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Gratwanderung zwischen ­Ökologie und Schutz des Inhalts

Die Achillesferse des Getränkekartons ist dessen Beschichtung. Die Haltbarkeit des Inhalts und die Umweltverträglichkeit stehen und fallen damit. Einer der grössten Milchabfüller Europas startet ein Pilotprojekt.

von Alimenta Import

Der Getränkekarton besteht nicht nur aus nachwachsenden Rohstoffen, sondern zu 20% aus Polyethylen und zu 5% aus Aluminium. Und genau die dünne Beschichtung mit Alufolie macht den Tintenklacks im ökologischen Reinheft des Kartons aus. Josef Meyer, Geschäftsführer von Tetra Pak Schweiz, sagt, dass das Unternehmen als Marktführer im Getränkekartonbereich schon vor Jahren mit alternativen Beschichtungstechnologien gearbeitet habe. In absehbarer Zeit würden einige neue Projekte ge­startet werden. «Doch damit geht man einen Kompromiss ein, denn die Sperrschicht gewährleistet immer noch den besten Schutz, um eine hohe Gas- und Lichtundurchlässigkeit zu erreichen», stellt der Tetra-Pak-Chef fest. «Wenn die Sperrschicht aus Alu im Karton trotzdem eliminiert werden kann, ist das Sparpotenzial am grössten.»

Auch der Getränkekartonproduzent ­Elopak arbeitet mit alternativen Barrierema­teria­lien. Guido Hangartner von Elopak Schweiz sagt, dass EVOH(Ethylen-Vinyl-Alkohol-Co­polymeriat)-­Beschich­tungen bei Getränkekartons für Säfte oder Joghurtdrinks mit einer Haltbarkeit zwischen zwei bis drei Monaten eingesetzt würden. Dies ist bis jetzt nur im Ausland der Fall, für die Schweiz wird noch immer Alu eingesetzt. Ebenso sei diese Lösung für Fruchtsäfte mit einer Haltbarkeit von neun und mehr Monaten noch nicht praktikabel. Auch Elopak sucht nach zusätzlichen Alternativen. Neue Barrierelösungen sind laut Hangartner noch nicht spruchreif.

Holzanteil von über 80 Prozent
Mehr Milch aus neuen Getränkekartons, die mehr Holz enthalten als bisherige, will die deutsche Milchunion Hocheifel («muh») verkaufen. Im August führte die Firma den Eco-Plus-Pack von SIG Combibloc ein. Der Anteil Karton, der aus Holz gewonnen wird, liegt ­dabei bei über 80%. An der Innenseite der ­Packung hält eine dünne Polyamidschicht den Sauerstoff ab. Aussen wird mit einer Polyethylenschicht die Packung dicht gemacht. 28% CO2 werde dadurch laut Ökobilanzstudie gegenüber konventionellen Getränkepackungen eingespart. Damit wolle die Molkerei dazu beitragen, dass Kartonpackungen auch künftig zu den umweltfreundlichsten Verpackun­gen für haltbare Lebensmittel zählen, lässt die SIG Combibloc verlauten.

Wolfgang Rommel, Pressesprecher von «muh», sagt, dass es nach zwei Monaten Erfahrung im Handel viele Verbraucher gebe, die nicht bereit seien, auf einen Verschluss zu verzichten. Der Versuch dauert bis Ende Jahr. Erst dann wird gemeinsam mit dem Einzelhändler Rewe Bilanz gezogen. Inzwischen ist auch Kaufland daran interessiert, den Karton zu listen.

Viel gerühmter Stehbeutel zog nicht
Einen Preis für besonders umweltfreundliche Milchverpackungen hat die Biomolkerei ­Biedermann in Bischofszell gewonnen. Mit ihrem Ökostandbeutel Ecolean von der gleichnamigen schwedischen Firma wurden die Bischofszeller mit dem Coop-Naturapreis bedacht. Letztes Jahr gewannen sie den Ver­packungspreis Word Star Award. Das Verpackungsmaterial besteht aus Kalk sowie Kunststoff als Bindemittel. Was ökologisch ist, ist manchmal aber zu wenig gut für den Konsumenten. Ruedi Hochstrasser, Geschäftsführer der Molkerei, erklärt, dass dem Beutel kein Erfolg beschieden gewesen sei. Der Beutel wurde diesen Sommer von Coop ausgelistet und die Abfüllmaschine somit nach Russland verkauft. Die Convenience hat nicht gestimmt; das Ausschenken und das Dosieren waren schwierig. «Wir sind davon ausgegangen, dass der Ökologiegedanke durch den Konsumenten stärker gewichtet würde. Wir vermuten, dass auch die Schwabbeligkeit der Verpackung beim Konsumenten nicht gut ­angekommen ist», sagt Hochstrasser. Jetzt wird die Milch wieder in HDPE- und Karton-­Gebinden verkauft.

