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Auf Noten ist wenig Verlass

Lehrabbrüche sind häufig die Folge von Über- oder Unterforderung. Der standardisierte Stellwerk-Test will den jungen Menschen helfen, noch in der Volksschule ihre Schwächen und Stärken kennenzulernen.

von Alimenta Import

Johannes F. ist 15 Jahre alt. Während der drei Oberstufenjahre war er ein Musterschüler. Sein Berufstraum seit vielen Jahren: Milchtechnologe. Dank seiner guten Noten war es für ihn kein Problem, eine Lehrstelle zu finden. Doch schon nach den ersten Prüfungen in der Berufsschule ist Johannes enttäuscht und sein Lehrmeister ernüchtert: Eine knappe Vier in Mathematik und eine ungenügende Note in der Allgemeinbildung. Anders Sebastian R. Der 16-Jährige hat sich mehr schlecht als recht durch die Schuljahre gebracht. Die Suche nach einem Aus­bildungsplatz war eine Tortur. Viele Bewerbungen musste er abschicken, bevor er als Milchpraktiker ein Plätzchen fand. In der Schule dann das grosse Erstaunen auf allen Seiten. Sebastian schafft es in den meisten Fächern auf mindestens eine Fünf. Ohne grosse Mühe schafft er schliesslich den Abschluss als Milchtechnologe.

Zeugnisse nicht aussagekräftig genug
Zugegeben, die beiden Beispiele sind fiktiv – aber nicht realitätsfremd. «Leider sind Zeugnisse von Abschlussklassen häufig nicht sehr aussagekräftig. Ob die schulische Leistung für eine erfolgreiche Lehre genügt, kann mananhand von Noten oft nicht beurteilen», sagt Christine Davatz, Vizedirektorin beim Schweizerischen Gewerbeverband. Aus diesem Grund verlangten viele Arbeitgeber einen standardisierten Test von potenziellen Lehrlingen. Einer davon heisst Stellwerk, wurde vor fünf Jahren im Kanton St.?Gallen ein­geführt und gehört heute in vielen Kantonen fix zum Lehrplan. Teilweise ist das beim Test ­erzielte Leistungsprofil Bestandteil der Abschlusspapiere nach der neunten Klasse. ­Claudia Coray, Projektleiterin von Stellwerk, erklärt, worum es geht: «Wir haben vom Kanton den Auftrag erhalten, einen Test auszu­arbeiten, der es den Schülern erlaubt, ihren momentanen schulischen Wissensstand zu beurteilen. Uns schwebte kein Eignungstest in Bezug auf die Berufswahl vor, sondern eine standardisierte Leistungsrückmeldung in der achten und neunten Klasse.

Eine Rückmeldung, die unabhängig von Schule, Lehrer oder Wohnkanton ist.» Getestet wird in den Bereichen Mathematik, Deutsch, Natur und Technik, Französisch und Englisch. Die Ausgangsfrage ist für alle Testpersonen dieselbe. Je nach Antworten werden dann die weiteren Testfragen vom Computer zusammengestellt. Es gibt also fast so viele Testversionen wie Schüler. Hat der Computer genügend Antworten, um die Fähigkeiten des Schülers zuverlässig beurteilen zu können, ist der Test beendet. Noten gibt es keine. Dafür aber ein Leistungsprofil. Diesem kann der Schüler entnehmen, wie er im Vergleich zu allen anderen Testabsolventen abgeschnitten hat. Erreicht er zum Beispiel einen Wert von 500 im Bereich Mathematik, heisst dies, dass die Hälfte der Schüler besser, die andere Hälfte schlechter abgeschnitten hat. 700 Punkte bedeuten: nur gerade 2,5 Prozent aller Schüler haben ein höheres Testergebnis erzielt. Liegt das Leistungsprofil vor, kann der Lehrstellensuchende dies mit dem Anforderungsprofil seiner Traumlehrstelle vergleichen. Ein angehender Milchtechnologe sollte beispielsweise im Bereich Natur und Technik ­einen Durchschnittswert von etwas unter 500 Punkten erreichen, ein Weintechnologe etwa 550 Punkte. Für die Anlehre als Milchpraktiker reichen knapp 400 Punkte.

