschaftsbetrieb mit dem­jenigen der kantonalen Landwirtschaftsschule Grangeneuve LIG zusammengelegt werden könnte.

Die Forschungsanstalten verfügen über zahlreiche weitere Aussenstellen. Stehen diese zur Diskussion?
Jeder Standort ist für die Einhaltung seines Etats selber verantwortlich. Daher kann ich mich  über eine Aufgabe von Aussenstatio­nen von ART und ACW nicht äussern. Persönlich bin ich der Meinung, dass, wenn die grossen Sparprogramme in Kraft treten, wir die Standortfrage auf Stufe Agroscope disku­tieren müssen. Immerhin verfügt Agroscope über 7 Hauptstandorte, 14 Aussenstandorte und weitere Landwirtschaftsbetriebe.

Neben dem Sparen gibt es auch die Möglichkeit, mehr einzunehmen. Was unternimmt ALP dafür, die Ertragsseite zu stärken?
Wir setzen drei Schwerpunkte: Erstens wollen wir in der Entwicklung, aber vor allem in der Produktion und im Vertrieb von ­Käsereikulturen zulegen, die zu unseren Kernkompetenzen gehören. Wir investieren in diesem Bereich in zusätzliches Personal sowie Infrastruktur. Im Gegenzug haben wir uns dazu verpflichtet, damit mehr einzunehmen. Zweitens versuchen wir, mehr Drittmittel für die Forschung zu akqui­rieren. Das heisst, wir wollen vermehrt für ­externe Auftraggeber forschen.

Und drittens?
Unsere Analytikangebote für Futtermittel und die Milchwirtschaft. In diesen Bereichen müssen wir einerseits voll kosten­deckend sein, andererseits dürfen wir die privaten Mitbewerber nicht unterbieten. Eine Überprüfung des aktuellen Preisge­füges hat ergeben, dass einige Anpassungen nötig sind. Diese werden wir Anfang nächs­ten Jahres umsetzen.

Aktivitätsgebiete der Milchwirtschaft werden aufgegeben, diejenigen des Bereichs Fleisch bleiben unangetastet. Weshalb?
Vor Kurzem wurde die Forschung in der Fleischverarbeitung intensiviert. Diesen Schritt wollen wir nicht rückgängig ma­chen – umso mehr, als sie einen ­wichtigen Teil der Wertschöpfung des Ernährungssektors erwirtschaftet, gleichzeitig aber im Vergleich zur Milch auf diesem ­Gebiet ­wenig geforscht wird.

Bei einer Veränderung der Strukturen stellt sich die Frage nach den Standorten. Wird ALP Bern-Liebefeld aufgegeben und vollumfänglich nach Posieux umziehen?
Das ist offen. Bevor ein Entscheid fällt, muss sich der Kanton Bern dazu äussern, ob er den Umzug akzeptiert. Eine Arbeitsgruppe hat nachgewiesen, dass das Forschungsbudget durch einen Umzug nicht tangiert würde und dass der Bund als Be­sitzer der Immobilien nicht mehr bezahlen müsste als bisher.

Welche Vorteile hätte der Umzug?
Es liesse sich in Posieux ein landwirtschaftliches Zentrum für Forschung, Bildung und Beratung aufbauen, das schweizweit einzigartig wäre. Weiter könnten durch einen Umzug Synergien innerhalb von ALP genutzt werden.

Wie wird Agrosope in Zukunft noch schlanker?

Die Prozesse der drei Forschungsanstalten müssen weiter vereinheitlicht werden. Beispiele dafür sind die Bereiche Personal, Finanzen oder Kommunikation. Das erlaubt uns, gegen aussen, aber auch gegenüber der Bundesverwaltung klarer als Agroscope aufzutreten. Hingegen bin ich überzeugt, dass die drei Einheiten weiterhin über eine gewisse Autonomie verfügen müssen, damit die Organisation führbar bleibt.