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Food Contact Materialien: Migration erfordert Transparenz

Obwohl das Gefahrenpotenzial von Lebensmittelverpackungen tief ist, könnte jederzeit ein Skandal entstehen. Vermeiden lässt sich dies, wenn die Information über die ganze Wertschöpfungskette fliesst.

von Alimenta Import

Jede Lebensmittelverpackung muss eine Konformitätserklärung haben.

Hans Peter Schneider. Immer wieder tauchen sie auf, die Schlagzeilen über «giftige» Lebensmittel, hervorgerufen durch die Verpackung. Beat Brüschweiler, Lebensmitteltoxikologe im Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zählte an der Tagung der Joint Industry Group (JIG) die vergangenen, teils aufgebauschten «Skandale» auf. So sei im 2009 das Mineralwasser durch Östrogene verunreinigt worden, wie Boulevard-Medien gemeldet hätten. In einer Studie, durchgeführt vom BLV, habe dann zwar nichts nachgewiesen werden können. 2011 kam die Horrormeldung: «Krebsgefahr durch Erdöl in Lebensmitteln», vom Kassensturz und ein Jahr später war sogar die «Advents-Schoggi» mit Erdölrückständen verschmutzt. Die Verunreinigungen waren durch die Kartonsverpackungen, die aus Altpapier hergestellt wurden, hervorgerufen worden.

Die volkwirtschaftlichen Schäden durch die sogenannten «Endokrinen Disruptoren» oder auf deutsch Umwelthormone, die unter anderem aus «gefährlichen» Verpackungen ins Nahrungsmittel migrieren können, belaufen sich in Europa gemäss Brüschweiler auf jährlich 150 Milliarden Euro. Die gesundheitlichen Folgekosten, mit Krankheiten wie Diabetes oder Cardio vaskulären Störungen, seien durch Umwelthormone hervorgerufen, wie Brüschweiler eine aktuelle Studie zitierte. Bei Lebensmittelkontaktmaterialien würden noch grosse regulatorische Lücken bestehen. Denn die Rückstände in Lebensmitteln, entstanden aus der Migration von problematischen Materialien, seien teilweise vielfach höher als die Rückstände aus Pflanzenschutzmitteln. Das Potenzial für einen Skandal sei vorhanden.

Die Suche nach Lösungen
Wenigstens was Verpackungen in der Schweiz anbelangt, hat sich die Verpackungs- sowie die Lebensmittelindustrie schon vor Jahren der Problematik angenommen. In der Joint Industry Group on Packaging for Food Contact, wird nach Lösungen gesucht und die Vereinigung will die Lebensmittelsicherheit von Verpackungen vorantreiben. So wurde mit der Konformitätserklärung ein Werkzeug entwickelt, das «gefährliche» Stoffe in Lebensmitteln ausschliessen soll. Dies erfordert jedoch ein grosses Mass an Transparenz von der vorgelagerten Industrie der Lebensmittelbranche. Und damit verbunden einen grossen Papierkrieg. Zudem lädt der Verpackungshersteller ein grosses Stück Verantwortung auf sich. Denn dieser gibt dem Kunden mit der Konformitätserklärung die Sicherheit, dass keine gefährlichen Stoffe in der Verpackung enthalten sind. Bedingung sei aber, dass der Lebensmittelhersteller auch wirklich alle Angaben zu dem zu verpackenden Produkt angibt, sagte Karsten Hötzer vom kantonalen Amt für Verbraucherschutz des Kanton Aargaus an der Tagung. Sei dies die Haltbarkeit des Lebensmittels, die Temperatur, die auf das verpackte Produkt einwirken kann und natürlich, welches Produkt darin verpackt werden soll.

Viele Unternehmen würden sich nicht die Zeit nehmen, um die Konformitätserklärungen zu lesen und oft laute der Spruch auch einfach: «Wir sind keine Juristen und wollen nichts falsch machen». Die Betriebe müssten jedoch die Erklärung prüfen und rückfragen, welche Stoffe die mit dem Food in Kontakt kommenden Verpackungen (Food Contact Materials)(FCM) enthielten. Es gehe auch nicht nur um die Verpackung des Endprodukts. Auch die Materialien, die nur zwischenzeitlich mit dem Lebensmittel in Berührung kommen, stellten eine Verunreinigungsquelle dar.

