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Probleme bei Milch mit Bio-Rhythmus

Schwankungen der Biomilch-Produktion und ihre Folgen

von Foodaktuell Importer

Die Biomilch-Produktion
schwankt im Jahresverlauf
stark. Die Milchverarbeiter
haben sich diesem Rhythmus
noch nicht angepasst. Deswegen
wurde letztes Jahr sogar
Biomilch importiert.

Der Grossteil der Biokühe folgt einem traditionellen
Rhythmus: Die meisten Biokälber
werden Anfang Jahr geboren. Wenn die
Weiden im Frühling grün werden, geben ihre
Mütter besonders viel Milch. Ende Mai, Anfang
Juni geht ein Grossteil der Biokühe auf
die Alp und wenn sie Ende August, Anfang
September wieder ins Tal zurückkehren,
fliesst ihre Milch nur noch spärlich. Weil die
meisten Bio-Milchproduzenten Bergbauern
sind und traditionell z‘Alp gehen, ist der saisonale
Rhythmus sehr ausgeprägt.

Doch der Markt tickt anders. Milchüberschüsse
im Frühling und ein Loch im Herbst
sind da nicht gefragt, sondern eine konstante
Versorgung und flexible Belieferung bei
Sonderwünschen. Dass sich Handel und Verarbeiter
nicht wirklich auf die saisonalen
Schwankungen eingestellt haben, musste
Urs Brändli, der Präsident der Bio Suisse
Fachkommission Milch, in den letzten Jahren
mehrmals feststellen.

Brändli: „Letztes
Jahr wollte die Migros zum Beispiel im August
eine Aktion mit UHT-Biomilch machen.
Zu diesem Zeitpunkt war aber nicht genügend
Biomilch verfügbar und sie musste die
Aktion abbrechen.“ Ein paar Monate früher
wäre das nicht passiert. Im Frühling mussten
noch rund 20 Prozent der Biomilch, etwa
40‘000 Tonnen, deklassiert und als konventionelle
Milch verkauft werden.

Biomilch für Veredelung
Importiert

Sogar beim haltbarsten aller Bio-Milchprodukte,
dem Milchpulver, kam es letztes Jahr
zu Engpässen. Milchpulverhersteller Hochdorf
wollte im Spätsommer Biomilch kaufen
,um Babynahrung herzustellen. Zu diesem
Zeitpunkt war der Biomilchmarkt aber ausgetrocknet.
Die Biomilch wurde deshalb importiert.

Hochdorf-Sprecher Christoph Hug
erklärt: „Es handelte sich um Veredelungsverkehr
für Babynahrung. Die Anfrage war
relativ kurzfristig, weshalb wir im Frühling
noch nicht mit dem Auftrag rechnen und
entsprechend planen konnten.“ Besonders
lukrativ soll das Geschäft zwar nicht gewesen
sein: „Mit Schweizer Milch hätte man
Mittel nach dem Schoggigesetz beanspruchen
können, beim Veredelungsverkehr geht
das natürlich nicht. Zudem war der administrative
Aufwand im Verhältnis zur Menge
sehr hoch. Für einen guten Kunden im Bereich
Babynahrung nimmt man diesen Aufwand
jedoch gerne in Kauf.“

Fehlende Übersicht

Um welche Mengen es sich bei dem Import
gehandelt hat und ob diese Biomilch aus
Deutschland oder Österreich stammte, will
Hug nicht verraten. Er verweist statt dessen
auf die Statistik. Die hilft aber nicht weiter,
weil der Zoll nicht zwischen Bio- und Nicht-
Bio-Milchprodukten unterscheidet. Ob für
Biomilchprodukte ein Importdruck existiert,
kann derzeit nicht festgestellt werden. Auch
Magdalena Blonkiewicz, die Produktmanagerin
Milch von Bio Suisse, hat keine Importzahlen:
„Bio Suisse verfügt lediglich über Informationen
zu Knospe-Importen.“

Importe
von Knospe-Milchprodukten lässt die Bio
Suisse aber gar nicht zu, solange die Inlandnachfrage
mit der Inlandproduktion gedeckt
werden kann. Es fehlt nicht nur der Überblick
über die Importe, sondern auch über
die Exporte. Blonkiewicz: „Eine Statistik mit
Exportzahlen von Biomilchprodukten ist bislang
bei keiner offiziellen Stelle abrufbar.“
Beide Zahlen wären jedoch interessant, weil
sie den Produzentenmilchpreis beeinflussen
können.

Mehrere Schweizer Milchverarbeiter
verkaufen mit Erfolg Biomilchprodukte
im Ausland. Allerdings sind das nicht nur
einheimische Produkte: So lässt die Züger
Frischkäse AG ihren Bio-Hüttenkäse in Oberösterreich
produzieren, um ihn dann in
Deutschland zu vermarkten –zwar ohne
Schweizer Kreuz, aber doch mit dem Image
des Schweizer Verarbeiters.

