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Kooperation ja, Innovation eher nein

Die Logistikkooperation zwischen Handel und Industrie befindet sich in der Schweiz auf hohem Niveau. Der Fokus liegt jedoch weiterhin auf klassischen Themen. Innovative Technologien werden wenig genutzt.

von Alimenta Import

Obwohl die Technologie für den Erfolg der Logistik ausschlaggebend ist, werden neue Technologien noch spärlich eingesetzt

Die Logistik wird nicht umsonst als das Rückgrat des Handels bezeichnet. Ohne eine ausgeklügelte Logistikkette könnten ­moderne Detailhändler nicht die hohen Anforderungen der Kunden bezüglich Geschwin­digkeit, Qualität und Kosten erfüllen. Dies wird umso wichtiger, da auf dem Schweizer Konsumgütermarkt durch den Markteintritt neuer Wettbewerber der Konkurrenzdruck gestiegen ist. Eine mögliche Lösung zur Optimierung der Supply Chain wird schon seit ­vielen Jahren propagiert: vertikale (Logistik-) Kooperationen zwischen Handel und Industrie. Jedoch ist das Lager der Skeptiker gross. Diese sehen in Kooperationen lediglich ein nettes Beiwerk, messen diesem Faktor aber keine entscheidende Wichtigkeit für den ­Unter­nehmenserfolg bei.

Um der Diskussion eine fundierte Grundlage zu geben, hat die Zürcher Hochschule
für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ­zusammen mit der Unternehmensberatung Fuhrer & Hotz die gross angelegte Studie «Handelsradar» durchgeführt. Die Studie ­untersucht den Status Quo, Erfolgsfaktoren und Trends von Kooperationen im Schweizer Konsumgütermarkt. Dazu wurden 241 Exper­ten aus dem Schweizer Konsumgütermarkt Anfang 2011 befragt. Im Branchenfokus stand vor allem der Foodbereich (61% der Teil­nehmer).

Klassische Kooperationsgebiete überwiegen
Insgesamt wird die Kooperationsintensität zwischen Handel und Industrie von den ­Supply-Side-Befragten als «eher hoch» eingestuft. Dabei überwiegen klassische Koopera­tionsgebiete wie Promotionen, Lieferantenprozesse und regelmässiger Datenaustausch. Innovative Kooperationsformen fehlen weitest­gehend, gemeinsame Produktentwicklungen zwischen Handel und Industrie sind die Ausnahme. Hier wird sicherlich Potenzial verschenkt, denn die Supply Side kann von einer durchdachten Produktentwicklung profitieren. So kann ein durchdachtes «Design for ­Logistics» dazu führen, dass die Transport- und Lagerkosten erheblich reduziert werden. Ikea hat vorgemacht, wie es gehen kann.
Als Hinderungsgründe für Koopera­tio­nen nennen die Befragten fehlende Ko­opera­tionsbereitschaft beim Partner, ein un­attrak­tives Kosten-Nutzen-Verhältnis sowie komplizierten Datenzugang bzw. -austausch.

Beschränkter Datenaustausch in der Kette
Das Handhaben von Informationen ist der Schlüssel zur Steuerung von Supply Chains. Es werden zwischen Industrie und Handel ­regelmässig POS-Daten und Bestandsdaten ausgetauscht (64% bzw. 58%). Bei näherer Betrachtung relativiert sich jedoch das hohe POS-Datentauschniveau, da die Teilnehmer häufig nur stark aggregierte Daten weiter­geben. Diese sind jedoch für die operative Steuerung der Logistik nicht zu gebrauchen. Haupthemmnis ist laut den Befragten der einseitige Nutzen (55%), die Befragten bezweifeln den eigenen Nutzen des Datentauschs.

