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Das Ende der Quote naht

Wenn die deutsche Milchindustrie einen Milchpreis von mehr als 30 Cent zahlt, ist dies das Signal zu Mehrproduktion. So tönt es aus einer der grössten ­Molkereien Deutschlands. Ist die Milchschwemme 2015 vorprogrammiert?

von Alimenta Import

Kein gutes Haar liess Romuald Schaber, Präsident des European Milk Board (EMB), an der Schweizer Branchenorganisation Milch (BOM). Die BOM sei gescheitert, denn die Beschlüsse würden nicht umgesetzt. Die BOM sei ein warnendes Beispiel, dem die EU nicht folgen dürfe, denn auf dem EU-Milchmarkt sei ein wirksames ­Mengenmanagementsystem absolut notwendig, wurde Schaber in der Presseerklärung des European Milk Board zitiert. Das EMB möchte eine Monitoringstelle schaffen, die die nachgefragte Menge am Markt erfasst und die Produktion entsprechend anpassen würde.

Keine Milch-Opec
Ausserdem möchten die europäischen Milchproduzenten die Milchmenge knapp halten, damit sie noch einen guten Preis erzielen können. Ähnlich den zwölf Mitgliedsländern der Organisation erdölfördernder Staaten Opec, die bei zu grossem Angebot den Ölhahn zudreht. Kürzlich wollte das irische Dairy Board eine weltweite «Milch-Opec» ins Leben rufen. Die Opposition dagegen ist jedoch gross. So wollte beispielsweise der weltgrösste Milchprodukteexporteur, die neuseeländische Fon­terra, kein solches kartellähnliches Instrument schaffen. Fonterra, die rund 40% der weltweit gehandelten Milch verkauft, will nicht mit ­anderen Milchexporteuren über Preise verhandeln. ­Erboste Leserbriefschreiber trugen diesem Ansinnen der Iren in Meinungsäus­serungen in der neuseeländischen Zeitung «The national Business Review» Rechnung und fragten sich, ob die Iren schon einmal Neuseeland eingeladen ­hätten, ein Kartoffel- oder ein Bierkartell zu gründen.

Quotenerhöhungen und Superabgaben
In Europa wurde 1984 innerhalb der Euro­päischen Gemeinschaft (EG), aufgrund der grösser werdenden Milchseen ein Mengen­management, die Milchquote, eingeführt. ­Diese wurde 2003 im Rahmen der Reform der EU-Agrarpolitik bis 2014/15 verlängert. Daran geknüpft ist auch ein maximal zulässiger Fettgehalt der angelieferten Milch.
Ausserdem wurde für bestimmte EU-Länder eine Mengenerhöhung festgelegt. Für Deutschland beispielsweise ab 2006 um jährlich 0,5%, im 2008/09 erneut um 2%. Wer die Quote überliefert, muss für jedes Kilogramm Überlieferung eine sogenannte Superabgabe (ca. 28 Cents) an den Europäischen Ausrichtungs- und Garantiefonds Landwirtschaft (EAGFL) entrichten. Quotenüberlieferer, die die Superabgabe zahlen ­müssen, sind Italien, Holland, Österreich, Luxemburg und Zypern. Die Superabgabe gibt immer wieder Anlass zu Gerichtsfällen. Vor allem die Ita­liener haben Mühe, sich an die vorgegebene Quote zu halten. Die bis anhin noch nicht ­beglichenen Strafzahlungen von italienischen Milchproduzenten belaufen sich gemäss AgraEurope auf 530 Mio. Euro.
Einen vorsichtigeren Umgang mit der Quote pflegen Länder wie Deutschland oder Frankreich. Deutschland lieferte im Quotenjahr 2008/09 260?000 Tonnen weniger als die erlaubte Menge und der grösste Unterlieferer, Frankreich, gar 1,2 Mio. Tonnen, was mehr als einem Drittel der schweizerischen Milchmen­ge entspricht (siehe Seite 3). ­EU-weit wurde die Quote laut der deutschen Milchindustrie (milch­indus­trie.de) um 4,2% unterliefert. Im laufenden Milchjahr, von April bis September, wurde die Quote in Deutschland zu 99,7% ausgenutzt. Dies sei laut der Deutschen Kreditbank AG aufgrund der besseren Milchpreise realisiert worden. Laut Prognose der EU-Kommission steigt die gesamte Produktion von Milch bis zum Jahr 2015 um rund 2%. Im Zeitraum 2006 bis 2015 soll sie um 4% steigen.

Ist das Marktgleichgewicht gefährdet?
Die deutsche Milchwirtschaft diskutiert über ein Sicherheitsnetz für den freien Milchmarkt nach 2015. Die Milchindustrie prüft, ob in Angebotsspitzen Milch eingelagert werden kann. Die Frage stellte sich, ob kleinere Molkereien auch die Kapazitäten dazu und vor allem den Willen zur Zusammenarbeit hätten. Dies diskutierte schon letzten Winter der Milchindustrieverband (MIV) Deutschlands. Die EU-Kommission in Brüssel macht sich unterdessen Gedanken, wie Milchkontrakte in Euroopa künftig aussehen könnten. Währenddem warnte der europäische Rechnungshof vor den Folgen der Quotenabschaffung. Die Liberalisierung dieses Sektors könnte die Abwanderung der Milchproduktion in Gunst­lagen bedeuten und zu einer neuen Überproduktion führen.

Handel liest aus transparentem Milchmarkt
Dieser Ansicht ist auch ein Manager der aus der Fusion der beiden Milchriesen Humana und Normilch entstandenen Nordcontor. Die weltweite Mehrproduktion von Milch führe zu einem grossen Preisdruck. Denn die weltweite Nachfrage werde die Über­produktion nicht zu decken vermögen. «Wenn die Milchindustrie über 30 Cents zahlt, so wie jetzt, ist dies das Signal für die Milchproduzenten, mehr zu produzie­ren. Dann kommt der Handel, der den ­transparenten Milchmarkt verfolgt, und drückt die Preise.» So tönt es vom grössten Milchkonzern Europas, ­diametral anders als vom grössten Milch­konzern der südlichen Hemisphäre, Fonterra, der die Meinung vertritt, dass die Bauern es selber in der Hand hätten, weniger zu produzieren.