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«Gleich lange Spiesse für Händler»

Die Emmentaler Sortenorganisation habe es den traditionellen Händlern nie erlaubt, Produktion und Handel zu integrieren, sagt Richard Gander von Lusten­berger & Dürst und will gleich lange Spiesse wie die Selbstvermarkter.

von Alimenta Import

Alimenta: Per 1. Mai werden die Preise neu ­festgesetzt. Wird im Emmentalermarkt nun das Chaos ausbrechen?
Richard Gander: Bis jetzt wurde zurück­haltend produziert, und alles ist unter ­Kontrolle, obwohl die Sortenorganisation Emmentaler Switzerland (ES) eine hundertprozentige Freigabe erteilte. Dennoch werden die Mengen ab 1. Mai wohl steigen und der Trend zu tie­feren Preisen verstärken. Doch in Zukunft ist es nicht in erster Linie die Menge, die zählt. Dazu muss aber die Sensibilität gestärkt werden.

Was heisst das für die Beteiligten?
Der eine oder andere wird sich die Frage stellen, ob er die Milch noch in diesen ­Kanal liefern will. Dies wird schrittweise zu einer Strukturbereinigung führen.

Selber reduzieren Sie Ihre Lieferanten von 19 auf 12?
Ja. Eine permanente Einschränkung von 30% ist keine wirtschaftlich tragbare Lösung und ist nicht zielführend. Der Struktur­prozess muss gefördert werden. Auch der Handel musste bluten. Schliesslich waren wir 1998 noch 50 «traditionelle» Käse­exporteure, heute ist davon noch eine Handvoll übrig geblieben.

Aber es entstanden auch neue Händler. Gerade viele Käsereien nahmen die Vermarktung selbst in die Hand. Müsste der Strukturwandel nicht auch im Handel erfolgen?
Nach der Ära Käseunion wurde die alte Struktur mit der grossen Anzahl von Käsehändlern drastisch reduziert. Heute sind es jedoch die Selbstvermarkter, die inflationär zugenommen haben. Dies ist eine Folge der ES-Struktur, die es jedem erlaubte, seinen Käse selber zu vermarkten, der den Affineurstatus erfüllte. Auf der anderen Seite wurde es dem Handel nicht erlaubt, sich rückwärts zu integrieren. Der Selbstvermarkter hat eine grössere Spanne der Preisflexibilisierung beim Milcheinkauf und bei der Käsermarge. Das sind ungleich lange Spiesse und führte zu Preiserosionen am Markt.

Was sollte denn anders sein?
Wir müssen nicht nach Reglementen und Diskriminierungsmöglichkeiten suchen, sondern sollten die Marke vereinheitlichen. Gegenwärtig ist eine Differenzierung im Gange. Denn damit jeder seine Marge schützen kann, muss er sein eigenes Label setzen. Eine Vereinheitlichung bedeutet aber wiederum Margendruck und erhöhte Austauschbarkeit. Der Handel wäre zu einer Vereinheitlichung bereit, aber im Gegenzug braucht er eine Kompensation, wie beispielsweise das Abpacken in der Schweiz. Ein Abpacken im Ursprungsgebiet würde die Koordination im Abverkauf sowie die Kanalisierung des Angebots bedeuten.

Ihre Kritiker sagen aber, dass Sie dazu noch nie einen schriftlichen Antrag an einer Delegiertenversammlung eingereicht haben.
Ein solcher Schritt braucht Konsens. Das Thema haben wir schon 2007 lanciert und wurde an diversen Veranstaltungen dis­kutiert. Man nennt mich nicht umsonst ­Mister Vorverpacker. Eigentlich ist man überzeugt, dass dies richtig wäre, doch sind noch Partikularinteressen da. Es ist am Vorstand, den Entscheid vorzubereiten.

Dann sind für Sie Händler oder Selbstvermarkter, die Emmentaler zu ihrem Abpacker nach Italien verkaufen, ein Problem?
Dies sind die grössten Gegner von «Ab­packen in der Schweiz». Diese Vermarkter, die ihren italienischen oder französischen Importeuren das Abpacken überlassen.

