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Nur Platz 13 für Schweiz im Klima-Länder-Rating

Schlechte Noten für Schweizer Klimapolitik. Kühe als Klimakiller?

von Foodaktuell Importer


Eine Mehrheit der Bevölkerung will, dass die Schweiz zum klimafreundlichsten Land Europas wird – das zeigte eine repräsentative Umfrage des WWF. Doch davon sind wir weit entfernt: In der internationalen Klimaschutz-Rangliste landet die Schweiz nur auf dem 13. Platz.




Immerhin: Unser Land produziert dank Wasserkraft CO2-armen Strom. Bild: Die Staumauer Grande Dixence im Wallis – volumenmäßig grösster Stausee der Schweiz.
Das Wasser wird in vier Kraftwerken mit zwischen 874 m und 1883 m Fallhöhe verwendet. Der Stausee wird durch natürliche Zuflüsse von 35 Gletschern und von vier Pumpstationen gespeist. Bild: Grande Dixence S.A.

Das jährliche Rating des Climate Action Networks Europe und der Umweltorganisation Germanwatch untersucht die Emissionshöhe, die Emissionsentwicklung und die Klimapolitik der Staaten. Wie letztes Jahr landet die Schweiz auf dem 13. Gesamtrang. Doch ausgerechnet bei der Emissionsentwicklung ist die Schweiz um zwei Plätze auf Rang 20 zurückgefallen. Dabei sind die neuesten Daten für 2009 noch gar nicht berücksichtigt: Während die CO2-Emissionen in ganz Europa deutlich gesunken sind, lag der Rückgang in der Schweiz bei nur 2%.

Den 13. Gesamtrang verdankt die Schweiz vor allem dem Umstand, dass der inländische CO2-Ausstoss vergleichsweise tief ist. Der Grund: Unser Land produziert dank Wasserkraft CO2-armen Strom und importiert viele Güter. Deren Herstellung verursacht grosse Emissionen, die aber in diesem Rating jeweils dem Produktionsland angerechnet werden.

Sonst wäre die Schweiz noch weiter hinten platziert, denn auch bei der Klimapolitik gibt’s schlechte Noten, nämlich lediglich Rang 27. „Wenn alle Länder eine so schwache Klimapolitik machen, lässt sich die globale Erwärmung nie unter 2 Grad halten, wie dies ja auch der Bundesrat für nötig hält“, sagt Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik beim WWF Schweiz. Dabei finden zwei Drittel der Bevölkerung, dass die Politik mehr fürs Klima tun müsste, wie eine repräsentative WWF-Umfrage zeigt.

Eine Mehrheit will gar, dass die Schweiz zum klimafreundlichsten Land Europas wird. Heute liegt sie weit hinter Vorreitern wie Schweden, Norwegen oder Deutschland zurück, die alle zu den Top Ten gehören. Und dies, obwohl die Podestplätze 1 bis 3 erneut nicht vergeben wurden, weil kein Land eine ausreichende Gesamtleistung zeigt. Brasilien, Schweden und Norwegen besetzen die Plätze 4 bis 6. Am Schluss der Rangliste stehen Australien, Kasachstan und Saudi Arabien.

Top ten Rangliste der klimafreundlichen Länder


1. – 3. nicht vergeben.
4. Brasilien
5. Schweden
6. Norwegen
7. Deutschland
8. Grossbritannien
9. Frankreich
10. Indien
13. Schweiz

Im Climate Action Network Europe sind 141 Klima-Organisationen zusammengeschlossen, darunter der WWF Schweiz: www.climnet.org. (Text: WWF)

Mehr Energie-Effizienz und Ersatz fossiler Energie-Quellen durch erneuerbare ist das Gebot unserer Zeit.

Unser Lebensstil überfordert die Erde

Unsere Lebensweise ist immer weniger nachhaltig. Eineinhalb Jahre braucht unser Planet derzeit um zu ersetzen, was wir in einem Jahr verbrauchen. In reichen Ländern ist das Verhältnis noch viel ungünstiger. Das zeigt der “Living Planet Report”, den Umweltschutzorganisationen heute in London präsentiert haben. Der Bericht, der seit 1998 alle zwei Jahre erscheint, gibt aktuell den Forschungsstand von 2007 wieder.

Die Diagnose des Zustands vom “Patient Erde” hat sich gegenüber 2008 verschlechtert, als der Verbrauch mit 1,3 Erden beziffert wurde. “Einerseits steigt die Abholzung weiter, andererseits kann der Bericht nun auf mehr und detailliertere Daten zurückgreifen als zuletzt”, erklärt Franko Petri von WWF Österreich. Auch die Zukunftsprognosen gehen nun davon aus, dass man bereits im Jahr 2030 statt erst 2050 auf einen Verbrauch von zwei Erden kommen wird, 2050 sogar auf fast drei. Seit Beginn der 80er-Jahre kann die Erde unserem Wirtschaften nicht mehr nachkommen.

Rechnung für Umweltsünden

Hinter dieser Entwicklung stehen die grossen Umweltprobleme der Gegenwart, allen voran die Treibhausgase, deren Ausstoss heute elfmal höher ist als 1961. 70 Prozent der Fischgründe sind durch die industrielle Fischerei stark geschädigt (pressetext berichtete: http://pressetext.com/news/100505032/ ), was 520 Mio. Menschen, die von der Fischerei leben, gefährdet. Die Abholzung schreitet voran, wobei 130.000 Quadratkilometer Wald jährlich in Weide- und Ackerland umgewandelt werden. Das entspricht der gemeinsamen Grösse von Österreich und der Schweiz.

Ein Resultat dieser Entwicklungen ist das Artensterben. 30 Prozent der 1970 lebenden Arten – in den Tropen sogar doppelt so viele – sind heute verschwunden. Dammbauten und Flussregulierungen sind daran wesentlich beteiligt – und sorgen auch für die Zuspitzung der globalen Wasserkrise (siehe: http://pressetext.com/news/100203025/ ). 900 Mio. Menschen verfügen derzeit nicht über sauberes Trinkwasser und 2,5 Mrd. fehlen saubere Sanitäranlagen. Im Jahr 2025 werden 5,5 Mrd. Menschen mit Wasserknappheit zu kämpfen haben, warnt der Bericht.

Norden lagert Umweltprobleme aus

Nur im Norden erholen sich Tier- und Pflanzenarten dank Umwelt- und Naturschutz und auch der Wasser-Fussabdruck scheint in Mitteleuropa in Ordnung zu sein. Der Schein trügt jedoch. “Durch die Importe verbrauchen wir um ein Vielfaches mehr an Ressourcen und auch an Wasser. Der reiche Norden lagert seine Umweltprobleme bloss aus”, betont Petri. Das verdeutlichen die Details des Reports. Weltweit verbraucht jeder jährlich 2,7 Hektar zur Erzeugung von Ressourcen und CO2-Aufnahme, wovon die Erde nur 1,8 Hektar wieder gutmachen kann. “In Deutschland, Österreich und der Schweiz beträgt diese Fläche über fünf Hektar, in Ländern wie Indien nur 0,5 Hektar.”

Radikaler Wandel nötig

Das Problem spitzt sich weiter zu, da die Menschheit bis 2050 die Neun-Milliarden-Marke erreichen wird. Die Lösungen liegen auf der Hand, ist der WWF überzeugt. “Stopp der Entwaldung, Erklärung von 15 Prozent der Erdoberfläche zum Schutzgebiet, Reduktion des Konsums und Ressourcenverbrauchs, mehr Energieeffizienz und Ersatz von fossilen Energiequellen durch erneuerbare”, zählt Petri auf. Der Ausstoss von Treibhausgasen müsse sich bis 2050 um 80 Prozent reduzieren, zudem sei der Kampf gegen Hunger und Armut unumgehbar. “Erst wenn man Frauen mehr Rechte gibt und die Gesundheit sowie die sozialen Leistungen im Süden verbessert, flacht der Bevölkerungsanstieg ab.”

Dieser radikale Wandel muss im nächsten Klimaabkommen enthalten sein, so der Umweltexperte. Der UN-Klimagipfel 2009 in Kopenhagen hat ein solches Globalziel weit verfehlt. “Das Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus. Zudem kommt der Norden kommt seiner Selbstverpflichtung für Hilfsleistungen an den Süden auch bisher nicht nach”, erinnert Petri. Download des Berichts unter: http://wwf.at/de/livingplanetreport2010/ (Text: pte)

Nutztierhaltung als Kilmakiller?

Kommentar
von Dr. Hansuli Huber

Geschäftsführer Schweizer Tierschutz STS

Die Ausdehnung der weltweiten Tierproduktion – der weltweite Fleischverbrauch hat sich seit 1980 verdoppelt, die Pouletsnachfrage gar verfünffacht – ist in der Tat punkto Klima, Ökologie und Tierschutz problematisch. Doch die Schweiz weist einen tiefen Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln auf. Lediglich etwa 2/3 der nachgefragten Kalorien werden hierzulande erzeugt, der Rest wird importiert. Und im Unterschied zu den allermeisten anderen Ländern ist hier der Fleischkonsum seit 1985 stetig gesunken und liegt pro Kopf um 20 – 30 kg tiefer als in der EU.

Die Schweiz weist zwar (zu) viehdichte Regionen auf, z.B. im Luzernischen, wo 4 x soviel Schweinegülle/Fläche ausgebracht wird wie in der Restschweiz, doch die Mehrzahl der Kantone ist „tiermässig“ nicht überbevölkert, wie ab und zu behauptet wird. Dies im Gegensatz etwa zu Ländern wie Dänemark und Holland, die in Massentierhaltungen fast doppelt so viele Schweine produzieren, wie sie im Inland absetzen können.

Gäbe die Schweiz die Nutztierhaltung auf, würde das die Überschussproduzenten im Ausland freuen, doch dem Klima wäre damit nicht geholfen, da dadurch lediglich 0.015% des CO2-Ausstosses weltweit eingespart würde, d.h. nichts! Gefährlich sind hingegen die industrielle Massentierhaltung und die Intensivlandwirtschaft.


Am meisten landwirtschaftliche Emissionen verursachen nämlich synthetische Dünger für die grossen Monokulturen zur Produktion von billigem Kraftfutter in Brasilien, den USA und der EU. Deshalb: Behalten wir bei der hitzig geführten Klimadiskussion einen kühlen Kopf und ziehen wir für unser Land die richtigen Schlüsse. Nicht Verzicht oder Einschränkung, sondern eine naturnahe, bäuerlich geprägte und artgemässe Tierhaltung mit Auslauf und Weiden wie wir es hierzulande anstreben, ist der beste Klimaschutz. Die deutsche Tierärztin und prominente Kritikerin des Agrobuisiness, Anita Idel, bringt es auf den Punkt. Sie titelt Ihr neuestes und sehr empfehlenswerte Buch: „Die Kuh ist kein Klima-Killer!“

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