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Frontenwechsel im Emmentalerkampf

Die Mengenführung bei Emmentaler ist bis Ende April aufgehoben. Die Branche erwartet sinkende Preise und Käsereischliessungen. Lustenberger & Dürst und 16 Käsereien sind aus der Sortenorganisation ausgetreten.

von Alimenta Import

Die Situation in der Emmentalerbranche drohe sich zu einem ­Marignano zu entwickeln, sagen die einen. Andere sprechen von der Käserei zur Vehfreude. Denn die Branche ist völlig zerstritten. Die zweitgrösste Handelsfirma, Lustenberger & Dürst AG (L&D) hat zusammen mit den Händlern Peter Bürki AG und von Mühlenen die Charta nicht unterschrieben («Alimenta» 04/11). L&D ist nun auch aus der Sortenorganisation Emmentaler Switzerland (ES) ausgetreten und ihr Chef Richard Gander hat sein Vorstandsmandat abgegeben. Obwohl L&D am 20. Januar dem Integrationskonzept zugestimmt hat, ist Gander nun ein Gegner davon. Damals sei nur über Referenzmengen und über Bussen entschieden worden, sagt er – und darüber, ob den Aussenseitern eine Grosslochkäseproduktion zugesprochen werden soll.

Wurde Fuder überladen?
Plötzlich seien aber zusätzliche Themen in die Charta aufgenommen worden, sagt Gander. ­Ferner hätte die Charta keine grössere ­Rechtssicherheit gebracht. Denn der Käsehändler Urban Hinder, der ausserhalb der Sorten­organisation geschäftet und auch Karl Wick in Italien gross gemacht hat, hätte
nicht in die Pflicht genommen werden können. Auch die ganze Strukturpolitik hätte mit dem Grosslochkäse Swaler abgetan werden sollen.
Sortenorganisationspräsident Jürg Simon widerspricht: Alle Punkte des Integrationskonzeptes seien an der ausserordentlichen DV klar gewesen. «Wir haben es hier mit Legendenbildung zu tun», sagt Simon.
L&D war ein Kritiker der Aussenseiter, ist nun jedoch selber zu einem geworden. Diese Kehrtwende erstaunt die Branchenkenner.

Preiseinbruch erwartet
Die Sortenorganisation Emmentaler Switzerland habe nach dem Scheitern der Charta die Produktion freigegeben, um den Mitgliedern der Sortenorganisation wenigstens gleich lange Spiesse zu gewährleisten, sagt Christoph Stadelmann, Marketingchef von Emmentaler Switzerland. Dies werde den Preis in die Tiefe reissen. Stadelmann rechnet mit einem Einbruch der Preise innert kürzester Zeit auf bis zu fünf Franken.

Produkt wird verramscht

Die unsichere Lage könnte auch die Preis­situa­tion in Deutschland verschärfen. So ­liegen die Gespräche mit dem deutschen Einzelhandel zur Durchführung von Aktionen für das zweite Halbjahr zurzeit auf dem Eis. «Zuerst müssen klare Entscheide von der Branche vorliegen», sagt Müller-Henze. Denn Emmen­taler AOC sei seit 40 Jahren als ­Markenprodukt aufgebaut worden, die Nummer eins an der Käsetheke und gelte als ­Inbegriff für Schweizer Käse. «Jetzt steht man kurz ­davor, das Produkt zu verramschen», ist ­Müller-Henze überzeugt. Wenn jetzt alle Emmen­taler-Käsereien ihre Pro­duktion von 70 auf 100 Prozent ausdehnen, müsste laut ­einer Hochrechnung in Deutschland das Doppelte verkauft werden, erklärt Müller-Henze. Ob nun wirklich alle auf Teufel komm raus produzieren werden, ist aber noch nicht klar. Der grösste Händler Emmi hat ­seinen Abnehmern empfohlen, ­weiterhin mit 70 bzw. 75 Prozent zu produ­zieren. Die verbleibenden elf Lieferanten des zweitgrössten Händlers L&D produzieren nun 100 Prozent. Die Gourmino AG werde wahrscheinlich auch mit der bisherigen Produk­tionsfreigabe weiter­fahren und Walo von Mühlenen hat es den Käseherstellern frei ­gelassen, wie viel sie nun produzieren wollen. Es ist aber nicht ­aus­geschlossen, dass die ­restlichen 30 Prozent zu einem tieferen Preis eingekauft werden könnten.

Die Verluste in Italien
Doch Deutschland ist «nur» zweitwichtigster Markt, das Schicksal des Emmentaler AOC wird auf den Handelsplätzen Italiens ent­schieden, wo die dreifache Menge derjenigen Deutschlands abgesetzt wird. Laut TSM-Sta­tistik wurden im 2009 10?650??t, letztes Jahr noch 10?354??t, verkauft. Dort hat sich der Preiskampf der Händler abgespielt, wo die Grosslochkäselaibe der zwar nach AOC-Pflichtenheft produzierenden Mengenbolzer, aber auch die wirklichen Fälschungen abgesetzt wurden. Diese Situation löste die Diskussion um die Reintegration der ausgetretenen Käsereien aus, die nicht mehr unter dem Mengendiktat der Sortenorganisation standen. Die Zustimmung an der ausser­ordentlichen DV vom 20. Januar zur Reintegration der Aus­getretenen war praktisch hundertprozentig («Alimenta» 02/11).
Die Branche hat durchschnittlich 15 Prozent auf den Einstandpreis verloren. Dies
gibt auf den gesamten 10?000??t Italien­export Verluste in Millionenhöhe. Auch Richard Gander sagt, seine Firma habe mit Emmen­taler in Italien Millionenverluste eingefahren. «Wir können Emmentaler AOC zum gleichen Preis einkaufen, wie wir ihn ­unseren Käsereien abkaufen», sagt Gander. Schon im ­Januar hat die Firma ihre Lieferanten von 19 auf 11 gestrafft. «Es bringt nichts, wenn eine Käserei nur 140 Tonnen produzieren darf.» Zuerst muss ein Strukturwandel stattfinden», ist der Firmenchef überzeugt.

Gibt es Alternativen zu Tiefpreisen?
Der Marketingchef der ES, Christoph Stadelmann, will im Moment keine Analyse machen, warum die Charta nicht zustande kam, sondern die Zeit bis zur Delegiertenversammlung nutzen, um Alternativen zu entwickeln, wie die ES nun auf die neue Situation reagieren soll, damit die Mitglieder möglichst gut aufgestellt für die kommende Zeit gerüstet sind.

Fair-Trade für Emmentaler
Die Sortenorganisation will jetzt vorwärts schauen und Lösungen für ihre Mitglieder ­suchen. Möglichkeiten sind beispielsweise ein neues Fair-Trade-Label für Emmentaler AOC, der in kleingewerblichen Käsereien hergestellt wird. Auch die schon laufenden Projekte wie der Rahmemmentaler oder eine andere Grosslochkäsemarke, wie der schon in der Charta vorgesehene Swaler, sind laut Stadelmann Optionen. Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass es dennoch eine Chance gebe, die Händler zur Unterschrift zu bewegen. Egal ob diese Be­mühungen noch Erfolg haben werden: Sicher ist, dass Wertschöpfung vernichtet wird.