Aus Einweg mach Mehrweg
Um dem Beutel, der gegenüber dem Getränkekarton 40% Gewichtsvorteil aufweist, mehr Convenience zu geben, kam der britische Händler Sainsbury auf eine gute Idee. Seit letztem Sommer füllt die britische Molkerei Dairy Crest in neue Beutel aus Polyethylen ab. Die beiden Einzelhändler Sainsbury und Waitrose lancieren sie landesweit. Die Milchbeutel werden zusammen mit einer Kunststoffkanne namens «Jugit» für die Mehrfachverwendung angeboten. Sie werden verschlossen in die Jugit-Kanne eingestellt. Diese hat einen zweiteiligen Verschluss mit eingebautem  Einstichsystem. Der Verschluss ist mit einer wiederverschliessbaren Giessvorrichtung versehen. Laut Hersteller soll mit diesem System 75% Abfall eingespart werden.

Umstellung auf PET
Jedes Unternehmen versucht, mit Clean-Technologie etwas zu beweisen, sagt der Getränkespezialist Pierre Schwaller. Nachhaltigkeit sei seit Jahren das Thema in der Öffentlichkeitsarbeit der Grossverteiler. So sollen nachhaltige Verpackungen und Verpackungsoptimierun­gen bei Migros nächstes Jahr eine grosse Rolle in der Kommunikation spielen, sagt Heidi ­Oswald. Bei Getränkeverpackungen ist Migros in den letzten Jahren von der Mehrwegflasche weggekommen und hat sie fast ausnahmslos durch Einwegpackungen ersetzt. Glas werde heute teilweise wieder für hochwertige Produkte benutzt, sagt Oswald. Letzte Woche liess die Migros verlauten, den Ice-Tea in den Aromen Zitrone und Pfirsich künftig auch in der 0,5-Liter-PET-Flasche zu verkaufen. Dieser Entscheid sei gefallen, weil die Fan­gemeinde von Ice-Tea es so gewünscht hätte.

Gewichtsreduktion verbessert CO2-Bilanz
Sogar bei der Aludose, deren Ökobilanz ziemlich düster aussieht, werden ökologische Fortschritte gemacht. Nathalie Lüthi von Red Bull sagt, dass mit neuen Dosen in den letzten Jahren das Gewicht um 60% verringert worden sei. Folglich hätten sich Energieverbrauch, Transporte und Abfallmenge ebenfalls verringert. Die Dose hat deshalb im überregionalen Vergleich mit PET und Glas in vielen Bereichen gleichgezogen. Auch Aludosen werden rezykliert.

Mit einer Gewichtsreduktion der verwendeten PET-Flaschen kann auch Ramseier Suisse AG laut Peter Lötscher, Leiter Innovation, aufwarten. Diese Verpackungsart macht beim grössten Schweizer Apfelsaftproduzen­ten den grössten Anteil aus. Rivella konnte laut Pressesprecherin Monika Christener das transportierte Gewicht durch leichtere Flaschen und durch Weglassen der Paletten-Zwischenlagen vermindern. Die Traktor Getränke AG in Zürich hat das Gewicht ihrer Smoothie-Flaschen von 24 auf 18 Gramm gesenkt. «Flaschen aus Stärkeverbindungen sind noch nicht reif für die Produktion in Millionenauflage und auch zu teuer», sagt Peter Stephani von Thurella. Dass sich die Wettbewerbsvorteile bezahlt machen könnten, wenn man als erster mit einer «bio degradable bottle» auf dem Markt auftritt, ist für Rivella klar. Nur dürfte dies die Möglichkeiten einer KMU übersteigen, schätzt Monika Christener.