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Auch bei Milch ist die Hoffnung grün

n Österreich ist Heumilch der Verkaufsschlager. Nun wollen auch IP-Suisse und die Solothurner Landwirte den Anteil an Grünfutter in der Futterkrippe ausloben. Beim Branchenverband SMP ist man kritisch.

von Alimenta Import

Trinkmilch ist ein Alltagsprodukt. Sich von der Masse abzuheben ist eine enorme Herausforderung. Doch die bäuerliche Vereinigung IP-Suisse will es ­wagen. «Wir möchten im Laufe dieses Jahres mit unserer eigenen Label-Milch auf den Markt kommen», sagt Fritz Rothen, Geschäftsführer von IP-Suisse. Den integriert produzierenden Landwirten schwebt eine Milch vor, die zu möglichst hohem Prozentsatz aus Raufutter produziert wird. Dies kann frisches Gras, Heu oder Silage sein. Soja darf als Kraftfutter nicht mehr einsetzt werden. Dieses Verbot soll nicht von Beginn an gelten, aber in ein paar Jahren umgesetzt werden.

Tierwohl und Ökologie geben Punkte
Phase eins des Wiesenmilch-Projekts ist laut Rothen abgeschlossen. Die Richtlinien stehen. Sie beruhen auf neun Kriterien und auf einem Punktesystem. Landwirte, die ihre Kühe besonders häufig auf die Weide lassen, den Grünlandanteil in der Fütterung während der Vegetationszeit steigern oder möglichst wenig Kraftfutter einsetzen, können ihr Punktekonto aufbessern. Und so gemäss Plan der
IP-Suisse einen Mehrpreis für ihre Milch erzielen. Damit sich das Punktesammeln überhaupt lohnt, ist IP-Suisse nun auf der Suche nach Marktpartnern. Diese Phase entscheidet, ob es überhaupt zu einer IP-Suisse-Milch kommen wird oder nicht. «Ein solches Projekt kann nur zusammen mit den Verarbeitern und dem Detailhandel realisiert werden. Denn ohne Mehrpreis würde kein Landwirt die Fütterung umstellen. Schliesslich ist damit ein Mehraufwand verbunden. Und geringere Milch­leis­tun­gen müssen durch den geringe­ren Kraftfutteranteil ebenfalls in Kauf genommen werden.» Wie viel mehr ein Landwirt für seine Wiesenmilch brauchen wird, damit es sich lohnt, will Rothen noch nicht verraten. Ein bis zwei Rappen mehr pro Kilogramm abgelieferter Milch würden aber bestimmt nicht ausreichen.

Neu ist die Idee einer Wiesenmilch nicht. Die Österreicher haben die grüne Milch schon vor ein paar Jahren erfolgreich entdeckt (siehe Kasten). Ob eine solche Milch auch in der Schweiz einem Kundenbedürfnis entspricht, vermag Fritz Rothen nicht zu sagen. «Es ist nicht die Aufgabe von IP-Suisse, Marktum­fragen zu machen. Wir produzieren qualitativ hochstehende Produkte. Um die Vermarktung muss sich der Detailhandel kümmern.» Markt­analysen seien eine äusserst kostspielige Sache, dazu fehle IP-Suisse schlichtweg das Geld. Bereits hätten erste Marktpartner In­teresse an dem Projekt geäussert. Um wen es sich handelt, will Fritz Rothen nicht sagen. Die Migros ist mengenmässig wohl der ­wichtigste Verkäufer von IP-Suisse-Produk­ten. Ob dies auch bei einer allfälligen Label-Milch der Fall sein wird, lässt man bei dem Grossverteiler bewusst offen. «Wir haben schon heute x verschiedene Trinkmilchen im Sortiment. Die Palette reicht von normaler Milch über Heidi-Milch bis hin zu AdR-Milch. Alle diese Milchen haben ihre zufriedenen Käufer. Sollten wir zur Erkenntnis kommen, dass bezüglich einer IP-Suisse-­Labelmilch ein Kundenbedürfnis besteht, werden wir zu gegebener Zeit entscheiden und informieren», sagt Migros-Pressesprecherin Olivia Luginbühl. Ob für ein bestimmtes ­Produkt ein Bedürfnis bestehe, werde in Kundenumfragen geprüft. Schweizweit würden in den Filialen pro Jahr über 100?000 solche ­Umfragen durchgeführt.

