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Lidl gibt Spezialitäten eine Chance

Lidl lanciert ein neues Verkaufskonzept «Klein aber Fein» und sucht dafür Spezialitätenhersteller, mögen sie auch noch so klein sein. Damit sucht der Discounter auch Authentizität und noch mehr «Schweiz».

von Alimenta Import

Lidl sucht für das neue Verkaufskonzept kleine Spezialitätenhersteller.

Hans Peter Schneider. «Die Schweiz steckt voller Genuss». Davon ist Andreas Zufelde, Geschäftsführer Einkauf Lidl, überzeugt. Der Discounter sucht nun die besten Schweizer Spezialitätenhersteller und will ihnen Gelegenheit geben, sich und ihre Spezialität im Aktionskonzept «klein aber fein» einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen und in der gesamten Schweiz sichtbar zu werden. Dabei sollen die Produzenten unterstützt werden, indem Lidl die bisherigen Hürden für eine Listung im Detailhandel neu justiert. So wird es auch für kleine Produzenten mit begrenzten Produktionskapazitäten möglich zu liefern. «Eben: klein aber fein», so präsentiert Zufelde das Aktionskonzept mit gleichnamigem Slogan, für das sich die Produzenten bewerben können. Ab nächstem Jahr soll das neue Verkaufskonzept laufen, und zwar ohne dass die Lieferanten Listungsgebühren oder Marketingkampagnen mitfinanzieren müssen.

Mit Marke des Produzenten
«Ich kenne die Situation kleiner Produzenten», sagt Zufelde, der lange Jahre als Einkäufer bei Lidl tätig war. Viele Hersteller seien gar nicht in der Lage, an den Einzelhandel zu liefern. Sei es, weil sie die nachgefragte Menge nicht ganzjährig liefern können oder nicht in der Lage seien, extra Private-Label-Verpackungen zu produzieren. Deswegen biete Lidl nun die Möglichkeit, in der eigenen Verpackung unter der Marke des Produzenten aufzutreten. Auch werden die üblichen Verkaufsdisplays durch den Händler entwickelt und zur Verfügung gestellt. «Wir sind die ersten, die ein solches Konzept wagen und kleinen Betrieben eine Chance geben, ihre Spezialität in der ganzen Schweiz zu verkaufen». Zufelde verhehlt nicht, dass das Konzept nur dank der «noch» überschaubaren Anzahl von 102 Lidl-Filialen in der Schweiz überhaupt durchgeführt werden kann. Auch für den Transport ist gesorgt. Die Lieferanten müssen ihre Spezialitäten lediglich zu den Warenverteilzentren nach Weinfelden und Sévaz bringen. Ab dort wird die Feinverteilung durch Lidl übernommen.

Zu Handwerk Rechnung tragen
Und zu welchem Preis sollen die Spezialitäten überhaupt verkauft werden? Sicher sei, dass die Produkte nicht in den Preiseinstiegssegmenten verkauft werden könnten, sagt Zufelde. «Wir verfolgen eine marktgerechte, eigenständige und unabhängige Preispolitik und das Preis-/Leistungsverhältnis muss stimmen.» Dabei werde selbstverständlich den Spezialitäten und Ihrer oft handwerklichen Herstellung Rechnung getragen. Lidl sei sich seiner Verantwortung bewusst. «Zuallererst steht bei Lidl die Qualität der Produkte im Fokus», sagt Zufelde. «Wenn wir vom Projekt nicht überzeugt wären, würden wir es gar nicht erst beginnen.» So beantwortet Zufelde die Frage, ob Lidl hier nicht einfach einen Versuchsballon aufsteigen lasse, um zu prüfen, ob neue, eventuell noch preisgünstigere Produkte gesourct werden könnten. Im Gegenteil: «Es kann sich mehr als nur ein Aktionsgeschäft entwickeln.»

Die andere Rolle der Discounter in der Schweiz
Das Konzept mit authentischen Spezialitäten aus der Schweiz soll natürlich auch imagebildend sein. Schon seit Jahren wirbt der Händler mit viel Schweiz um die Gunst der Kunden und in seinen TV-Spots mit der gutschweizerischen Familie Hunziker oder dem Schwinger Christian Stucki. So hat der internationale Einzelhändler ein Gesicht erhalten, das zur Schweiz passt. Die Anpassung an Schweizer Verhältnisse ist für Detailhandelsexperten Thomas Hochreutener von GfK Switzerland offensichtlich. Die Situation, in welcher sich die Discounter in der Schweiz befinden, sei komplett anders als in anderen Ländern. «Hier spielt der Discounter oft schon die Nahversorgerrolle», so Hochreutener, der Konsument in der Schweiz suche das beste Preis-/Leistungsverhältnis und nicht nur den besten Preis. Dies habe mit der wirtschaftlichen Situation der Konsumenten zu tun.

Auch bei der Frische macht der Discounter keine Kompromisse. Zum Beispiel beim Brot oder bei Früchten und Gemüse, das zu einem grossen Teil aus der Schweiz stammt. «Wenn unser Brot nicht gut ist, zieht der Konsumenten daraus Rückschlüsse auf das übrige Sortiment», sagt Zufelde. Über 50 Prozent des Lebensmittel­umsatzes werde bereits heute mit Schweizer Produkten erzielt. «Die Discounter müssen gezwungenermassen auch Schweizer Produkte kaufen», kritisiert ein Schweizer Biscuitshersteller. Alles was mit hohen Einfuhrzöllen belegt sei, würden die Discounter aus dem Inland beziehen, den Rest aber aus dem «günstigen» Ausland. Frischprodukte sind aus der Schweiz, bei anderen Produkten gilt dies jedoch nicht: «Bei den Discountern wird kein einziges Zwieback aus der Schweiz verkauft», sagt der Biscuitshersteller resigniert.

Offen für jeden Händler

Trotzdem liefern schon jetzt viele Gewerbebetriebe an Lidl. Die Molkerei Forster in Herisau zum Beispiel habe klein angefangen und sei über die Jahre mit Lidl mitgewachsen, sagt Zufelde. Wie viele Hersteller und Unternehmen sich jetzt am neuen Konzept «klein aber fein» beteiligen werden, kann Zufelde nicht sagen.

«Wir haben noch keinen Discounter als Partner für die Regionalmarken unserer Produkte», sagt Jasmine Said Bucher, Vizepräsidentin des neu gegründeten Vereins «Schweizer Regionalprodukte» und Präsidentin von alpinavera. Bis jetzt habe nur die Migros die Richtlinien zertifiziert, doch persönlich ist Said Bucher offen, mit allen Händlern Gespräche aufzunehmen. Die beiden deutschen Discounter hätten schliesslich auch heute schon Schweizer Direktlieferanten. Es komme jedoch auf die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Konsumenten, die Liefersicherheit für die Produzenten und natürlich auf den Preis an, sagt Spezialitätenexpertin Said Bucher. Eine Anfrage eines Händlers werde unter allen Mitgliederorganisationen des Vereins diskutiert und ein Konsensentscheid gefällt.

Damit sich möglichst viele Unternehmen bewerben, hat Lidl die Website www.kleinaberfein-lidl.ch augeschaltet. Zufelde hofft, «dass viele Betriebe die Chance erkennen».
hanspeter.schneider@rubmedia.ch