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«Preiserhöhungen sind unumgänglich»

Die Migros-Industrie müsse es mit jedem europäischen Industriebetrieb aufnehmen können – und Optimierungspotenzial gebe es trotz erfolgten Fitnessprogrammen, sagt Walter Huber, Chef der Migros-Industrie.

von Alimenta Import

Alimenta: Ihr Chef Herbert Bolliger erklärte an der Medienkonferenz, der Druck auf die Wertschöpfung werde anhalten. Gleichzeitig muss sich die M-Industrie mit jedem europäischen Unternehmen messen können. In welchen Bereichen sehen Sie weiteres Optimierungspotenzial? Gibt es dieses überhaupt noch?
Walter Huber: Im industriellen Umfeld gibt es immer Optimierungspotenzial. Die Potenziale liegen in der Beschaffung und in den Prozessoptimierungen.

Die meisten Preissenkungsrunden wurden bei Frischprodukten durchgeführt. Die Rohstoffpreise steigen aber permanent. Planen Sie Preis­erhöhungen?
Aufgrund der dramatischen Preissteige­run­gen in einigen Bereichen werden wir nicht umhinkommen, Preiserhöhungen weiterzugeben.

Die M-Industrie konnte ihr Exportvolume­n
im letzten Jahr steigern (+13,4%). Bei Ihrem ­Amtsantritt war Ihr Ziel, dieses innerhalb der ­nächs­ten fünf Jahre zu verdoppeln. Wo stehen Sie heute?
Aktuell sind wir gut unterwegs. Es wird aber, aufgrund der Währungssituation und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in einigen Zielmärkten schwierig, das ehrgeizige Ziel zu erreichen.

Mit welchen Massnahmen können Sie Währungs­schwierigkeiten abfedern?
Währungsrisiken auf der Umsatzseite versuchen wir konsequent auf der Beschaffungsseite aufzufangen.

Für welche Industrien kann am meisten in ­Euros beschafft werden?
Bei Betrieben, welche Produkte aus der Schweizer Landwirtschaft verarbeiten, kann keine Beschaffung in anderen Währungen erfolgen. Rohstoffe wie Kakao, Kaffee oder Fruchtkonzentrate, welche auf dem Schweizer Markt nicht erhältlich sind, können in fremder Währung eingekauft werden. Für die M-Industrie steht ungeachtet der ­Währungssituation eine Beschaffung bei Partnern, welche zu einer nachhaltigen ­Entwicklung beitragen, im Vordergrund. So nimmt die M-Industrie rund 25% der Schweizer Landwirtschaftproduktion ab und ist damit der bedeutendste Partner.

Die Migros-Industrie ist letztes Jahr um 2,5% gewachsen. Kann der Anteil, der auf Akquisi­tionen beruht, beziffert werden?
Erfreulicherweise ist trotz deutlich sinkender Preise im Inland und der schwierigen Währungssituation im Ausland über die Hälfte dieses Wachstums organisch.

Bei Fleisch wurde der Umsatz um 5,7% gesteigert. Dies ist erstaunlich angesichts der rekordtiefen Schweinefleischpreise.
Die tiefen Preise beim Schweinefleisch hatten schon einen Einfluss. Die Minusteuerung im gesamten Fleischsortiment betrug über drei Prozent. Das erfreuliche Wachstum ist auf Erfolge im Drittmarkt, vor allem der Gastronomie, aber auch im Migros-­Kanal zurückzuführen. Diverse Neuheiten – wie zum Beispiel das Swiss-Gourmet-Beef – ­haben zu diesem Wachstum wesentlich beigetragen.

Die Akquisition des Geflügelspezialisten Favorit AG wird ja wohl noch keinen Einfluss gehabt haben?
Diese Firma haben wir per 1. Oktober 2010 übernommen und spielt bei diesem Umsatzwachstum tatsächlich keine wesentliche Rolle.

Auch die Preise für Milch waren tief. Entwickel­te sich dieser Bereich darum rückläufig?
Der Absatz konnte im Vorjahresvergleich deutlich gesteigert werden. Die Preissenkun­­gen von gesamthaft 450 Millionen Franken wurden besonders stark im Frischesegment durchgeführt.

Der Bereich Getränke/Convenience der Bischofs­zell Nahrungsmittel AG (Bina) ist um fast 10% gewachsen. Warum?
Einerseits betreibt die Bina für die Migros eine neue Logistikplattform für Con­venience-Produkte. Andererseits konnte mit der Akquisition von Gastina das internationale Geschäft ausgebaut werden.

Als M-Industrie sich am Schwyzer Milchhuus beteiligte, sagten Sie, dass industrielle Synergien realisiert werden können. Welche?
Im Schwyzer Milchhuus werden wir Spezialitäten in kleineren Losgrössen herstellen. Durch die Verlagerung von solchen Aufträgen können die Prozesse bei Elsa/Mifroma vereinfacht werden. Dies wirkt sich für alle drei Industriestandorte positiv aus.

Sie sind dort VR-Vizepräsident, die Migros hält 34% Anteil. Können Sie einen wesentlichen Einfluss auf die Geschäftstätigkeit des Innerschweizer Unternehmens nehmen?
Mit dem Hauptaktionär pflegen wir eine ausgesprochen konstruktive Zusammen­arbeit. Bezüglich der strategischen Ausrichtung und der unternehmerischen Schwerpunkte besteht Übereinstimmung.

Beispielsweise auf Produktinnovationen?
Die einfachen und flexiblen Strukturen im Schwyzer Milchhuus werden dazu beitragen, dass wir unsere Innovationskraft und Geschwindigkeit weiter ausbauen.

Die M-Industrie wird nun das Mostobst-Konzentrat der Thurella in den eigenen Anlagen in Aproz verarbeiten. Thurella und Aproz wollten, wie im Herbst erklärt wurde, neue Produkte entwickeln. Gibt es schon Resultate?
Der Produktionsstart bei Aproz wird im April sein. Es ist zu früh, bereits über neue Produkte zu sprechen.

Bei Emmi lancierten Sie fast täglich eine ­Neuheit. Wieviele Lebensmittelinnovationen lancier­te die Migros-Industrie letztes Jahr?
Die M-Industrie hat auch letztes Jahr wieder mehrere Hundert Neuheiten lanciert.

Wie läuft das Geschäft mit Shakeria? Wie viel Marktanteil wird jetzt erreicht?
Shakeria ist eine Erfolgsgeschichte. Das inno­vative Konzept beflügelt das ganze Sortiment der Milch-Mischgetränke. Detaillierte Marktanteilszahlen geben wir nicht bekannt.

Auf welches Produkt sind Sie besonders stolz?
Besonders stolz bin ich auf Produkte, die unsere Kundinnen und Kunden begeistern wie zum Beispiel die Zoe-Kosmetiklinie mit dem preisgekrönten Stammzellenwirkstoff «PhytoCellTec©» von Mibelle oder die neue Brotlinie «Pain Création» von Jowa.

… und auf welche Akquisition?
Mit dem im letzten Jahr in England getätig­ten Kauf der Hallam Beauty Ltd. ist es uns gelungen, in Europa eine führende Stellung im Privat-Label-Kosmetikgeschäft aufzubauen. Damit haben wir das Fundament für zusätzliches Wachstum geschaffen.

Interview: Hans Peter Schneider