Datum:

Der Wunsch, Gutes zu tun

Verpackungsfolien, leere Gebinde und Tragtaschen – die Konsumentinnen und Konsumenten wollen vermehrt wissen, wie belastend dieses Material für die Umwelt ist und wie es klimafreundlich entsorgt werden kann.

von Alimenta Import

Seit 1980 verfolgt die Schweiz eine konsequente Umweltpolitik. Heute, 30 Jahre und 51 abfallwirtschaftlich motivierte Regelungen im Verpackungsbereich später, wird über die Hälfte des Abfalls wiederverwertet, Kehrichtsäcke landen nicht mehr auf Deponien, seit 2000 muss Haushalts­abfall verbrannt werden. Doch das alleine ist noch kein Grund, sich als Musterknabe bequem zurückzulehnen. Denn in den letzten 25 Jahren ist die Schweizer Wirtschaft um 40% gewachsen, um gleich viel wie die Abfallmenge. Wir produzieren jährlich 5,5 Mio. t Müll, das sind 709 kg pro Kopf, ein Viertel mehr als unsere nördlichen Nachbarn. In den 20 Sekunden, die es braucht, um diesen Absatz zu lesen, haben wir 3480 kg Abfall produziert.

Zugenommen hat in den letzten Jahren aber auch das Umweltgewissen. Das ist beim Recycling ganz deutlich zu spüren. Die Konsumentinnen und Konsumenten sammeln heute nicht einfach, um wie beim Alu und PET Ressourcen zu schonen und mit leeren Weinflaschen den Gebührensack zu entlasten, nein, sie wollen ganz genau wissen, was für Schadstoffe allenfalls in den Materialien drin sind und wie klimafreundlich die Entsorgung erfolgt. Ökobilanzen, CO2-Emissionen und Nachhaltigkeit stehen im Zentrum des In­teresses, und die Marketingverantwortlichen tun gut daran, dies entsprechend zu berücksichtigen.

Laut einer repräsentativen Umfrage von PET-Recycling Schweiz im vergangenen Jahr fühlen sich nur gerade 12% der Schweizer Bevölkerung sehr gut über die Umweltfreundlichkeit von Produkten informiert. 72% wünschen sich vor allem im Bereich Verpackungsmaterial mehr Informationen, und 49% sind der Meinung, dass der Einsatz von umweltverträglichen und somit rezyklierbaren Mate­rialien einen wesentlichen Einfluss auf das ­eigene Umweltverhalten hat. Damit werden die Umweltverträglichkeit der Verpackung und der Anteil von Rezyklat zum Verkaufs­argument. Gerade beim Letzteren besteht noch grosses Potenzial.

Recycling als Lifestyle
Recycling hat viel mit gesellschaftlichem Verhalten zu tun. Der amerikanische Soziologe Paul Ray hat einen neuen, konsumorientierten Lebensstil identifiziert: Die kaufkräftigen Vertreter des «Lifestyle of Health and Sustain­ability», kurz LOHAS genannt, orientieren sich an der Gesundheit und der Nachhaltigkeit, am eigenen Körper sowie am Wunsch, auch für andere Menschen und die Umwelt Gutes zu tun. Konsum- und Zukunftsforscher behaupten, dass bereits heute ein Drittel der Bevölkerung der westlichen Welt zu den ­LOHAS gezählt werden kann.

Rezyklieren statt verbrennen
Recycling bei Glas, Alu und PET ist eine ­Erfolgsstory. Einzig beim Kunststoff hinken wir den Nachbarländern hinterher: Pro Kopf und Jahr werden rund 120 kg Kunststoff ­verbraucht (weltweit rund 35 kg), und der Verbrauch wächst jährlich rund 3% stärker als das Bruttosozialprodukt. Die grössten Verbraucher der Schweiz sind die Branchen ­Verpackung (rund 35%), gefolgt von Bau und Fahrzeugen. Nach Schätzungen der Beratungsfirma Redilo GmbH beträgt hier die Recyclingquote 15%. Damit stellt sich die Schweiz in der Rangliste hinter Italien und Frankreich (je 20%), Österreich (30%) und Deutschland (50%) und verfehlt die heutigen EU-Ziele von 22,5% deutlich.

Doch deshalb jemandem Versagen vorzuwerfen, wäre gänzlich verfehlt. Recycling soll nicht Selbstzweck sein, sondern hat Umweltschutz zum Ziel. Führt das Recycling einer Verpackung nicht zu spürbar besseren Re­sultaten als beim Verbrennen (thermische Verwertung), soll man es lassen. Und die Messlatte liegt hoch: Mit Wärme-Kraft-Kopplung können bis zu 10% des Energiegehalts im Abfall als elektrische Energie und gleichzeitig deutlich über 40% als Fernwärme genutzt werden; wobei die besten KVA bereits 60 bis 70% der in den Abfällen enthaltenen Energie als Fernwärme liefern.

Weil das gängige Recycling von Ver­packungen bewiesenermassen energiemässig umweltfreundlicher ist, zudem rare Ressourcen schont und die gewonnenen Rezyklate für die Produktion noch umweltfreundlicherer Verpackungen verwendet werden können, ist hier die thermische Verwertung kein Thema.

Zukunft und Grenzen der Belastbarkeit
Irgendwann stellt sich die Frage, wie viele neue Separatsammlungen die Konsumenten noch mitmachen. Wer hat zu Hause schon den Platz für alle diese weiteren Sammelbehälter? Also doch Leichtverpackungen zu­sammen sammeln und nachträglich sortieren wie z.B. in dualen Systemen? Die Experten ­begegnen jedenfalls der Idee der gemischten Sammlung mit gemischten Gefühlen: Das eine sind die relativ hohen Kosten, das andere der Output. Rund die Hälfte der zu einer Sortieranlage gelieferten Menge lässt sich nach der Sortierung mit einigem Aufwand stofflich verwerten, darunter übrigens auch die PET-Flaschen. Die andere Hälfte der im Sortierwerk angelieferten Abfälle wird thermisch verwertet. Wegen des relativ kleinen ökologischen Vorteils und der hohen Kosten haben die schweizerischen Bundesbehörden bist jetzt auf die Sammlung und Sortierung gemischter Verpackungen verzichtet.

Die Recyclinglandschaft Schweiz funk­tioniert, daran besteht kein Zweifel. Optimierungen beim Sammeln und Verwerten sind kurz- und mittelfristig dennoch sinnvoll und möglich. Doch diese liegen in den Details und nicht in den Grundstrukturen. Ungenutztes Potenzial ist dabei am ehesten noch in Industrie und Gewerbe erschliessbar, wo Folien aus Polyethylen, Schrumpffolien oder Hohlkörper vermehrt in stoffliches Recycling gelenkt ­werden können. Ein beachtliches Potenzial liegt auch im Recycling von mehrheitlich ­sortenrein anfallenden Produktionsabfällen. Und last, but not least könnten mit dem vermehrten Einsatz von Rezyklat noch viel umweltfreundlichere Verpackungen hergestellt werden.

Verpackungsfolien oder leere Gebinde – die Konsumenten wollen wissen, wie belas­tend dieses Material für die Umwelt ist und wie es klimafreundlich entsorgt werden kann.