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Ein Stück Geschichte ist zu Ende

Eine Reihe von Lebensmittelfirmen mit klingenden Namen besass die ­Molkerei Hirz. Nach dem Scheitern eines Gemeinschaftsprojektes von Emmi, Translait und Orcava wurde die Fabrik an einen Immoblienhändler verkauft.

von Alimenta Import

Knorr, Bongrain, Nestlé und Emmi und zuletzt Translait. Die altehrwürdige Molkerei Hirz hat viele Besitzer erlebt in ihrer 140-jährigen Geschichte. Obwohl einige kleine Lebensmittelproduzenten noch in der Molkerei tätig sind, ist kein ­Lebensmittelunternehmen mehr Eigentümer, und ein Immobilienunternehmen besitzt das Gebäude jetzt. Schon 1869 wurden die ersten Hirz-Frischprodukte hergestellt, wenig später eine eigene Molkerei gebaut, die mit einer Zentrifuge und einer Dampfanlage ausgestattet zu den grössten und modernsten Betrieben ihrer Zeit gehörte. Produziert wurden Frischkäse Petits-Suisses, Hirzli oder der Zibu-Brotaufstrich. Nach dem zweiten Weltkrieg stieg der Joghurtkonsum stark an, und Ende der Sechzigerjahre wurden 40 Sorten Joghurt produziert. Danach ist die Unabhängigkeit der Molkerei zu Ende gegangen, der Inhaber, der ledige Dr. Hitz, verkaufte die Fabrik 1969 an die damalige Knorr/CPC, den Vorläufer der heutigen Unilever-Gruppe. Knorr verkaufte dann die Fabrik an den französischen Käsekonzern Bongrain, der diese nur zwei Jahre später an die Nestlé verkaufte. Der Weltkonzern führte den Standort 20 Jahre, bevor er ihn 1998 an die Emmi verkaufte. Emmi stellte die Joghurtproduktion jedoch im Frühling 2005 ein und verlegte diese nach Oster­mundigen. Darauf kaufte die Translait SA in ­Chésopelloz die Fabrik.

Start der Lacmatec AG
Die Translait SA und mit Minderheitsbeteiligungen die Emmi und der Obstsaftkonzentrat­produzent Orcava AG gründeten im Oktober 2006 die Lacmatec AG. Diese sollte Trauben- Apfelsaft-Wein und Molkekonzentrat produzieren. Emmi und Translait suchten damals Eindampfkapazitäten und fanden diese mit dem Eindampfer der Orcava AG, den die Firma als Sacheinlage in die neue Firma einbrachte. Bald wurden 60 Millionen Liter verschiedene flüssige Milchprodukte hergestellt, 1300 Tonnen Obst und 100 Tonnen Trauben verarbeitet. Noch vor zwei Jahren zeigte sich Translait optimistisch und wollte dieses Projekt, mit Namen «Liquid Technology Center», weiterentwickeln. Schon bald wurde den beteiligten Firmen aber klar, dass die Produktion nicht rentabel betrieben werden konnte. So waren laut Vincent Stucky der Translait SA die Kosten für das Abwasser zu hoch. Die gemeindeeigene Kläranlage hätte zwar auf Anfrage von Alimenta die Frachtmenge problemlos verarbeiten können, doch eine Erhöhung der Abwasserfracht wäre nicht dringelegen. Ausserdem seien in der Lacmatec zu wenig Produkte hergestellt worden, die in Bulle laut Stucky genauso gut produziert werden ­können. Auch Geschäftspartner Emmi sagt ­gemäss Pressesprecherin Sibylle Umiker, dass das für die Lacmatec vorgesehene Geschäfts­modell nicht rentabel betrieben werden konnte.

Schliessung mit Nebengeräuschen
So stimmten der Schliessung der Lacmatec laut Translait alle drei beteiligten Unternehmen zu. Dennoch fühlt sich die Orcava AG benachteiligt. Denn Translait hätte einen ihrer besten Kunden übernommen. Laut Julien ­Guignard von Translait sind die Geschäftsbeziehungen mit diesem Kunden jedoch schon 20 Jahre alt. Die Orcava-Geschäftsführerin, Michelle de Verra, bemängelt ausserdem, dass die vertraglich abgemachten Verarbeitungsmengen durch Translait nicht eingehalten worden seien. Doch laut Guignard hätten alle Parteien die Mengen nicht mehr einhalten können. Einerseits aus technologischen Gründen, wie Verwertungsveränderungen, andererseits wegen der unglücklichen Marktsituation wie der Nachfrage und dem Wechselkurs. Translait hätte das grösste Interesse an höhe­ren Mengen gehabt, schliesslich hatte die Firma das grösste finanzielle Engagement in der Lacmatec.
Die desillusionierte Orcava-Geschäftsführerin, Michelle de Verra, erklärt jedoch, dass dies das Risiko eines Kleinbetriebes sei, der sich mit «Grossen» zusammentue.

Produktionseinheiten aufgeteilt
Jetzt wurden die Produktionseinheiten unter den verschiedenen Aktionären verteilt. Emmi hat den Verdampfer übernommen und vor zwei Wochen mit Europas grösstem Pneukran an den Standort Dagmersellen gezügelt. Trans­lait übernahm die Nanofiltration und die Lager­tanks, um den Standort Bulle zu verstärken. Damit die Orcava ihr bisheriges Geschäfts­modell, die Verarbeitung von Obst und Wein, weiterhin in Hirzel betreiben kann, hat Translait die entsprechenden Anlagen auch aus der Lacmatec herausgekauft und vermietet ihr ­diese nun zu einem sehr tiefen Ansatz.

Kommt es zur Zonenänderung?
Mit dem Ende der Lacmatec verkaufte die Translait die Liegenschaft jetzt auch an einen Immobilienhändler und hat Anfang April die letzten Büros geräumt. Somit ist die langjährige Geschichte bekannter Lebensmittelunternehmen und Marken, die Eigentümer der ­Fabrik waren, zu Ende. Die drei kleinen Lebens­mittelunternehmen, Orcava AG, Delisha AG und Traktor Getränke AG (siehe ­unten), können die Räumlichkeiten der alten Molkerei noch mieten. In den nächsten ­Monaten will die Gemeinde die verbleibenden Firmen, zusammen mit der Eigentümerin, der Immobi­liengesellschaft ISE Immobilien AG, Luzern, informieren, wie es weitergehen wird. Für eine Zonenänderung bräuchte es jedoch eine Gemeindeversammlung und die Zustimmung des Kantons. «Es ist ein politischer Entscheid», sagt der Hirzel Gemeindeschreiber. ­«Entweder Arbeitsplätze oder Wohnungen.»