Stellwerk zeigt auf, wo ein Schüler steht
Claudia Coray betont, Stellwerk sei kein Eignungstest für oder gegen einen bestimmten Beruf. Der Test sei vielmehr ein Instrument zur Standortbestimmung, das von der Kleinklasse bis hin zur Sekundarschule auf allen Stufen angewendet werden könne. Dennoch spielt Stellwerk bei der Suche nach einer Lehrstelle eine immer grössere Rolle, wie Christine Davatz vom Gewerbeverband sagt. «Bei der Eignungsabklärung sollten verschiedene Faktoren mitspielen. Selbstverständlich werden Schulnoten begutachtet. Besonders wichtig sind aber das persönliche Gespräch und die Schnupperlehre. Nur im persönlichen Kontakt kann der Arbeitgeber wirklich sehen, wie sich der junge Mensch verhält.» Je nach Beruf oder Verband werde seit einiger Zeit empfohlen, als Entscheidungshilfe zusätzlich einen Eignungstest zu verlangen. Ob das der mit ­öffentlichen Geldern bezahlte Stellwerk-Test ist, oder die privaten Tests Multi-Check oder Basic-Check spiele nicht so eine Rolle. Es brauche immer ein ganzes Bündel an Ab­klärungen, um herauszufinden, ob die Wahl die Richtige ist.

Obwohl Christine Davatz überzeugt ist, dass die drei Tests die Schulnoten optimal ergänzen, warnt sie vor einer allzu grossen Gewichtung der Tests: «Die Resultate sind eine Momentaufnahme und sollten auf keinen Fall der entscheidende Faktor dafür sein, ob ein Arbeitgeber jemanden einstellt oder nicht.»
Bei den Milchtechnologen geht ohne Stellwerk nichts mehr, wie Ernst Wagner ­erklärt. Wagner ist Berufsfachlehrer am Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Milchwirtschaft in Sursee. «Jeder, der zu uns in die Berufsschule kommt, muss Stellwerk absolviert haben. Entweder ist dies bereits während der obligatorischen Schulzeit geschehen oder aber kurz nach Antritt der Lehre. Der Test soll uns helfen, zu sehen, ob der Lernende richtig eingestuft ist oder doch besser erst mal eine Anlehre zum Milchpraktiker macht.» Das Berufsprofil wurde vom Schweizerischen Milchwirtschaftlichen Verein ausgearbeitet. Die notwendigen Punktzahlen für die beiden Ausbildungsmöglichkeiten seien eine Empfehlung des Vereins. Für die Lehr­betriebe bestehe kein Zwang, sich an diese zu halten und einen Lernenden gegebenenfalls abzustufen. «Es ist aber wünschenswert, dass sie es tun», sagt Wagner. «Mit der richtigen Einstufung von Anfang an könnte die Zahl der Lehrabbrüche bestimmt gesenkt werden. Was unser erklärtes Ziel ist.» Noch haben die Milchtechnologen nicht sehr viel Erfahrung mit Stellwerk.

Die Lehrlinge, die im Sommer beginnen, sind die ersten, die alle den Test absolviert ­haben werden. Ganz neu sind Einstufungs­tests bei den Milchtechnologen aber nicht. Bis anhin habe es einen internen gegeben, der zwar auch gut gewesen sei, aber nicht ein solch umfassendes Bild geliefert habe, sagt Wagner. «Aber auch bei Stellwerk muss bedacht werden, dass ausschliesslich die schulischen Fähig­keiten getestet werden. Sozial- und Metho­de­kompetenz sind nicht berücksichtigt.»

Information für Arbeitgeber ist wichtig
Um die Ausbildner über Stellwerk zu informieren, hat der Milchwirtschaftliche Verein Informationsveranstaltungen durchgeführt. Grundsätzlich sei die Reaktion der Lehrbetriebe positiv, sagt Ernst Wagner. Was nicht weiter verwunderlich ist: Schliesslich kostet die Durchführung des Tests den Betrieb nichts, und es ist auch kein Aufwand damit verbunden. Kosten, Organisation und Durchführung des Tests – alles liegt in den Händen des Vereins. Aber nur bei den wenigen Schülern, die den Test nicht ohnehin schon in der Oberstufe abgeschlossen haben. Noch nicht so weit wie die Milchtechnologen sind zum Beispiel die Bäcker. Das Stellwerk sei beim Berufsfeld Bäcker-Konditor-Confiseur noch nicht etabliert, heisst es beim Schweizerischen Bäcker-Konditorenmeister-Verband. Man führe aber Gespräche zum Thema und prüfe die Möglichkeiten.