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Mehr Milch, mehr Verhandlungsmacht

In Deutschland entsteht ein neuer Milchriese: Unter dem Namen Deutsches Milchkontor (DMK) schliessen sich Humana und Nordmilch zusammen. Das sorgt unter den Produzenten für Hoffnungen, aber auch für Kritik.

von Alimenta Import

6,7 Milliarden Kilogramm Milch wird die neue Firma pro Jahr verarbeiten. Das ist ein Viertel der gesamten deutschen Milch und rund doppelt so viel, wie
in der ganzen Schweiz produziert wird. Das Deutsche Milchkontor (DMK) wird so zur Nummer Eins in Deutschland, auf dem europäischen Markt ist die Firma die Nummer sechs, weltweit die Nummer zwölf. Erwartet wird ein Umsatz von 4,8 Milliarden Euro,
das entspricht beim aktuellen Kurs 6,2 Mil­liarden Franken oder mehr als dem doppelten Umsatz des grösstem Schweizer Milchver­arbeiters Emmi. Das neue Unternehmen hat 11?000 Milchprodu­zenten und 5000 Mitarbeiter an 24 Standorten.
Bei der altertümlichen Namenswahl zeigt sich wohl der Wunsch, Seriosität und Solidität auszustrahlen: Ein Kontor war in den mittelalterlichen Hansestädten der Warentisch, auf dem die Geschäfte abgewickelt wurden. Auch ein Deutsches Milchkontor gab es schon mal, in den Sechzigerjahren war das die staatliche Stelle, deren Aufgabe die Verwaltung der ­Butterimporte und -lager war. Damals wurde in Deutschland weniger Milch produziert, als die Bevölkerung konsumierte, über die Hälfte der Milch wurde zu Butter verarbeitet.

Erfolg im zweiten Anlauf
Vollzogen wird die Fusion rückwirkend per
1. Juli 2010, das operative Geschäft mit den neuen Strukturen soll am 1. April übernommen werden. Der Deal war schon lange gplant worden, bereits 2004 hatte es ein Fusionsprojekt gegeben, das dann allerdings von den Genossenschaftern von Humana abgelehnt worden war. Zu dem neuen Anlauf zum Zusammenschluss hatten Anfang Juli 2010 bereits die Nordmilch-Genossenschafter den Segen gegeben. Aber auch die Wettbewerbshüter beugten sich darüber. Im September gab das Bundeskartellamt grünes Licht, und im Februar haben die Genossenschafter von Humana zugestimmt.
Diese erhoffen sich «dauerhaft mehr Kohle (dmk)», wie es ein Blogger des deutschen Elite-Magazins schrieb. Konkret soll der Zusammenschluss eine höhere Verhandlungsmacht gegenüber den Abnehmern bringen – angesichts des knallharten Wettbewerbs im deutschen Detailhandel ein verständliches Anliegen, denn Trinkmilch, Butter und Käse sind typische Preiskampfprodukte.
Nordmilch und Humana betreiben seit Mitte 2009 das gemeinsame Vermarktungsunternehmen Nord-Contor und spannen so in den Verhandlungen mit den Abnehmern zusammen. Im letzten Jahr schien sich dies
zu bewähren. Der Preis stieg immerhin von
29 auf 31 Cent pro Kilogramm. Allerdings: Die Preistendenz im deutschen Milchmarkt zeigte ohnehin wieder leicht nach oben.

Hoffnung und Skepsis unter den Bauern
Der DMK-Gesprächsführer Josef Schwaiger, der schon an der Spitze von Nordmilch stand, sprach bereits von Einsparungen von 60 Mil­lionen Euro durch die effizientere Milchsammlung. «Die kommen auf die Höfe», ­versprach er den Bauern in der deutschen ­Lebensmittelzeitung. Gleichzeitig dämpfte er die Erwartungen: Die Preise würden letztlich am Markt gemacht, «unabhängig davon, ob jemand 25 Prozent der deutschen Milchmenge bündelt.» Die Machtverhältnisse würden sich durch die Fusion nicht ändern.
Offene Skepsis gibt es bei einem Teil der Milchbauern: Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht in der Grösse allein keinen Garant für bessere Milchpreise. Vielmehr seien die Bauern dem neuen Grossplayer auf dem Markt ausgeliefert und hätten gar keine Alternative. In Mecklenburg-Vorpommern etwa wird DMK allein 80 Prozent der Milch kaufen.
Das Schwergewicht von DMK wird bei Käse, Butter, Frischmilch und Quark liegen. Es soll künftig mehr teurer Käse und weniger Milchpulver produziert und verkauft werden. Erklärte Ziele sind ferner die Geschäftsfelder Eis, Babynahrung und Gesundheitsprodukte und der Ausbau im Export.
Gerade der Export wird ein besonderes Gewicht erhalten, denn im Jahr 2015 soll in der EU die Milchquote fallen, und es wird noch mehr Milch produziert werden, die auf dem gesä ttigten deutschen Markt keinen Platz findet. Doch gerade im Export muss die neue Firma aufholen. Der Umsatz soll innerhalb von drei Jahren auf 700 bis 900 Millionen Euro verdoppelt werden. Schwaiger selber gab gegenüber dem Elite-Magazin zu, dass die ­europäische Konkurrenz in den wachsenden Märkten in Asien und im mittleren Osten schon länger präsent sei und deshalb einen Vorsprung habe – die niederländsche FrieslandCampina etwa, die dänische Arla oder
die französischen Verarbeiter Bongrain und ­Lactalis.

Auch Arla mischt mit im Grössenpoker
DMK ist nicht der einzige Zusammenschluss in der deutschen Milchbranche. Anfang März hat der dänische Milchriese Arla Foods die norddeutschen Hansa-Milch übernommen. Hansa Milch verarbeitet jährlich 700 Millionen Kilogramm Milch, bei Arla Foods sind es 8,7 Milliarden Kilogramm.
Auch hier soll Grösse für bessere Milchpreise sorgen: Arla hat den gut tausend Hansa-Milchbauern nicht nur eine unbefristete Milchabnahmegarantie zugesichert, sondern einen Milchpreis nach der Berechnungsgrund­lage von Arla. In den letzten Jahren lag der Arla-Milchpreis meist über demjenigen der Hansa-Milch.