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Der unverbesserliche Falschkäser

Der Benkener Käser und Käsehändler Karl Wick machte krumme Geschäfte. Damit schadete er nicht nur den Milchbauern, sondern der ganzen Branche. Und er produziert immer noch.

von Alimenta Import

Seit bald zehn Jahren beschäftigt der Käser und Käsehändler Karl Wick aus dem sanktgallischen Benken die Gerichte. Am Anfang schuldete er vor allem Milchgelder und Beiträge an die Emmentaler Sortenorganisation in Millionenhöhe. Später kamen Bussen und Strafen wegen Verstössen gegen das «Bundesgesetz über den Schutz von Marken und Herkunftsbezeichnungen» hinzu. So waren etwa von den 200 Käselaiben, die der Zoll im Jahr 2003 am Grenzübergang Schaanwald beschlagnahmte, 198 Laibe nur 50 bis 80 Tage statt mindestens 120 Tage alt. Der wicksche Emmentaler war in der Regel nicht nur zu jung, sondern enthielt auch noch unerlaubte Zusatzstoffe wie Lysozym, weil Wick Silomilch verarbeitete. 

Nationalräte unterstützten Wick
Milch ist der Lebenssaft vieler Schweizer ­Bauern. Entsprechend wichtig ist ein Milchverarbeiter, der 30 oder mehr Millionen Kilo Milch verarbeitet. Deshalb bemühten sich auch verschiedene Nationalräte, Wick vor dem Konkurs zu bewahren. Der Glarner SP-Nationalrat und frühere Preisüberwacher Werner Marti war sein Anwalt. Marti: «Ich habe mich damals für Wick engagiert, weil ich gesehen habe, dass ein Konkurs der Firma Wick primär den Bauern geschadet hätte. Nachdem die von mir mit der PMO Ostmilch ausgehandelten Verträge nicht umgesetzt werden konnten, konnte ich Herrn Wick auch nicht mehr ­weiter vertreten.» Der Schwyzer SVP-Nationalrat und Unternehmer Pirmin Schwander ent­wickelte ein Konzept zur ­Betriebssanierung und Übernahme. «Wir haben die Situation analysiert und sind zum Schluss gekom­-
men, dass das Unternehmen saniert werden könn­te», sagt Schwander. «Das Geschäft hätte sogar ausgebaut werden können. Wir hatten aber klare Vorstellungen von den Eigentumsverhältnissen. Und die deckten sich nicht mit jenen von Wick.» Auch Elmar Bigger, St. Galler SVP-Nationalrat und Präsident der PMO, setzte sich lange Zeit für Wick ein und forcierte ein Nach­lassverfahren, um einen Konkurs abzuwenden. «Das Problem war, dass Wick keine Geschäftsführung akzeptierte», sagt Bigger.

Bauern sollen Busse zahlen
Dass Wick seine Milchverarbeitung von zwei auf 30 Millionen Kilogramm ausdehnen konnte, lag nicht nur am Wegfall des früheren Milchverarbeiters Swiss Dairy Food. Sondern auch daran, dass die PMO Ostschweiz ihm  Mehrmengen lieferte. Das erste Mehrmengengesuch der PMO für das Jahr 2006/07 entsprach mit zwölf Millionen Kilogramm einer Steigerung um rund 50 Prozent. Das Bun­desamt für Landwirtschaft (BLW) bewilligte acht Millionen. Letzten Endes wurden «nur» 5,8 Millionen Kilogramm Mehrmenge geliefert. Dabei hatte das BLW zur Auflage gemacht, dass die Mehrmengenmilch zu Grosslochhartkäse verarbeitet wird und unter einer ­Bezeichnung vermarktet wird, die keine Verbindung zum Emmentaler zulässt. Kontrollen ergaben jedoch, dass auf den Käsestücken der Wick Käse GmbH «Emmentaler» stand, dass die Zolltarifnummern falsch und die Produktespezifikationen auf den Lieferscheinen mangelhaft waren. Exportiert hatte Wick – die Busse in Höhe von 575?000 Franken ging jedoch an die PMO, schliesslich hatte sie den Antrag gestellt. 

