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«Wir öffnen die Schleusen nicht»

Coops Frische-Chef Roland Frefel zur 20-Kilometer-Grenze für regionale Produkte von «Miini-Region», zum Baltic Beef, zu Einkaufstourismus und zu frischem Brot.

von Hans Peter Schneider

Roland Frefel: «Wir müssen die Konsumenten stärker mit unseren Leistungen davon überzeugen, nicht ins Ausland zu fahren».

alimenta: Im Jahre 2012 erlebte der Einkaufstourismus den ersten grossen Schub. Wie entwickelt er sich im 2016?
Durch die Frankenstärke wurde das Einkaufen ennet der Grenze nochmals attraktiver – trotz sinkender Preise in der Schweiz. Die Auslandeinkäufe nahmen im 2015 nochmals zu. Und auch im laufenden Jahr müssen wir die Konsumenten noch vermehrt mit unseren Leistungen davon überzeugen, nicht ins Ausland zu fahren.

Roland Frefel: Auch die Discounter geben mit Frischprodukten, zum Beispiel Aldi und Lidl bei Backwaren, ziemlich Gas. Wie begegnet Coop der Konkurrenz?
Fertigbacken in der Verkaufsstelle ist ein Trend, den in Europa der ganze Detailhandel aufgegriffen hat. Ofenfrisches, knuspriges Brot entspricht einem starken Kundenbedürfnis, deshalb haben wir schon vor Jahren begonnen, Brot direkt im Verkauf laufend frisch auszubacken.

Ist dies im Zusammenhang mit der neuen Fabrik in Schafisheim zu sehen?
Dank neuster Technologie in unserer Grossbäckerei Schafisheim werden wir noch bessere Qualität unserer Brot- und Backwaren haben. In Schafisheim werden dann vorwiegend Teiglinge produziert, die in der Verkaufsstellen direkt beim Konsumenten fertig ausgebacken werden.

Frischprodukte gelten als Frequenzbringer. Was heisst dies für Coop? Welches sind die neuesten erfolgreichen Produkte?
Frischprodukte sind enorm wichtig für das Einkaufserlebnis. Wir haben deshalb in den letzten Jahren stark in den Ausbau unseres Angebots, in die Präsentationsformen und auch in die Mitarbeiterschulung investiert. Es gibt einige aktuelle Beispiele von Produktelinien, die erfolgreich sind. Zum Beispiel «Ünique», unsere Früchte und Gemüse mit den einzigartigen Formen. Mengenmässig ist «Ünique» zwar ein kleines Pflänzchen, doch es wächst stetig und wir leisten damit einen Beitrag zur Nachhaltigkeit.

Die Produzenten haben daran nicht nur Freude. Manche kritisieren, bei «normalen» Produkten werde nicht die geringsten Abweichung von Kalibermassen akzeptiert.
Die ganzen Kaliberthemen überarbeiten wir auch laufend. Die Kaliber werden ausgeweitet. Dies kommt den Produzenten zu gute. Im ganzen Detailhandel sind wir hier oft zu restriktiv gewesen, heute muss nicht mehr jeder Apfel genau gleich gross sein oder gleich aussehen. Das akzeptieren und schätzen heute unsere Kunden.

Gibt es andere Beispiele?
Im Bereich Früchte & Gemüse haben wir schon lange die Linie Primagusto lanciert. Es ist ein Kundenbedürfnis, dass die Früchte nicht noch zu Hause nachreifen müssen, sondern just in time genussreif sind. Mit Primagusto kann der Konsument jederzeit ein genussreifes und kulinarisch hochstehendes Produkt im Laden kaufen. Damit legten wir im letzten Jahr um 20 Prozent zu.

Und dort haben Sie die Kosten im Griff?
Es ist eine Herausforderung an die Logistik, wo sicher auch mehr Kosten entstehen. Doch der Konsument hat für diese hochqualitativen Produkte auch eine gewisse Zahlungsbereitschaft.

Bei Fleischprodukten wollen Sie sich noch stärker aufs Tierwohl ausrichten. Heisst das, dass Coop, analog zu Migros, bei Importware auch die gleichen Standards wie in der Schweiz anwenden will?

Wir machen dies teilweise schon seit einiger Zeit. Gerade bei Geflügel, wo wir mit dem BTS-Standard noch weiter als die Konkurrenz gehen, wo zum Beispiel auch Wintergärten Pflicht sind. Mittelfristig wollen wir nichts mehr verkaufen, das nicht einem erhöhten Tierwohl-Standard entspricht. Die Spiesse sollen im Interesse der Tiere für die ausländische wie für die inländische Produktion gleich lang werden.

Wo sind denn Ihre Produzenten im Ausland?
Bei Truten sind diese in Deutschland, bei Poulets in Österreich. In beiden Ländern haben wir Verträge mit den Produzenten.

Können Sie bei den Nachhaltigkeitsleistungen zurückgreifen auf das von Bell übernommene Unternehmen Huber?
Das ist ein Unternehmen, mit dem wir schon vorher zusammengearbeitet haben. Seit mehreren Jahren erarbeiten wir zusammen intensiv an höheren Tierwohl-Standards.

Können Sie mit dem österreichischen Pouletproduzenten Huber den Markt Österreich jetzt noch besser bearbeiten?
Dies ist Sache von Bell. Wir profitieren im Schweizer Markt mit dem importierten Geflügel, weil wir den Bedarf nicht ausschliesslich mit Schweizer Poulet abdecken können. Das Angebot ist hierzulande leider zu gering.

Im Inland hat Coop das Projekt «Zweinutzungshuhn» entwickelt. Wie läuft es und können die Preise kostendeckend werden?

Es sind immer noch Pilotversuche, in welchen wir stecken und wir müssen lernen, was es alles dafür braucht. Aber das «Zweinutzungshuhn» ist nicht kostendeckend. Dennoch werden wir am Projekt festhalten und dieses Jahr mindestens einen weiteren Betrieb dazu nehmen.

Bei Fleisch ist Coop Marktführer mit Bell. Besteht hier eine besondere Verantwortung gegenüber den Produzenten?
Ja, durchaus, gerade wenn ich an unsere Eigenmarke Naturafarm denke. Dort haben wir seit vielen Jahren Lieferantenverträge für die gesicherte Abnahme der Mengen.

Bell übernimmt immer mehr Firmen im Ausland. Ist der Fleischexport mit dem Rohprodukt Fleisch aus der Schweiz kein Thema mehr?

Für meinen Produktbereich ist Bell für den Schweizer-Markt tätig. Für unsere Angebote, die im Bereich Frischfleisch für Coop im Schweizer Detailhandel verkaufen, arbeiten wir ausschliesslich mit Bell zusammen.

Coop baute zusammen mit Mutterkuh Schweiz das Projekt «Baltic Grassland Beef» auf. Jetzt stammen zum Beispiel die Trockensticks (Dry Beef) im Schweizer Coop-Regal von dort. Ist die Kritik der Bauern, dass Coop dieses Projekt zusammen mit Mutterkuh Schweiz aufgebaut hat, berechtigt?
Man muss schon sehen, über welche Mengen man hier in der Vermarktung redet. Das Projekt ist klar aufgezogen worden, um die südamerikanischen Importe aus Nachhaltigkeitsüberlegungen zu reduzieren und in ferner Zukunft eventuell sogar zu ersetzen.

Warum ist Coop bei «Miini Region» bei der Kilometer-Begrenzung im letzten Herbst wieder zurückgekrebst? Eigentlich sollte für die mit diesem Logo gekennzeichneten Produkte die 20-Kilometer-Grenze gelten.
Wir haben festgestellt, dass der 20-Kilometer-Radius die Kundenwahrnehmung zu wenig berücksichtigt. Eine Solothurner Torte beispielsweise ist weit herum bekannt und wird praktisch im ganzen Kanton als regional betrachtet. Die verkaufen wir entsprechend als «Miini Region»-Produkt. Andere Produkte werden nur in vier Verkaufsstellen verkauft.

Hätten wir strikte an der 20-Kilometer-Regelung festgehalten, hätten wir das Sortiment stark reduzieren müssen. Damit hätten wir den regionalen Produzenten keinen Gefallen getan. Das heisst aber nicht, dass wir die Schleusen öffnen und aus regionalen Produkten nationale machen. Die Definition, in welchen Verkaufsstellen ein Produkt als «Miini Region»-Produkt ausgelobt werden kann, erfolgt immer spezifisch für ein einzelnes Produkt oder für einen Produzenten. Dabei schenken die regionalen Sortimentsverantwortlichen der Kundenwahrnehmung grosse Beachtung.

Ein Spargelproduzent beklagte sich, dass er für «Miini Region» produziere und in Anbau- und Verarbeitungsmaschinen investiere – und Coop gleichzeitig Spargeln aus Übersee verkaufe. So werde das Label «Miini Region» zum reinen Marketinginstrument.
Diese Plattform steht nicht exklusiv für bestimmte Produktegruppen, sondern nur für Produkte, bei denen der Rohstoff aus der jeweiligen Region stammt. Aber es werden kaum regionale Spargeln und gleichzeitig aus Peru angeboten. Es geht auch darum, dass man dem Konsumenten eine bestimmte Auswahl anbieten kann. Letztendlich entscheidet der Konsument, welches Produkt er kauft.

Coop ist früh auf den Nachhaltigkeitszug aufgestiegen, zum Beispiel mit Fairtrade-Produkten von Max-Havelaar. Gibt es noch andere Labelorganisationen, oder ist MH das einzige, das für Coop in Frage kam?
Mit Max Havelaar sind wir vor bald 25 Jahren eine Zusammenarbeit eingegangen, die aber permanent überprüft und bestätigt wird. Die Max Havelaar-Stiftung ist im Bereich Fairtrade der richtige Partner für uns, weil uns der ganzheitliche, strenge Ansatz überzeugt.

Sie wollen gegen Food Waste vorgehen und kündeten vor fast einem Jahr an, dass auf 90 Prozent der Coop- Produkte bis Ende 2015 nur noch ein Verfallsdatum stehen würde. Ist diese Massnahme erfüllt?

Dies dauert bei gewissen Produktegruppen ein wenig länger. Doch das Ziel steht fest: Wir wollen dafür sorgen, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Aber auch mit Angeboten wie «Ünique» wird ein Beitrag geleistet, damit die ganze Ernte konsumiert wird. Oder mit unseren Kooperationen wie «Tischlein-deck-dich» und «Schweizer Tafel» sorgen wir dafür, dass einwandfreie Lebensmittel weiter verwendet anstatt weggeworfen werden.

Free From-Produkte sind ein Trend. Ist Coop hier frühzeitig aufgesprungen?
Wir haben die Linie vor mehr als 10 Jahren lanciert. Dort bleiben wir dran und wollen das Sortiment weiter stark ausbauen, denn die Nachfrage nimmt stetig zu. Mit den Produkten für Lebensmittelunverträglichkeiten konnten wir im 2015 bereits über 120 Millionen Franken umsetzen. Neu ist, dass es berechtigterweise auch vermehrt Markenartikel in diesem Segment gibt.

Bei Frischprodukten im Mopro-Bereich steht Ihr Mitbewerber besser da, mit den Milchverarbeitern Mifroma und Elsa, aber auch mit Spezialitätenproduzenten wie Schwyzer Milchhuus oder Bergsenn). Warum hat Coop in diesem Bereich eigentlich keine Verarbeiter?
Das war historisch nie der Fall. Was wir haben und auch bekannt ist, ist die enge Partnerschaft mit Emmi, die uns diesen Teil praktisch vollständig abdeckt.

Helfen Sie Ihren Lieferanten, Innovationen zu entwickeln?
Selbstverständlich sind wir mit allen Geschäftspartnern in engem Kontakt, um Eigenmarken zu entwickeln und unsere Kunden immer wieder mit neuen Innovationen zu überraschen.

Wieviel wird dort investiert?

Sehr viel. Mit Betty Bossy Food-Consulting haben wir einen eigenen Bereich, der sich mit der Neuheitenentwicklungen und mit dem Scouting zusammen mit unseren Spezialisten beschäftigt.
Interview: Hans Peter Schneider