Grüne Milch soll Überangebot drosseln
Nicht nur die IP-Suisse will auf den Wiesenmilch-Zug aufspringen. Seit Peter Thomet, Professor für Futterbau und Milchproduktion an der Schweizerischen Hochschule für ­Landwirtschaft, und der Bauernsekretär des ­Kantons Solothurn, Peter Brügger, Anfang Jahr ihre Qualitäts-Mengen-Strategie für die Schweizer Milchwirtschaft veröffentlicht haben, ist in weiten Kreisen der Milchbranche das Grünmilchfieber ausgebrochen. Milch, die auf Basis von Raufutter produziert wurde, weise einen höheren Anteil an Omega-3-Fettsäuren auf. Dies biete einen gesundheitlichen Mehrwert, heisst es in dem Strategiepapier. Und: Die in der Schweiz vorhandenen Ressourcen würden bei einem höheren Anteil an Raufutter in der Fütterung optimal genutzt. Zudem würde eine Senkung des Kraftfutteranteils die Konkurrenz der Milchkuhhaltung zur menschlichen Ernährung senken. Für Themet und Brügger ist Grasmilch eine zukunfts­orientierte Lösung für die Schweizer Milchwirtschaft. Vor allem auch, weil sie dazu beitrage, die heutige Milchmenge zu senken.

Das sehen auch die Solothurner Landwirte so. An ihrer Delegiertenversammlung vom 21. Februar 2011 beschlossen sie mit 40 zu neun Stimmen, dass man sich für ein Preisdifferenzierungssystem zugunsten von Milch, die auf Raufutterbasis produziert wurde, stark machen soll. Geht es nach ihnen, sollen die Abnehmer durch eine Erweiterung der Vertragspflicht gemäss Landwirtschaftsgesetz dazu verpflichtet werden, eine solche Differenzierung des Preises durchzusetzen. «Natürlich werden sich die Abnehmer da­gegen wehren», sagt Grügger. «Aber auch sie müssen irgendwann einsehen, dass ein Miteinander am Milchmarkt nur möglich ist, wenn gewisse Spielregeln von allen Akteuren ein­gehalten werden. Langfristig bringt die Preis­differenzierung einen Wettbewerbsvorteil, der sich bei zahlreichen Produkten nutzen lässt.» Den Mehrpreis könne man wahrscheinlich nicht von Beginn an erzielen. Das Modell sei auf eine längerfristige Wirkung angelegt. Man wolle kein neues Produkt oder Label schaffen. Somit stehe der Vorstoss auch nicht in Konkurrenz zu dem Projekt der IP-Suisse.

SMP zweifelt am Erfolg der grünen Milch
Bei den Schweizer Milchproduzenten SMP glaubt man nicht so recht an den grossen Durchbruch einer Wiesen-, Gras- oder Heumilch. «Mit so einer Milch lassen sich bestimmt nicht alle Probleme des Milchmarktes lösen. Es gab in der Vergangenheit schon verschiedene solche Projekte. Zum Beispiel musste das von der Schweizerischen Vereinigung der silofreien Milchproduzenten ins Leben gerufene Absatzförderungsprojekt Wiesenmilch nach fünf Jahren 2008 eingestellt werden», sagt Christoph Grosjean-Sommer, Pressesprecher der SMP und damaliger Wiesenmilch-Projektleiter. Mangels Nachfrage am Markt.
Im schweizerischen Markt mit einem Drittel Rohmilchkäse und einem Drittel Standardprodukte wie Industriebutter, Rahm und Milchpulver müsse man das Marktpotenzial einer solchen Wiesenmilch realistisch einschätzen. Zudem gebe es schon heute eine grosse Differenzierung bei Konsummilch. «Doch wenn ein Detailhändler mitzieht, schafft man es schon bis ins Regal. Der Absatz dürfte dann auf Kosten eines anderen Trinkmilchprodukts gehen. Und auch dann hat das Produkt nur Erfolg, wenn der Detailhändler das Produkt aggressiv bewirbt.» Wichtig sei aber, dass die Milchlieferanten einer solchen Grasmilch einen deutlich höheren Milchpreis erhielten und dadurch am Mehrwert beteiligt würden.
Christoph Grosjean-Sommer zweifelt nicht nur an den hohen Erwartungen bezüglich Marktpotenzial, sondern auch am Sinn einer grünen Milch allgemein. Raufutter mache in der Schweiz gut drei Viertel der Milchviehfütterung aus. Nirgends in Europa sei der Anteil höher. Also könne schon heute ohne schlechtes Gewissen behauptet werden, ein Grossteil der Schweizer Milch sei Gras- und Raufuttermilch. «Es bringt nichts, sich im Inland um ein paar Prozent mehr oder weniger Raufutteranteil in der Fütterung zu streiten. Durchschnittlich füttert ein Bauer seinen Milchkühen pro Tier 556 Kilogramm Ergänzungsfutter innerhalb einer Laktation. Daraus können rund 1000 Kilo­gramm Milch produziert werden. Bei einer durchschnittlichen Milch­leis­tung von 7000 Kilogramm ist 85 Prozent der Milch auf Basis von Raufutter produziert.» Damit sei auch klar, dass das Argument von Peter ­Thomet und Peter Brügger, dank einer Wiesenmilch könne der Übermenge beigekommen werden, nicht der Realität entspreche.