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Erfahrungen beim Schritt in die Selbstständigkeit

von Foodaktuell Importer

Die Inhaber von gewerblichen Metzgereien suchen normalerweise einen Nachfolger, wenn sie sich altershalber zurückziehen. Nicht alle finden einen innerhalb der Familie. Aber viele Metzger ohne väterlichen Betrieb möchten eines Tages einen Betrieb übernehmen. «foodaktuell.ch» hat drei befragt, wie sie den Wechsel vom Angestellten zum Inhaber erlebten.




Hans Lingg mit Gattin Jacqueline und Sohn Andreas,
gelernter Metzger wie auch gelernter Koch.

Hans Lingg, Metzgereiinhaber in Zofingen, ist auch als Selbstständiger MPV-Mitglied geblieben. Er schätzt beim MPV «die viele Weiterbildungsangebote und den Kontakt zu Branchenkollegen». Seine Spezialitäten sind Zofinger Rauchknebel, Brühwürste mit Dörrzwetschen oder Basilikum, Lammwurst, Lemonwurst mit Zitronengras und Whiskywurst. Im Take-away gibt es ein Tagesmenu sowie Schinkengipfel und Wurstweggen. Er beschäftigt fünf Mitarbeiter und macht 40% Umsatz mit Wurstwaren, 60% mit Frischfleisch plus Take-away und Partyservice, der ein starkes Standbein ist. Lingg kooperiert mit der Metzgerei Sandmeier in Kölliken, lässt dort schlachten und bezieht einige Brühwurstarten.

foodaktuell: Warum haben Sie beschlossen, einen Betrieb zu übernehmen?
H.L.: Die Selbstständigkeit reizte mich. Ich wollte kreative neue Produkte entwickeln und einen Partyservice aufbauen.

foodaktuell: Wie haben Sie den Schritt zum Betriebsinhaber finanziert?
H.L.: Ich bin Pächter, investierte aber in neue Produktionsanlagen, was ich mithilfe der Bank finanzierte.

foodaktuell: Wie haben Sie den geeigneten Betrieb und das Personal dazu gefunden?
H.L.: Ich sah das Inserat in der MPV-Zeitung «Metzger+Wurster». Die Mitarbeiter konnte ich übernehmen.

foodaktuell: Hat die Metzger-Treuhand eine Rolle gespielt?
H.L.: Sie machte eine Betriebsanalyse und betreut mich heute weiterhin. Ich erhalte von dort eine fachkompetente Beratung.

foodaktuell: Arbeitet Ihre Frau im Betrieb mit?
H.L.: Sie ist die Ladenchefin. Es war mir sehr wichtig, dass sie voll im Betrieb mitarbeitet.

foodaktuell: Wie sehen Sie die Zukunft?
H.L.: Optimistisch, wenn man sich spezialisiert auf Hochwertiges und ein breites Sortiment anbietet. Besonders freut mich, dass wir viele junge Kunden haben, die Rezepte und Kochtipps verlangen.

Interview: Arthur Rossetti




Andreas Zurbuchen mit Gattin Sonja

Andreas Zurbuchen (44), Metzgereiinhaber der Stedtli-Metzg in Nidau BE und MPV-Mitglied hatte vor der Selbstständigkeit grosse Erfahrung als Bankmetzger im Bündnerland und der Waadt sowie in den Läden von Bell und Kauffmann.

foodaktuell: Wann und warum haben Sie beschlossen, einen Betrieb zu übernehmen?
A.Z.: Ich habe den Betrieb vor fünf Jahren übernommen. Es war ein Bauchentscheid: mein Onkel, der vormalige Inhaber, war plötzlich verstorben, dadurch ergab sich eine einmalige Chance. Die Metzger-Treuhand machte eine Analyse. Innerhalb von nur drei Wochen ging alles über die Bühne. Ich verhandelte mit der Bank über die Finanzierung, wir zügelten nach Nidau, suchten zusätzliche Mitarbeiter und das Wichtigste: Meine Frau zögerte keinen Augenblick, mich bei diesem Wechsel zu unterstützen, was nicht selbstverständlich war. Zudem zeigte mein vormaliger Arbeitgeber grosses Verständnis und mein Arbeitsverhältnis wurde im gegenseitigen Einvernehmen vorzeitig aufgelöst.

foodaktuell: Warum sind Sie MPV-Mitglied geworden?
A.Z.: Weil mich die Kollegialität unter Berufsleuten besonders anzog. Das Gesellige und der Austausch waren mir wichtig. Kurse im ABZ und in der Region brachten mir beruflich sehr viel. Ich blieb trotz der Selbstständigkeit Mitglied, trat nun aber selbstverständlich auch dem SFF bei.