Technologie ist ein Erfolgsfaktor
Einig sind sich die Studienteilnehmer in der Rolle der Technologie als Erfolgsfaktor. 85% der Supply-Side-Befragten erachten die Technologie als «eher wichtig» bis «sehr wichtig» für den Erfolg einer Kooperation. Durchgesetzt am Markt haben sich die Identifikations- und elektronischen Kommunikationstechnologien. Barcodes (EAN/GTIN) werden von 89% der Befragten eingesetzt, EDI (Electronic Data Interchange) von 87%. Auch hier zeigt sich eine grosse Lücke zu den innovativen Technologien. Der SSCC (Serial Shipping Container Code) wird lediglich von 38% der Unternehmen genutzt, um die logistischen Transporteinheiten zu erkennen. Für fortgeschrittene Supply-Chain-Anwendungen wie lückenlose Rückverfolgung ist dieser Code ­jedoch eine wichtige Voraussetzung, so dass hier Steigerungspotenzial vorhanden ist. RFID ist weiterhin eine Nischenanwendung, nur 13% der Befragten nutzen diese Technologie. Die Frage nach der treibenden Kraft
bei der Einführung von neuen Technologien wird eindeutig beantwortet: 70% der Befrag­ten ­sehen den Handel als Vorreiter.

Potenzial liegt in übergreifenden Konzepten
Die Optimierung der firmeninternen Logistik ist schwierig. Ungleich schwieriger ist die Optimierung ganzer Supply Chains. Am meisten Verbreitung finden noch Rückverfolgungskonzepte (34%), gefolgt von Vendor Managed Inventory (lieferantengesteuerter Bestand) mit 32% und Cross Docking (Waren vom Lieferanten werden vorkommissioniert geliefert) mit 31%. Den Entwicklungsstand des Supply Chain Management sehen die Befragten in der Schweiz als leicht hinter anderen euro­päischen Märkten zurückliegend. Das Potenzial dieser Konzepte ist sehr gross und noch lange nicht ausgereizt. So wird berichtet,
dass mit Vendor-Managed-Inventory-Projek­ten Einspa­rungen zwischen 4 und 15% der Prozesskosten erzielt werden konnten. Kooperationen im Netzwerk mit mehreren Partnern fehlen jedoch praktisch vollständig.

Unbedingte beidseitige Kostentransparenz
Die in der Befragung ermittelten Koopera­tionen fokussieren auf Bereiche, die schon seit vielen Jahren Standard sind. Echte Innova­tionen fehlen, obwohl der Wille und die technologischen Grundlagen vielfach vorhanden sind. Ein Hauptproblem scheint im Zwischenmenschlichen zu liegen. So hat die Umfrage gezeigt, dass neben harten (monetären) Faktoren auch die weichen Faktoren wie Vertrauen des Partners wichtig sind für das Entstehen und den Erfolg von Kooperationen. Doch gerade Vertrauen ist oft Mangelware, denn die geringe Transparenz in der Supply Chain bezüglich Kosten- und Gewinnaufteilung verhindert vielfach Kooperationen.

Die Befragten sind sich jedoch einig, dass Kooperation der richtige Weg für die Zukunft der Schweiz ist, mehr als zwei Drittel erwarten einen Anstieg der Kooperationen. Als mögliche Vorgehensweise entwickelten die Autoren der Studie eine dreistufige Roadmap für eine beidseitig zufriedenstellende Kooperation: 1. Vertrauen in kleinen Schritten aufbauen 2. «Leuchtturm-Kooperationsprojekte» mit transparenter Kosten-Nutzen-Aufteilung angehen und 3. durch Definition standardisierte logistische Prozesse und Technologien ausbreiten.
Es bleibt abzuwarten, ob sich die Kooperationsbereitschaft wirklich verbessern wird. Die Studie «Handelsradar» will den Status Quo in zwei Jahren erneut überprüfen.
redaktion@alimentaonline.ch

*Alfred Angerer ist Dozent für Operations- und Projektmanagement. Judith Reidenbach ist ­wissenschaftliche Mitarbeiterin für Marketingmanagement und Guido Müller ist Dozent für Marketingmanagement und Konsumentenverhalten. Die Autoren arbeiten an der ZHAW.