Trotz guter Nachfrage
tiefer Preis

Zurück zum Biorhythmus: Möglichkeiten, die
Milchspitze im Frühling zu brechen, gäbe es
genug. Zum Beispiel könnte Bio-Glace statt
im Juli bereits im März und April produziert
werden. Das hat Christian Banga, der Präsident
der IG-Biomilch MIBA, dem Milchverarbeiter
Emmi auch schon vorgeschlagen. Bislang
umsonst. Banga vermutet: „Solange
die Milch nicht verkauft ist, liegt das volle Risiko
beim Bauern. Das ist für den Verarbeiter
natürlich komfortabel.“

Anders als etwa im bergigen Graubünden
gehen im Einzugsgebiet der MIBA nur
wenige Kühe auf die Alp. Deshalb fliesst die
Milch der MIBA-Bauern im Jahresverlauf
wesentlich gleichmässiger als im Berggebiet.
Und sie deckt den Bedarf immer weniger.
„Wir spüren, dass die Migros verstärkt
auf Bio setzt“, sagt Banga. Er geht davon
aus, dass die Migros-Tochter ELSA gerne
noch mehr Biomilch verarbeiten würde.

Bio-Milch der ELSA ohne Biosuisse-Knospe

Angesichts
der grossen Nachfrage und dem
knappen Angebot dürfte man erwarten,
dass der Biomilchpreis steigt. Das ist aber
nicht der Fall. „Die Abnehmer stellen sich
auf den Standpunkt, dass die Preisdifferenz
zur konventionellen Milch nicht zu gross
werden darf“, sagt Banga. Vor zwei Jahren
erhielten die Bio-Bauern von der MIBA 95
Rappen pro Kilogramm ausbezahlt – letztes
Jahr waren es rund 20 Rappen weniger. Und
im Moment liegt der Bio-Basispreis der
MIBA gerade noch bei 72,5 Rappen.

Segmentierung wird nicht überall umgesetzt

Die Delegierten der Branchenorganisation
Milch haben zwar beschlossen,
dass ab Januar 2011 sämtliche Milch,
also auch die Bio- und Käsereimilch, je
nach Verwendungszweck in A-, B- und
C-Milch eingeteilt werden muss und dass
der Verwendungszweck in den Milchproduzenten
festgehalten ist. Diese Segmentierung
wird bei der Biomilch jedoch
nicht überall umgesetzt: So nimmt z.B.
der Biomilchpool überhaupt keine Segmentierung
vor.

Bei der Produzenten-
Milchverarbeiter Organisation, PMO,
Biedermann-Züger findet die Segmentierung
nur indirekt statt, wie PMO Präsident
Gottlieb Siegfried sagt: „Wir haben
bislang den Anteil A- und B-Milch nicht
separat ausgewiesen und haben das
auch in Zukunft nicht vor.“ Der Anteil der
exportierten Biomilch beträgt bei der
PMO Biedermann-Züger 20 bis 25 Prozent.
Bei der IG-Biomilch MIBA können die
Biomilchbauern auf Monatsliefermenge
umstellen, für die darüber hinaus gelieferte
Menge erhalten sie dann nur den
aktuell realisierbaren Marktpreis.

Bei den
Zentralschweizer Milchproduzenten ZMP
können die Biobauern wählen, ob sie nur
A-Milch oder auch noch zusätzliche BMilch
produzieren wollen. ZMP-Geschäftsführer
Pirmim Furrer rechnet mit
zwei bis drei Prozent B-Milch. „Der Preisunterschied
zur A-Milch schwankt stark”,
sagt Furrer. „Letztes Jahr betrug er im
Spätsommer vier Monate lang Null, im
Frühjahr waren es dagegen bis zu 20
Rappen.“

Wenig Transparenz bei der Biomilch

Dass die Branchenorganisation Milch,
die BO-Milch, Mühe hat, ihre eigenen
Beschlüssen umzusetzen, ist bekannt. Die
Arbeitsgruppe Bio innerhalb der BOMilch
hat es da besser, weil sie überhaupt
keine Beschlüsse fällt. Die AG Bio
trifft sich drei Mal im Jahr, um aktuelle
Themen des Biomilchmarktes zu besprechen.
Dabei geht es vor allem um die
Analyse der Marktlage und die weitere
Entwicklung, nicht jedoch um das Festlegen
eines Bio-Richtpreises oder eines
Bio-Zuschlags.

Die Bio-Produzenten hofften
auf mehr Transparenz, wurden aber
enttäuscht. „Bisher ist die Bio Suisse
Netto-Zahlenlieferant“, sagt Urs Brändli.
Die verschiedenen Konkurrenten sind
offensichtlich nicht bereit, die Karten
voreinander auf den Tisch zu legen.
Die AG Bio innerhalb der BO Milch wurde
2009 gegründet. Als Produzentenvertreter
nehmen Urs Brändli und Magdalena
Blonkiewicz von der Bio Suisse teil, Marcel
Lusti vom Biomilchpool, Dominik
Estermann von der ZMP und Cyril Deporet
von der Progana. Der Handel ist mit
Migros und Coop vertreten, die Verarbeiter
mit Cremo, Emmi und Fromarte. (Text: LID / Eveline Dudda)