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Swissness: Brauer gegen Bauern

Ob Wasser zur Swissness-Berechnung zählen darf oder nicht, darüber wird gestritten. Die Bauern befürchten eine Verwässerung der Swissness. Die Brauer sehen ihren wichtigsten Rohstoff wegschwimmen.

von Hans Peter Schneider

Hans Peter Schneider. Bier, welches in Schweizer Brauereien gebraut wird, ist schweizerisch. Jedenfalls sind die meisten Brauer dieser Ansicht. Bier besteht aus Malz und Hopfen, beides stammt zu fast 100 Prozent aus dem Ausland. Der überwiegende Anteil an Bier ist aber der Rohstoff Wasser, womit Bier den mit dem geplanten Swissness-Gesetz geforderten Mindestanteil von 80 Prozent Schweizer Rohstoffen spielend erreicht. Schweizer Wasser, das für Marcel Kreber eine unerreichte Qualität hat und für Swissness pur steht. Kreber ist Direktor des Schweizerischen Brauereiverbandes (SBV) und des Mineralwasserverbandes (SMS).

Der Artikel 4 des Verordnungsentwurfs über die Verwendung der Herkunftsangabe «Schweiz» für Lebensmittel (HASLV) des Bundesrates zur Swissness-Verordnung sieht vor, dass Mineralwasser und Quellwasser anrechenbar sind – Trinkwasser (Hahnenwasser) aber nicht. Der Bauernverband möchte schärfere Bestimmungen. Swissness dürfe nur gelten, wenn ein Mineralwasser in seiner reinen Form abgefüllt an Konsumenten abgegeben werde und wenn die Quelle in der Schweiz liege.

Dies würde dem Bier das Prädikat Schweiz wegnehmen. «Dass dieser einzigartige Leistungsvorteil per Gesetz ausgeklammert werden soll, geht mir nicht in den Kopf», sagt Kreber. Der für die Branche wichtigste Rohstoff sei früher schliesslich sogar für den Standortentscheid ausschlaggebend gewesen.

Angst vor Schweizer Apfelsaft aus China
Der Bauernverband und die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) befürchten, dass die Getränkeindustrie Missbrauch mit dem im Überfluss vorhandenen Wasser betreiben könnte. So warnte die SKS jüngst davor, dass künftig eine Fertigsuppe das Prädikat Schweiz tragen dürfe, ohne eine einzige Zutat ausser Wasser aus der Schweiz zu haben. Für den Schweizerischen Obstverband (SOV) ist der Antrag zum Wasser der wichtigste im Vernehmlassungsverfahren, das am Freitag, 17. Oktober abgelaufen ist. «Was ist, wenn chinesisches Apfelsaftkonzentrat in der Schweiz mit Schweizer Wasser zu Apfelsaft aufbereitet wird?», fragt SOV-Direktor Georg Bregy. Der Apfelsaft könnte dann per Gesetz als schweizerisch verkauft werden. Das Gleiche könnte laut Bregy passieren, wenn Zwetschenwasser mit 80 Volumenprozent eingeführt würde und dann bis auf 37 Prozent «aufgewässert» würde.

Zentral betroffen von den Schwierigkeiten mit dem Schweizer Wasser ist der Fenaco-Getränkehersteller Ramseier Suisse AG. Beim Apfelsaft ist das Unternehmen darauf angewiesen, dass die Herkunft Schweiz nicht durch Missbräuche verwässert werden könnte. Beim Elmer Mineralwasser dürfte «Schweiz» laut Verordnungsentwurf ausgelobt werden, beim Bier, das in Hochdorf gebraut wird, künftig aber nicht mehr. Ramseier-Sprecher Jürg Emmenegger kann momentan noch nicht abschätzen, welche Auswirkungen die Bestimmungen zur Swissness auf das Unternehmen haben werden. Dazu sei das Unternehmen in intensivem Kontakt mit den Branchenverbänden. Bregy sieht die Schwierigkeiten, die auf die Getränkehersteller und die Brauer zukommen, er findet, für Bier sollte es eine Ausnahme geben. Damit ist Kreber nicht zufrieden: «Wir wollen keine Ausnahmen. Man kann vom Kuchen nicht die Hauptbestandteile wegdefinieren. Wasser gehört schon mal durch das 1516 erstellte Reinheitsgebot dazu.»

Quell-, Mineral- oder Leitungswasser?

Aber auch der Verordnungsentwurf, der nur Trinkwasser von der Anrechnung als Rohstoff ausschliessen würde, brächte schwierige Regelungen mit sich. So würde Quell- und Mineralwasser als «schweizerisch» angesehen.

Doch: Wer braut schon Bier aus Mineralwasser? «Mineralien sind fürs Bier kontraproduktiv», sagt Ulrich Schmidt von der Brauerei Rugenbräu in Interlaken. Denn die Mineralien sorgen für hartes Wasser, Brauer bevorzugen aber weiches. Die Schweizer Brauerei rühmt sich seit Jahren, mit «Jungfrauwasser» Bier zu brauen, das zwar aus dem öffentlichen Netz fliesst, aber aus dem Einzugsgebiet des Jungfraumassivs stammt.

Dagegen sähe die Schweizer Niederlassung des internationalen Braukonzerns Heineken Switzerland mit der Ausführungsverordnung momentan noch keine Einschränkungen. Denn das Wasser für die Heineken-Brauereien – Calanda in Chur und Eichhof in Luzern – stamme von der eigenen Quelle, die mit einer Pipeline mit der Braustätte verbunden ist, sagt Jan Freitag vom Braukonzern.

Hingegen ärgert sich Patrick Bossart von Coca-Cola HBC Schweiz AG darüber, dass in der Schweiz produziertes Coca-Cola nicht mehr als schweizerisch gelten soll. Um Coca-Cola herzustellen, reiche es nicht, ein Konzentrat ins Leitungswasser zu mixen. Vielmehr werde das Getränk in einem aufwändigen Prozess lokal aufbereitet, in Dietikon und Bolligen. Das Wasser stelle den Hauptbestandteil des Rezeptes dar.

Früher oder später
Beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) äussert man sich vorsichtig zur heiklen Frage.Patrik Aebi, Leiter des Fachbereichs Qualitäts- und Absatzförderung beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), ist sich bewusst, dass es auch Stimmen gebe, die eine noch restriktivere Lösung für die Anrechnung von Wasser forderten. Über das Ausführungsrecht ist noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Davon gehen die Brauer aus. Aebi sagt, man müsse nun zuerst die vielen Stellungnahmen, die bis letzten Freitag beim BLW und beim Institut für geistiges Eigentum (IGE) eingingen, auswerten. «Momentan zeichnet sich bei der Vernehmlassung noch kein klares Bild ab.» Auch die Rechtskommissionen von Stände- und Nationalrat werden zum Swissness-Ausführungsrecht im kommenden Jahr konsultiert werden. Der Bundesrat sollte dann Ende des nächstes Jahres den Entscheid fällen. Und damit würde die Swissness-Gesetzgebung am 1. Januar 2017 in Kraft treten. Dies, wenn sich nicht die bäuerlichen Kreise durch­setzen, die eine raschere Einführung fordern.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch