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«Ich laufe mit offenen Augen durchs Leben»

Miriam Blocher, Chefin des Basler Läckerli Huus, setzt auf Schweizer ­Tradition und Innovation. Für die Gewinnerin des «Idee Suisse Awards» bedeutet die Entwicklung neuer Produkte und Vertriebswege harte Arbeit.

von Alimenta Import

Alimenta: Im Oktober wurde Ihnen der Idee Suisse Award für Ihren «innovativen Beitrag zur nachhaltigen Stärkung der Schweizer Wirtschaft» verliehen. Was ist darunter zu verstehen?
Miriam Blocher: Als ich den Preis erhielt, habe ich mich das auch gefragt. Gut fand ich vor allem, dass mit uns eine kleine innova­tive Traditionsfirma ausgezeichnet wurde. Das Läckerli Huus geht seit jeher mit der Zeit, bei den Produkten, Services und Verpackungen, aber auch beim Vertrieb: 1950 wurde der erste eigene Laden eröffnet, 1960 der Versandhandel gestartet, seit zehn Jahren gibt es einen Online-Shop.

Welches ist Ihr Erfolgsrezept?
Ich denke, im Gesamtpaket innovativ zu sein – und zwar dort, wo es das Läckerli Huus stärkt. Dabei geht es nicht darum, um jeden Preis Neuheiten zu lancieren. Vielmehr muss die Qualität stimmen und dem Kunden Mehrwert bringen.
 

Inwieweit lassen Sie die Meinung der Kunden in neue Entwicklungen einfliessen?
Wir binden unsere Kunden aktiv ein. So schreiben uns viele oder nutzen die Möglichkeit, Bemerkungen auf den Bestell­karten anzubringen. Und in den Läden ­notieren unsere Verkäuferinnen alle An­regungen. Auf Kundenwunsch haben wir beispielsweise Läckerli au chocolat noir ­eingeführt. Selbst wenn wir nicht jeden Vorschlag umsetzen, versuchen wir, die ­generellen Kundenbedürfnisse auch mit Marktstudien zu erfassen. Für neue Produkte führen wir Degustationen durch.

Allein mit Ihren Mitarbeitern haben Sie bestimmt jede Menge freiwillige Tester. Wie binden Sie die Belegschaft in die Ideenfindung ein?
Wir haben ein Innovationsteam: Verantwortliche aus dem Verkauf, aus der Entwicklung und der Produktion beobachten laufend den Markt und bringen Ideen ein. Darüber hinaus können alle Mitarbeiter mündlich oder schriftlich Vorschläge einreichen. Die besten werden prämiert.

Woher kommen Ihre eigenen Geistesblitze?
Ich laufe mit offenen Augen durchs Leben und nehme dabei viele neue Impulse auf. Doch der Weg von einer Idee bis zur ­rea­lisierbaren Innovation ist steinig und bedeutet harte Arbeit: So bereite ich mich ­jeweils gründlich auf meine Innovations­sitzungen vor. Danach gilt es, Systematik in die generierten Ideen zu bringen. Schliesslich müssen diese kanalisiert und ausge­arbeitet werden. Dieser Prozess erfordert Zeit und Disziplin. Ganz zu schweigen von der eigentlichen Umsetzung. Eigentlich hätte ich einen Fleiss-Preis bekommen ­sollen.

Welches war Ihre bisher verrückteste Idee?
Das Läckerli Huus zu übernehmen. Im Ernst: Wirklich mutig war unser Einstieg mit Coop, Manor und Volg in den Schweizer Detailhandel Ende 2008.

Warum?
Wir stellten uns beispielsweise die Frage, ob die Produkte nach unseren Vorstellungen präsentiert werden und ob der Preis passt. Bisher verlief die Kooperation sehr erfolgreich. So konnten wir unsere Bekanntheit schweizweit steigern, ohne dass unsere Markenwerte darunter gelitten haben.
Was hat die neue Zusammenarbeit im Weihnachtsgeschäft mit Möbel Hubacher bisher gebracht?
Dort können wir unsere Produkte in der Geschenkboutique präsentieren und profitieren von der hohen Besucherfrequenz des Möbelhauses.