Inzwischen hatten die Bauern ihre Viehbestände aufgestockt. Natürlich wollten sie jetzt auch mehr Milch verkaufen. Teilweise hofften sie wohl, damit die ausstehenden Zahlungen von Wick kompensieren zu können. Jedenfalls stellte die PMO Ostschweiz für das Milchjahr 2007/08 erneut ein Mehrmengengesuch über acht Millionen Kilogramm. Das Gesuch wurde vom BLW bewilligt, abermals mit Auflagen, und abermals wurden die Auflagen nicht eingehalten. Erneut gab es Bussen, und wiederum ging die PMO mit ihrer ­Beschwerde ans Bundesverwaltungsgericht. Dem Urteil kann man entnehmen, dass im Sommer und Herbst 2008 bei 14 Zollkon­trollen von Wicks Käseexporten neun Lieferungen beanstandet worden waren. Angeblich hatte ein Käserei-Mitarbeiter «aus Versehen» Käsefolien mit dem Aufdruck «Lo Svizzero/ Emmentaler» benutzt.

Richter rechnen nach

Das war längst nicht alles. Laut Statistik der Treuhandstelle Milch hat Wick tausend Tonnen Emmentaler weniger produziert als exportiert – und 500 Tonnen mehr Grosslochhartkäse produziert als exportiert. Da lag der Schluss nahe, dass der Grosslochhartkäse als Emmentaler exportiert worden war. Als ­Erklärung hiess es, aufgrund der aktuellen Markt­lage habe man Grosslochhartkäse an Lager genommen und wegen der grossen Nachfrage Emmentaler von fremden Käsereien zu- und weiterverkauft. Als «Beweis» wurden Lieferbelege eingereicht, bei denen die Namen der Lieferanten, die Käsebezeichnung und die Zahlen abgedeckt waren. Doch die Originallieferscheine zeigten dem Gericht, dass vorwiegend Grosslochhartkäse zugekauft worden war. Das alles deutete darauf hin, dass Wick Grosslochhartkäse  verbotenerweise als Emmentaler exportiert hatte. Er exportierte aber nicht genug. Das Gericht rechnete aus, dass ein Teil des Grosslochkäses im Inland ver­kauft wurde – entgegen den Auflagen für die Mehrmengenbewilligung. Wicks Argu­men­tation, man hätte doch nur die Mehrmenge exportieren müssen und die normalerweise exportierte Menge im Inland an Lager ­nehmen oder in der Schweiz als Reibkäse und Schmelzkäse vermarkten dürfen, liess das ­Gericht nicht gelten. Genauso wenig glaubte es, dass die Zöllner die Zollnummern auf den Zollpapieren «eigenmächtig» auf Emmentaler abgeändert hätten.

Verfahren auch in Italien
Mehr als ein Dutzend Betreibungsverfahren laufen derzeit gegen die Wick Käseproduktions GmbH, deren Geschäftsführung Karl Wick innehat. Wegen verweigerter Zahlungen von Produktebeiträgen sind weitere Verfahren beim BLW hängig. Mindestens ein Strafverfahren läuft in der Schweiz gegen Wick, ein Nachlassverfahren ist hängig. Bei ausländi­schen Gerichten ist der Käser aus Benken inzwischen auch kein Unbekannter mehr: Seit im Mai 2010 in Italien umfangreiche Beschlagnahmungen durchgeführt wurden, ist dort ebenfalls ein Verfahren gegen ihn im Gang. Wick wurde im Übrigen nicht nur wegen Käse­delikten belangt. Sondern auch wegen illega­ler Beschäftigung mehrerer Arbeiter aus Polen. Kürzlich musste er laut der Zeitung Südostschweiz einen Stall räumen, in dem er ohne Be­willigung Schweine mästete. Und sein Vater, Hansjörg Wick, ist der Emmentaler Sorten­organisation (ES) seit vielen Jahren rund eine Million Franken inklusive Zinsen schuldig. Das Verfahren läuft langsam, wie ES-Präsident Jürg Simon sagt: «Hansjörg Wick hat sich offiziell nach Santo Domingo abgemeldet.»

Und er käst noch immer …
Ungeachtet aller Betreibungen, Nachlass- und Gerichtsverfahren käst Karl Wick weiter. Die Milch dafür liefert ihm zumindest zeitweise die Nordostmilch AG. Auf die Frage, ob Wick die Lieferungen bezahlt, sagte Nordostmilch-Geschäftsführer René Schwager nur: «Wie bei allen Kunden haben wir dafür geschaut, dass die Milch auch bezahlt wird.»
Gekürzte Fassung eines Artikels, der in der Fach­zeitschrift Landfreund erschienen ist.