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Weniger CO2, weniger Strom – wie geht das?

Das atomare Desaster in Japan beeinflusst schon jetzt die politische Diskussion um die Stromzukunft der Schweiz. Ob mit oder ohne Atomstrom – Strom wird teurer werden. Zur bestehenden Herausforderung, CO2 zu ­reduzieren, kommt für die Lebensmittelbranche früher oder später die Herausforderung, Strom zu sparen.

von Alimenta Import

Wenn die Schweiz künftig ohne Kernkraftwerke auskommen soll, dann wird der Strompreis massiv teurer. Dies sagte der Chef des grössten Schweizer Stromproduzenten Alpiq kürzlich in der Sonntagspresse. Andere sind überzeugt, dass die Strompreise ohnehin steigen werden – ob mit oder ohne Kernkraftwerke. Klar ist: Wenn Strompreise steigen, dann steigt auch das Interesse, Strom zu sparen.

Strom sparen hat Zukunft.
Die Schweizer Privathaushalte und die gesamte industrielle und gewerbliche Verarbeitung (2. Sektor) verbrauchen etwa gleich viel Strom, nämlich je 18 Terawattstunden pro Jahr, das sind 18 Millionen Kilowattstunden. In den Haushalten nahm der gesamte Stromkonsum zu, obwohl die Haushaltsgeräte immer energieeffizienter werden. Nicht viel anders sieht es in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe aus. In der Lebensmittelbranche wurden im Jahr 2009 über 6,6 Terajoule ­elektrische Energie vebraucht, das sind rund 1,8 Tera­wattstunden oder ein Zehntel des Verbrauchs der gesamten Industrie. Das Kühlen und das Erhitzen, Prozesse, die in der Lebensmittelverarbeitung eine wichtige Rolle spielen, sind energieintensiv, aber auch Motoren, Pumpen und Beleuchtungen sind allgegenwärtig.

Viel von dem Strom, der heute in der Schweiz verbraucht wird, könnte gespart werden, sowohl in den Haushalten wie auch in der industriellen und gewerblichen Verarbeitung. Beim Bundesamt für Energie vermutet man, dass das Stromsparpotenzial in der ­Lebensmittelbranche ähnlich gross ist wie in der restlichen Industrie, nämlich bei rund einem Fünftel. Im Einzelfall sei das sehr ­unterschiedlich, sagt BFE-Sprecher Matthieu Buchs. In Betrieben, in denen Motoren eine wichtige Rolle spielen, sei das Sparpotenzial besonders gross. Aber auch bei Pumpen, Kompressoren und Druckluft könnte viel Strom gespart werden.

Buchs betont, dass es sich dabei um wirtschaftliche Sparpotenziale handelt, das heisst, die Investititionen können durch finanzielle Einsparungen innert nützlicher Frist wieder hereingeholt werden. Unter nützlicher Frist verstehen viele Betriebe zwei Jahre. Das sei eben zu kurz gedacht, findet Buchs. Nicht zuletzt deshalb hapert es bei der grossflächigen Realisierung dieser Sparpotenziale.

Die Grossen haben Hausaufgaben gemacht
Die grossen Verarbeiter haben ihre Stromsparpotenziale laut dem BFE bereits weitgehend realisiert. In der Migros-Industrie ist es beispielsweise Micarna, die ihre Kältezentrale in Bazenheid modernisiert hat. Migros und Coop haben auch die Kühlvitrinen in ihren Verkaufsläden modernisiert und zum Teil die Beleuchtung auf stromsparende LED umgestellt. Beide Grossverteiler betonen, dass nicht nur der Stromverbrauch, sondern auch die Art der Stromherstellung wichtig sei, und setzen auf Strom aus Wasserkraft oder anderen CO2-armen Quellen.