In der Schweiz bauen Sie die Präsenz laufend aus und treiben gleichzeitig das Exportgeschäft voran. Erstmals haben Sie mit den Läckerli-Huus-Produkten den Sprung nach Asien gewagt und zählen auch die grösste Airline Japans, ANA, zu Ihren Vertriebspartnern.
Die Region Tokio ist unser grösster Hauptmarkt im Ausland. Dort sind wir in ausgewählten Warenhäusern präsent. Die Japaner haben ein sehr hohes Qualitätsbewusstsein und legen grossen Wert auf herzige Geschenke und kleine Verpackungen. Sie sind auch bereit, für Qualität zu bezahlen. Das passt genau für unsere Rahmtäfeli. Wir berappen allerdings 25 Prozent Zoll für die Einfuhr, der Endpreis ist deshalb doppelt so hoch wie in der Schweiz. Aus diesem Engagement ergab sich die Zusammenarbeit mit der ANA. Wir liefern Flûtes de Bâle caramel für die Inland- und Rahmtäfeli für die Inter­kontinentalflüge.

Wie beschriften Sie dort die Verpackung? Läcker­li Huus dürfte für die Japaner ein Zungenbrecher sein.
Wie bei der Schweizer Verpackung steht auf der Vorderseite «Läckerli Huus». Einzig hinten klebt eine Etikette auf Japanisch mit ­Informationen zu den Zutaten und Nährwerten sowie mit dem Vermerk «hergestellt in der Schweiz». Die Japaner mögen es ­authentisch und bevorzugen einen schweizerischen Echtheitsausweis. Darum haben wir hier wie in anderen Ländern auch
die Marke beibehalten – selbst wenn sie schwierig auszusprechen ist.

Wie wollen Sie die mondäne Stadt New York mit Ihren lokalen Schweizer Traditionsproduk­ten erobern? 
In New York vertreiben wir Läckerli, Rahmtäfeli und Flûtes über eine hochwertige Supermarktkette, die bereits Schweizer Artikel im Sortiment hat. Dort und in Texas testen wir, wie unsere Produkte geschmacklich und preislich ankommen.

Und wo in der Welt setzen Sie weitere Schwerpunkte?
Auch in China und Russland strecken wir momentan unsere Fühler aus. In Deutschland kommen unsere Produkte gut an. Dort arbeiten wir u.a. mit einem Versandhändler zusammen. Doch es ist ein sehr preisgetriebener Markt, ebenso wie England, wo die britische Qualität massgebend ist.

Ändern Sie je nach geschmacklicher Präferenz des Landes auch die Originalrezeptur?
Wir starten in anderen Ländern mit den Produkten, die dort gut ankommen. Am Original ändern wir grundsätzlich nichts. Beispielsweise haben wir verschiedene ­Läckerli-Variationen lanciert – unter an­derem in Kombination mit Schweizer ­Schokolade oder ganz neu mit Kakao. Diese verkaufen sich in gewissen Ländern besser als das Original.

Ziel ist, in einem Land längerfristig Fuss zu ­fassen. Würden Sie ab einer bestimmten Absatzmenge auch vor Ort Läckerli-Huus-Produkte herstellen?
Nein, wir produzieren nicht im Ausland. Unser Ursprung ist in der Schweiz.

Würde die Swissness-Vorlage etwas daran ändern? Damit ein Lebensmittelprodukt als echt schweizerisch deklariert werden kann, müssten 80 Prozent vom Gewicht der Rohstoffe aus dem Inland stammen. Davon ausgenommen wären einzig Zutaten, die nicht in genügender Menge in der Schweiz vorkommen.
Für Schokolade mit Kakao ist das kein Problem. Doch für Läckerli gibt es beispielsweise nicht genügend Schweizer Biscuitmehl in der gewünschten Qualität. Auch hat der ein­heimische Honig für die Original-Läckerli-­Rezeptur ein zu mildes Aroma. Die Swissness-Vorlage soll zwar den Werkplatz Schweiz schützen, ist aber mit erheblichen Nachteilen behaftet. Beim Export müssten wir für die Schweizer Herkunft weiterhin Zoll bezahlen, dürften dann aber die Ver­packung nicht mit dem Schweizer Kreuz versehen. Wir sind froh, dass jetzt eine Subkommission des Nationalrats die Vorlage dahin­gehend überprüft. Doch egal, was dabei ­herauskommt: Unsere zum grossen Teil handgefertigten Produkte bleiben Schweizer Spezialitäten «made in Switzerland».
Interview: Kathrin Cuomo-Sachsse