foodaktuell: Arbeitet Ihre Frau im Betrieb mit?
A.Z.: Ja, im Laden während der Schulzeit, denn wir haben Kinder im Schulalter. Sie ist verantwortlich und hat Freude am Gestalten des Ladens. Am schulfreien Mittwoch haben wir geschlossen, denn ein Metzger muss auch der Familie Priorität geben, nicht nur dem Geschäft.

foodaktuell: Welche Gedanken machen Sie sich für die Zukunft?
A.Z.: Selbstverständlich frage ich mich, wie ich neue junge Kunden gewinnen kann. Zudem mache ich mir heute schon Gedanken über die Nachfolgeregelung. Lohnen sich meine Investitionen und ist das Geschäft bei einer späteren Übergabe dann finanzierbar für den Nachfolger? Mein Standort mitten in Nidau ist hervorragend. In der Nähe sind Fachgeschäfte und die Post, auch Parkplätze sind genug vorhanden. Ich will mehr Spezialitäten herstellen und als Fernziel den Laden vergrössern.

Interview: Arthur Rossetti. Bilder zvg




Stefan und Nicole Schlüchter (zvg)

Metzgermeister Stefan Schlüchter hat im Juni 2010 die frühere Metzgerei Röthlisberger in Dürrenroth BE übernommen. Sie heisst nun «feini choscht».

foodaktuell: Wann haben Sie beschlossen, die Meisterprüfung zu machen und einen Betrieb zu übernehmen?
S.S.: Bereits während der Lehre war für mich klar, dass ich die Meisterprüfung machen will. Schon zu diesem Zeitpunkt war das Ziel für mich einmal selber einen Betrieb zu führen. Jedoch ergaben sich auch Interessante Tätigkeiten auszuüben. z.B. die Fachlehrertätigkeit am ABZ in Spiez, oder die Forschungsarbeiten bei Agroscope. Als ich vom ABZ zu Agroscope wechselte und dort einen befristeten Arbeitsvertrag unterschrieb, war für mich der Zeithorizont gegeben, bis wann ich mein Berufsziel verwirklichen möchte.

foodaktuell: Wie finanzieren Sie den Schritt zum Betriebsinhaber?
S.S.: Die Finanzierung ist in unserem Fall ein Beispiel, wie es in der Fleischbranche als zukunftsweisend anzusehen ist. Der frühere Betriebsinhaber (Urs Röthlisberger), lässt mir einen grossen Teil der Aktien stehen, welche ich ihm laufend abkaufen kann. So kann ich mit einem relativ kleinen Eigenkapital starten.

foodaktuell: Haben die Metzger-Treuhand und der MPV eine Rolle gespielt?
S.S.: Die Metzger-Treuhand hat eine sehr tragende Rolle gespielt. Sie hat den ganzen Betrieb geschätzt und eine Rentabilitätsrechnung gemacht. Die Beratung in der Wahl der Gesellschaftsform wurde durch sie mit grossem Fachwissen unterstützt. Auch in der Beratung bei der Bildung des Aktienkaufvertrages hatten sie die Federführung. Der MPV hat während meiner Ausbildung dazu beigetragen.

foodaktuell: Wie haben Sie den geeigneten Betrieb und das Personal gefunden?
S.S.: In der heutigen Zeit ist es kein Problem einen Betrieb zu finden, welcher übernommen werden kann. Viele suchen einen Nachfolger. Der frühere Betriebsinhaber hatte mir schon früh mitgeiteilt, dass ich bei einem allfälligen Wechsel in die Selbständigkeit seinen Betrieb prüfen solle, da er keinen Nachfolger hatte. So hatte ich auch mit ihm den Kontakt gesucht, als es um eine Betriebsauswahl ging. Mein Vorgänger hatte schon das geeignete Personal. Meine Aufgabe war also, nicht neues zu finden sondern das gute zu erhalten. Dies ist mir zum Glück zu 100% gelungen.

foodaktuell: Welches ist die Rolle Ihrer Frau im Geschäft?
S.S.: Sie ist ausgebildete kaufmänische Angestellte und erledigt einen grossen Teil der administrativen Arbeiten. Bei anfallenden Arbeiten im Betrieb soll sie langsam hineinwachschen. Auch unser Jan wird nicht zu kurz kommen.

foodaktuell: Was ist neu und was bleibt in Ihrem Betrieb?
S.S.: Bleiben werden die traditionellen Emmentaler Produkte aus dem Küchenrauch. Ebenfalls das tolle Personal. Die Produkteauswahl wird jedoch sicher breiter und abwechslungsreicher.

Interview: GB