Für die KMU hingegen ist Stromeffizienz noch kein brennendes Thema. Die Kosten für die Beratung, für die technischen Umrüstun­gen, die zum Teil ungewissen oder zu geringen Einsparungseffekte bei Strom und Geld sind Hindernisse für die Betriebe, um das Thema Stromeffizienz anzugehen. Matthieu Buchs vom BFE nennt weitere Gründe: «Informationsmangel und ungenügende Kenntnisse energetischer Prozesse, ein ungenügend entwickelter Markt für Energiedienstleis­tun­gen. Und psychologische und soziale Hemmnisse.» Sprich: Die Firmenleiter wollen sich nicht damit befassen oder wollen nicht etwas wagen, was sonst niemand wagt.

Rolf Gloor, Energieberater aus dem bündnerischen Sufers, sieht es einfacher: «Die Strompreise sind einfach immer noch viel zu tief.» Die Energiekosten bei KMU machten im Schnitt zwischen zwei und sechs Prozent aus. Es lohne sich nur für grosse Firmen, die Stromkosten von 100?000 Franken und mehr haben, eine systematische Energieoptimierung in Auftrag zu geben, sagt Gloor. Er hat aus den Energieeffizienz-Projekten bei den Betrieben, die er betreute, Erfahrungswerte gesammelt. Die Kälteanlagen einer durchschnittlichen Metzgerei etwa oder die Backanlagen einer Bäckerei geben so viel Abwärme ab, dass damit nicht nur Warmwasser vorgeheizt werden könne, sondern auch genügend Wärme für die Heizungsunterstützung übrig bleibe, so seine Schlussfolgerung. Mit optimalem Unterhalt und optimaler Einstellung der Kühlanlagen könne auch viel Strom gespart werden. Im Schnitt könne man in vielen Metzgereien und Bäckereien bis zu einem Drittel der Strom­kosten einsparen. In den Bäckereien liege ein zusätzliches grosses Sparpotenzial bei den Backanlagen, rund 70 Prozent der Bäckereien setzten dafür Strom ein, der Rest verwende Heizöl, Erdgas und Holz. In Käsereien, wo die Erhitzung des Käsekessis meist auch mit Öl, Gas oder Holz erfolgt, ist der Stromverbrauch kein grosses Thema, in Molkereien hingegen, wo gekühlt werden muss, besteht auch Potenzial für Stromeinsparungen.
Neben den technischen Verbesserungen geht es aber immer auch um das Bewusstsein, um die Schulung der Mitarbeiter. Nicht verwendete Geräte sollen abgeschaltet, die Verwendung von Maschinen zeitlich optimiert werden, zum Beispiel Wärme sollte nur genau dann produziert wird, wenn sie nötig ist.

Strom verteuern ist nicht erwünscht
Das wirksamste Mittel wäre, sagt Gloor, wenn der Staat den Strom mit Steuern verteuern würde. Dann würde automatisch ein Druck auf die ganze Industrie entstehen, es würde automatisch mehr Bewusstsein entstehen, ­automatisch würden sich auch Handwerksfirmen stärker mit dem Thema befassen und vermehrt Lösungen anbieten.

Für Steuern auf Strom seien die politischen Mehrheiten nicht vorhanden, heisst es beim BFE. Die Initiative «Energie statt Arbeit besteuern», die in diese Richtung zielte, wurde 2001 vom Volk deutlich abgelehnt.
Der Bund setzt deshalb auf Förderprogramme und Bewusstseinsbildung. Mit der Energieagentur der Wirtschaft (ENAW), einer Private-Public-Partnership zwischen dem BFE und wichtigen Wirtschaftsverbänden, werden Unternehmen unterstützt, die ihre Stromeffizienz verbessern wollen. Mit dem Programm ProKilowatt werden im Rahmen eines Wettbewerbs Stromsparprojekte und -massnahmen gefördert. Dabei werden diejenigen Eingaben unterstützt, bei denen mit möglichst wenig Geld möglichst viel Strom gespart wird. Und mit dem Preis Watt d’Or werden innovative Energiesparprojekte geehrt.