Was sollte denn nun die Sorte unternehmen, um dagegen etwas zu machen?
Wir haben Gewerbefreiheit. Man kann nicht den einzelnen Akteur dafür verantwortlich machen, wenn es das System zulässt und er einfach eine attraktive Lücke ausfüllt. Abgrenzungen und Reglemen­tierungsverdichtungen allein führen nicht zum Ziel. Selbstvermarkter könnten sich auch zusammentun, um den Käse abzu­packen. Wobei es aber dann gefährlich ist, dass wiederum eine Gesellschaft entsteht, die als Auffangbecken für überschüssigen Emmentaler dient.

Wie sollte denn die Menge gesteuert werden?
Um die Disziplinierung der Selbstvermark­ter voranzutreiben, sollte diese auf Stufe Handel gemacht werden. Man muss eine Budgetplanung machen, bevor das ­erste Kilo verkauft wird. Die Sorte ES würde dann die Quersumme der einzelnen Budgets machen.

Ab Mai ist Ihre Firma nicht mehr Mitglied ­dieser Sorte, und die Käsereimarke dürfen Sie nicht mehr brauchen. Macht es Ihnen Angst, dass Sie weniger verkaufen könnten?
Ich will nicht gerade sagen, dass die ES-Käse­reimarke eine schwache Marke ist. Solange wir nicht von der Switzerland Cheese Marketing (SCM) diskriminiert werden oder von der ES selber mit Promotionsgeldern, sehe ich aber für unsere eigene Marke kein Problem. Der Markenwert der ES-Marke hängt stark mit den Promotionsgeldern zusammen, die im Markt verteilt werden.

Sie sind der zweitgrösste Händler, Emmi der grösste. Sind Sie einfach Konkurrenten, oder hätten Sie nicht mehr Gemeinsamkeiten, weil sowohl sie als auch Emmi die Verpackungsinfrastruktur haben?
Wir haben nun einfach den ersten Schritt gemacht. Emmi ist mit der Situation natürlich auch unglücklich, hat aber ihre eigenen Szenarien.

Nun haben Sie eine Allianz mit ihren Käselieferanten gegründet. Wie gehen Sie mit Kritikern in dieser Organisation um?
Interessiert für unsere neue Allianz haben sich alle Käsereien. Berücksichtigen konnten wir nicht jede. Von diesen zwölf Lie­feranten ist mir kein Kritiker bekannt. Schliesslich wollen wir nicht bei jeder ­Sitzung wieder eine Grundsatzdiskussion führen. Sicher ist aber, dass noch Detail­fragen zu klären sind, wie das Preisbil­dungs­sys­tem, das aber in den nächsten zehn ­Tagen da sein wird.

Branchenkenner sagen, dass L&D 80 Rappen unter dem Verkaufspreis an die Käselieferanten zahlen wird?
Das ist noch nicht genau definiert, aber 80 Rappen stimmt nicht. Wir wollen unsere Käser marktgerecht bezahlen.

Also ungefähr 40 Rappen tiefer, wie dies das Emmi-Modell vorsieht?
Ich denke, dass es in diese Richtung gehen wird.

Sie handeln auch mit Gruyère AOC. Warum ist eigentlich diese Sortenorganisation erfolgreich?
Dies sind zwei total unterschiedliche Produktpositionierungen. Die Gruyère-Käser haben auch einen ganz anderen Zusammenhalt, und der Wille im Ursprungsgebiet ist vorhanden. Gruyère wird zu zwei Dritteln im Inland abgesetzt. Im Export geht
die Hälfte nach Nordamerika, wo der Käse ­perfekt positioniert ist. Man könnte den ­Gruyère mit Parmiggiano Reggiano vergleichen, wo das Einzugsgebiet eingeschränkt ist. Der Grana Padano könnte aber mit ­Emmentaler verglichen werden, wo das geografische Gebiet sehr ausgedehnt ist.

Aufgrund Ihres Austritts aus der ES verlassen Sie nach nur zwei Jahren auch den ES-Vorstand. Bedeutet dies für Sie eine persönliche Niederlage?
Ich hoffe, dass meine Ansichten, die ich im ES-Vorstand einbringen konnte, dort weiterleben werden. Ich denke, dass ich Spuren hinterlassen habe. Sicher bin ich enttäuscht, aber hier Buchhaltung zu machen, ist noch ein bisschen verfrüht.

Interview: Hans Peter Schneider