Risikobewertung machen
«Gesetzliche Regelungen sind für viele Unternehmen, die mit FCM arbeiten, oft unbekannt», sagte Hötzer. Ohne aber dabei zu erwähnen, dass es ganz viele Betriebe richtig machen und die wichtigsten Punkte wie den Migrationstest durchführen, oder die Rückverfolgbarkeit des Materials gewährleisten würden. Es brauche auch Schulungen, so Hötzer. Trotz aller Massnahmen sei die Migration von Stoffen aus FCM in Lebensmittel nicht vermeidbar und eine potenzielle Gefahr für künftige Skandale sieht Hötzer vor allem bei den sogenannten Non-intentionally added substances (NIAS). Deren toxikologische Daten müssten anhand einer Risikobewertung bekannt sein und die Information dazu müsse über die gesamte Lieferkette verteilt sein. Vom Rohstoffhersteller über den Kunststoffgranulathersteller, den Druckfarbenhersteller, den Folien- und Kunststoffhersteller, bis zu demjenigem, der die Lebensmittel produziere. Denn dieser wolle eigentlich gar nicht mehr wissen, was alles im FCM drin ist, sondern über die Konformitätserklärung nur noch bestätigt haben, dass alles in Ordnung ist, sagte Hötzer. Dies bedinge einen transparenten Informationsfluss. Diesen fordert auch Mario Krönert von Nestlé Rorschach. «Wir wollen dem Konsument ein Lebensmittel geben, das ihn nicht gefährdet», so Krönert. Da habe auch der Lebensmittelhersteller eine Verantwortung, wofür die Verpackung vorgesehen sei. Er müsse dem Verpackungslieferanten genauestens angeben, was wie und wie lange verpackt werde und wo es verkauft werde. Diese Informationen könnten auch von einem kleinen Foodhersteller eingefordert werden. «Wir sind ein gebranntes Kind», sagte Krönert mit Blick auf den vor zehn Jahren passierten ITX-Skandal, als Nestlé Babymilchverpackungen, die mit der in Druckfarbe enthaltenen Chemikalie Isopropylthioxanthon (ITX) verunreinigt war, verkaufte. Darauf wurden 30 Millionen Liter Milch beschlagnahmt.

Wenn das Lebensmittel exportiert werde müsse wiederum beachtet werden, welche Regulatorien im Exportmarkt gelten. Wenn zum Beispiel ein Becher und ein Deckel aus Polysterol von unterschiedlichen Herstellern stammen würden und beide halten die Vorgabe ein, dass keine Migration von über 0,3 ppm bestehe, könne dies unter Umständen dennoch bedeuten, dass die «Migrationsrate» im Lebensmittel zu hoch ist. Denn aus Becher und Deckel migrieren Stoffe ins Lebensmittel. Nicht nur aus der Verpackung, auch aus Druckfarben. Wie kompliziert die Situation ist, verdeutlicht schon nur der Umstand, dass alleine in Druckfarben ungefähr 5000 Substanzen enthalten sind. Schwierig ist es oft festzustellen, woher die Stoffe herkommen. So kommen im Granulat zur Folienherstellung zwar nur ungefähr zehn Substanzen vor. Dies sind chemische Additive aus dem Herstellprozess wie Kohlenwasserstoffe, Octen oder Hexogen oder auch nur Zitronensäure. Die Frage stellt sich nun, woher die gefundene Zitronensäure im Lebensmittel stammt.
Um die Gefahren zu minimieren, müssten die Verpackungsunternehmen risikobasierte Gefahrenszenarien entwickeln und herausfinden, wo die Hauptrisiken liegen, sagte Krönert; und sie müssten sich fragen: «Ist es relevant für den Schweizer Markt oder ist es zum Beispiel wichtig für den US-Markt?» Nestlé bevorzuge Lieferanten, die sich «proaktiv» einsetzen.

Nicht alle machen mit
Oft reiche der Informationsfluss in der Wertschöpfungskette zu wenig weit zurück und viele Verpackungshersteller sehen sich im Sandwich zwischen Rohstoff- und Lebensmittelherstellern. So verlange die Lebensmittelindustrie die vollständige Deklaration und die Konformität der Verpackungen, hingegen würden die Zulieferer der Verpackungsindustrie die Vorgaben oft nicht erfüllen. Patrick Beeler von Petroplast Vinora hat seine liebe Mühe mit den Multis wie BP, Total oder BASF, wie er an der Tagung sagte.
Diese seien nicht sonderlich an kleineren Kunden interessiert, die für die Lebensmittelindustrie Verpackungen herstellen. Wenn er von ihnen Konformitätserklärungen verlange, so würde ihm oft mit der Nicht-Belieferung gedroht. Und wenn der Rohstofflieferant die Konformität liefere, dann sei noch lange nicht klar, dass auch diejenigen auf der Liste bezeichneten Stoffe drin sind. Entscheidender sei, welche Spaltprodukte, oder eben die NIOS-Substanzen, entstehen würden, wenn die Verpackung erhitzt werde. Der Rohstofflieferant hat seine Pflicht erfüllt, der Kantonschemiker sammle dennoch die Daten und wenn er etwas finde, so hängt der Lebensmittelhersteller und damit auch der Verpackungshersteller. Darum, so Beeler, sei es wichtig, dass auch der Verpacker selber Analysen mache. Jährlich investiere seine Firma 50?000  Franken in diese.

Punkten mit konformer und sicherer Verpackung
«Der Konsument fordert eine Nulltoleranz von Migrations­stoffen in Verpackungen», sagte Claudia Hunter, Projektleiterin des JIG. Der Argwohn gegenüber Verpackungen bestehe weiter und die positiven Argumente für die Verpackung würden ausgeklammert, sagte Hunter. Diese Sicht auf die Verpackung will die JIG korrigieren, wie auch deren Mitglieder, Hermann Schöpfer von Bachmann Forming AG, Hochdorf und Markus Müller von Müller Kartonagen AG in Näfels betonten.

Langfristig gesehen soll die Konformitätsarbeit ein Werkzeug sein, um Kosten zu senken. Doch vor allem könne mit diesem hohen Qualitätsstandard die Schweizer Verpackungsindustrie profitieren im Export, sagte SVI-Präsident, Pierre Dubois. Die Verpackungen seien neben der Unbedenklichkeit im Gefahrenpotenzial auch nachhaltig und könnten mit Swissness punkten.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch