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Bioprodukt-Verpackungen im Marketing-Dilemma

Verpackungen von Biolebensmitteln kollidieren immer öfter mit einer ökologisch kontraproduktiven Machart, die den Prioritäten von Marketingkonzepten gehorchen müssen: zu viel und unpassendes Material wird eingesetzt.

von aid

Auf die natürliche Bananenschale sind alle Verpackungsdesigner neidisch: sie ist ökologisch, praktisch im Handling und zeigt durch eine Farbänderung sogar den Reifegrad an.

Bei Bioprodukten waren ökologische Verpackungen bisher selbstverständlich. Doch mit wachsenden Marktanteilen konkurrieren Bioprodukte in den Regalen immer mehr mit konventionellen Premiumprodukten. Um die Aufmerksamkeit der Verbraucher zu erlangen, werden die Hüllen von Biokaffee und Co. grösser, aufwändiger und schriller.

So entdeckt die Ökodesignerin Martina Merz auf ihrem Rundgang auf der Biohandelsmesse Biofach negative Beispiele. «Wenn immer mehr und kleinere Chipstüten mit Alu bedampft werden und dann noch in Riesenkartons stecken, geht etwas schief. Das gilt auch für Chiasamen, die zwar aussen im Pappkarton stecken, aber innen portionsweise in Plastikhüllen verpackt sind.»

Die Konsumenten glaubten, dass alles was wie Packpapier aussehe besonders ökologisch sei. Doch das muss nicht sein. Viel wichtiger sei es, dass Verpackungen nicht aus Verbundmaterialien bestünden, sondern aus möglichst sauber trennbaren Einzelstoffen. Dieses «cradle to cradle» – von der Wiege bis zur Bahre – genannte Prinzip entscheidet, wie gut sich eine Verpackung recyceln lässt. Bei einer hohen Recyclingquote können auch sortenreine Kunststoffe auf Mineralölbasis ökologisch korrekt sein.

Nachhaltig zu verpacken, heisst auch, so wenig Verpackungsmaterial wie möglich zu verwenden: Dem Lebensmittel nur so viel Schutz zu geben wie lebensmittelrechtlich und für den Qualitätserhalt nötig. Dieser ökologische Minimalismus widerspricht den Kaufgewohnheiten der Verbraucher.

«Die Konsumenten setzen viel Verpackung mit viel Schutz und einem wertvollen Inhalt gleich. Je weniger Verpackung ein Produkt hat, desto weniger wertig wird es wahrgenommen. Ein schön gestalteter Schutzkarton in Packpapieroptik wirkt umweltfreundlicher als ein reiner Kunststoffbeutel. Obwohl es tatsächlich eine unnötige Zusatzverpackung ist», erläutert Merz.

Auch die neuen Biokunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind nur eingeschränkt zu empfehlen. «Die meisten Rohstoffe wie Mais stammen von Feldern, die wir für die Nahrungsmittelerzeugung benötigen. Hinzu kommt, dass die sogenannten kompostierbaren Biofolien meist nicht in der Komposttonne landen (dürfen), sondern im Restmüll oder im gelben Sack und dort die Recyclingqualität der normalen Kunststoffe verschlechtern», so Merz.

Demnach wäre die auf der Messe Biofach vorgestellte kompostierbare Kaffeekapsel aus Mais und Zuckerrohr kein wirklich grosser Fortschritt. «Doch bei aller Kritik bleibt festzustellen, dass vor allem die Biopioniere mit diesem Thema ringen, es aber fachlich extrem schwierig ist, die unterschiedlichen Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen», bilanziert Merz.

Ausserdem gibt es immer wieder nachhaltige Innovationen. So haben zwei Wissenschaftlerinnen der Universität Hohenheim im Labor aus Chicorée-Salat-Abfällen Hydroxymethylfurfural (HMF) gewonnen. Das ist ein Basisstoff in der Kunststoffindustrie, aus dem sich künftig beispielsweise Plastikflaschen herstellen liessen. Rund 800.000 Tonnen an Chicorée-Wurzelrüben fallen jährlich europaweit als Abfallprodukt an. Bisher werden sie nach der Ernte des Chicorée-Salats kompostiert oder in der Biogasanlage entsorgt.