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Ruf nach Wiederverwertung

Vier Fünftel der Schweizer möchten ihre Getränkekartons sammeln und anschliessend rezy­kliert wissen. Bislang haben sie keine Möglichkeit dazu. Bald schon könnte sich dies ändern.

von Alimenta Import

Getränkekartons wer­den in vielen Ländern gesammelt und rezykliert, nicht so in der Schweiz. Bis jetzt fehlt das dazu nötige Logistikkonzept. Dies, obwohl die Schweizer Weltmeister sind im ­Sammeln von Altstoffen und die Konsumenten sehr daran interessiert wären, ihren Kehrichtsack und ihr Gewissen auch von den Getränkekartons zu entlasten. «Die meisten Anfragen, die wir erhalten, betreffen das ­Sammeln und Wiederverwerten», sagt Kurt Kuhn, Direktor von SIG Combibloc Schweiz. Unterstrichen wird seine Aussage durch eine Umfrage des Instituts IHA-GfK aus dem Jahr 2008, wonach 81 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Getränkekartons sammeln möchten.

Verbund der Hersteller
Um das grosse Bedürfnis zu befriedigen, hat SIG Combibloc mit Tetra Pak und Elopak, den zwei anderen grossen Herstellern dieser Ver­packungen, vor einigen Monaten den Verein Getränkekarton-Recycling gegründet. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, bis Anfang 2011 ein funktionierendes Sammel- und Entsorgungssystem auf die Beine zu stellen. Eine Möglichkeit sehen sie darin, die logistische ­Infrastruktur anderer Fraktionen zu nutzen.

Doch die Verpackungshersteller kommen nicht umhin, die Detailhändler in ihr Boot zu holen. Die Detailhändler, zusammengeschlossen in der IG Detailhandel Schweiz (DHS), ­äussern sich derzeit nicht darüber, wie sie der Initiative gegenüberstehen. Grund dafür ist eine Studie, die sie in Auftrag gegeben haben und die die Grundlagen für weitreichende und grundlegende Diskussionen schaffen soll. In ihrem Auftrag untersucht das Beratungsunternehmen Redilo das gesamte Recyclingsystem.

DHS möchte nach eigenen Angaben «das Erreichte nicht gefährden» und lässt deshalb die Belastbarkeit des gesamten Systems überprüfen. Weitere Komponenten wie Kunststoffe oder eben Getränkekartons, die ins System aufgenommen werden könnten, fallen teilweise in grossen Mengen an. Jährlich landen heute 700 Mio. Stück oder 24?000 Tonnen Getränkekartons in der Schweiz im Abfall.

«In der Studie wird die Recyclingleistung unter den Aspekten Ökologie, Kosten, technologische Machbarkeit und Akzeptanz auf allen Stufen beleuchtet», sagt Anita Gut von der IG DHS. Zusätzlich organisierte die IG DHS Ende Oktober eine Werkstatt, in der 40 Fachleute aus Verwaltung und Wirtschaft verschiedene Fragen diskutierten. Darunter etwa zur Entwicklung der Sortiertechnologie, zu den Potentialen, neue Sammlungen in bestehenden zu integrieren oder zu Potenzialen, das System zu vereinfachen. Die Ergebnisse der Diskussionen sollen ebenfalls in die Studie einfliessen. Ge­plant ist, dass die Studie bis Ende des Jahres abgeschlossen ist und dass die Resultate in den ersten Wochen des kommenden Jahres veröffentlicht werden. Aus diesem Grund rechnet SIG-Combibloc-Direktor Kurt Kuhn damit, dass das Recycling von Geträn­ke­kartons nicht vor Mitte 2011 starten kann.

Politur des Images
Aus seiner Sicht gibt es genügend Gründe, die für ein Mitmachen des Detailhandels ­sprechen. So ist z.B. die Infrastruktur schon vorhanden, die Umwelt profitiert und die Konsumenten sparen erst noch Abfallgebühren. Dass das ­Recycling funktioniert, wurde wiederholt in Versuchen bewiesen. Wie im Ausland wurde in der zur Model-Gruppe gehörenden Papierfabrik Thurpapier der Zellstoff der Getränkekartons wiederverwertet, der Reject (Polyethy­len und Aluminium) der Zementverarbeitung zugeführt. Ein weiterer Grund ist, dass es ökologisch und ökonomisch sinnvoll wäre.

Zu diesem Schluss kommt eine Ökoeffizienzstudie, die der Verein Getränkekarton-Recycling bei der Basler Firma Carbotech in Auftrag ge­­geben hat. In der Schweiz stehe derzeit die Methode mit einem Recycling des Kartons und der Verbrennung des Rejects im Zementwerk im Vordergrund, schreiben die Studienverfasser. Jedoch empfehlen sie eine Weiterentwicklung des Recyclingsystems, wodurch auch Polyethy­l­en und Aluminium wiederverwertet werden könnten. Dadurch liessen sich die Umweltauswirkungen reduzieren und die Ökoeffizienz erhöhen. Eine hohe Ökoeffizienz bedingt eine hohe Sammelquote.

Und die Konsumenten sollten die leeren Gebinde nur mit kaltem Wasser ausspülen. Selbst eine Verwertung in europäischen Werken könnte sich lohnen, bis in der Schweiz genügend Anlagen ausgerüstet sind. «Der Bahntransport ist von untergeordneter Bedeutung», stellen die Autoren fest.

Die Mehrkosten
Das Recycling von Getränkekartons hat Mehr­kosten von 30 bis 50 Prozent im Vergleich zur Entsorgung im Müll und der Verbrennung in der Kehrichtverbrennungsanlage zur Folge. Kurt Kuhn schlägt vor, diese 1 bis 2 Rappen pro Karton in Form von vorgezogenen Re­cyc­ling­gebühren bei den Konsumenten ein­zuzie­hen. Das kostet den Durchschnitts­konsu­men­ten weniger, als wenn er die leeren Verpackun­gen in den gebührenpflichtigen Abfallsack steckt.