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Schwierige Zeiten für Schweizer Zucker

Mit der Aufhebung der EU-Zuckerquote 2017 wird auch der Schweizer Zuckermarkt unter Druck kommen. Rübenpflanzer und Zuckerfabriken verlangen neue Zölle, Bund und Verarbeiter wollen davon nichts wissen.

von Roland Wyss-Aerni

Auf die Zuckerproduktion in der Schweiz kommen schwere Zeiten zu. (Bild: zVg)
Wenn die Rübenpflanzer aus der Produktion aussteigen, haben auch die Zuckerfabriken ein Problem. Protestaktion der Zuckerrübenproduzenten vom 9. September 2015 in Kirchberg BE. (Bild: zVg)
«Wir brauchen einen zusätzlichen Zoll von mindestens 50 Franken pro Tonne.» Guido Stäger, Direktor der Schweizer Zucker AG. (Bild: hps)

Für den Schweizer Zucker wird es eng. Die Preise für Zucker und für Zuckerrüben sinken seit Jahren (s. Kasten «Mengen schwanken, Preise sinken») und sind inzwischen auf einem Niveau, bei dem immer mehr Rübenbauern aus der Produktion aussteigen und auf andere Kulturen setzen. Und der grosse Donnerschlag, die Aufhebung der Zuckerquote in der EU, kommt erst noch. Ab 2017 werden die europäischen Zuckerfabriken frei produzieren können, die EU-Exporte werden ansteigen, auch und vor allem in die nahe Schweiz, weiterer Preisdruck wird enstehen.

Guido Stäger, der Direktor der Schweizer Zucker AG, ist deshalb besorgt. «Die Zuckerquote in der EU wird aufgehoben, der Zoll von 419 Euro pro Tonne Zucker bleibt aber», sagte er. Das werde zur Folge haben, dass EU-Zucker zu Tiefstpreisen auf den Schweizer Markt gelange. Das passiere schon heute, europäische Anbieter machten mit Dumpingangeboten der Schweizer Zucker AG das Leben schwer. Angesichts der Transportkosten sei es für EU-Anbieter günstiger, in die Schweiz zu exportieren als nach Osteuropa oder noch weiter östlich.
Höhere Zölle
Stäger will deshalb, dass die Schweiz ihren Grenzschutz anpasst. Bisher erhebt die Schweiz einen variablen Zoll, der die Differenz zwischen Weltmarktpreis und EU-Preis ausgleicht, das Schweizer Preisniveau ist durch das sogenannte Doppel-Null-Abkommen mit der EU an das EU-Niveau gekoppelt. Der variable Zoll liegt aktuell bei 80 Franken pro Kilogramm. «Zusätzlich braucht es einen Zoll von mindestens 50 Franken», sagt Stäger.
Doch beim Bund will man davon nichts wissen. Zwar hat auch Bundesrat Johann Schneider-Ammann im letzten Jahr die Zuckerfabrik Frauenfeld besucht und sich die Sorgen der Branche schildern lassen, doch neue Zölle sind mit ihm nicht zu haben. «Der Bundesrat erachtet eine Erhöhung des Grenzschutzes für die Zuckerbranche und für die Konkurrenzfähigkeit der Lebensmittelindustrie als ungünstig», sagt Pierre Schauenberg, Leiter Fachbereich Pflanzliche Produkte beim Bundesamt für Landwirtschaft BLW. Der Bundesrat favorisiere eine Stützung der Zuckerwirtschaft über höhere Direktzahlungen für Rübenflächen. Man müsse die Beurteilung der Wirtschaftlichkeit angesichts der volatilen Preise auch über mehrere Jahre hinweg machen, sagt Schauenberg. «Die beste Garantie für die Nachfrage nach inländischem Zucker sind auf ihren Absatzmärkten erfolgreiche Kunden der Schweizer Zucker AG.»

Swissness hilft nichts

Klar gegen neue Zölle sind auch die Zuckerabnehmer, etwa die Schokoladen- und Biskuitshersteller. Der bestehende Agrargrenzschutz schaffe schon genügend Probleme für die Verarbeiter, sagt Urs Furrer, Direktor von Chocosuisse und Biscosuisse. Insbesondere müsse man jetzt eine Nachfolgelösung für das Schoggigesetz finden und nicht schon wieder neue Probleme schaffen. «Der internationale Wettbewerbsdruck nimmt zu, der Produktionsstandort Schweiz muss dringend entlastet werden.» Eine weitere Verschlechterung der Rahmenbedingungen für die Verarbeiter hätten negative Folgen für die ganze Wertschöpfungskette.
Ebenfalls kein Thema ist ein Swissness-Zuschlag. Zucker ist – Fernsehwerbung und Suisse Garantie hin oder her – eine Commodity, bei der die Herkunft praktisch keine Rolle spielt. Die Abnehmer auf etwas zu verpflichten, ist deshalb chancenlos. Auch der «Schweizer Bauer» fragte eine Reihe von Schweizer Firmen an, die Antwort war praktisch immer die gleiche: Man setze zwar auf Schweizer Zucker, aber ein höherer Preis dafür wolle man nicht bezahlen. Es gebe zwar einzelne Kunden, die bereit seien, ein paar Rappen mehr zu bezahlen, sagt Stäger. Auch mit den Firmen, die unter der neuen Swissness-Gesetzgebung das Schweizer Kreuz einsetzen wollten, habe man konstruktive Gespräche. Aber insgesamt sei da nicht viel zu holen.

Auslasten mit deutschen Rüben

Doch für Stäger geht es nicht nur um etwas höhere oder tiefere Zuckerpreise, sondern ums Ganze – um Sein oder Nichtsein für die Zuckerfabriken. Wegen der schwachen Rübenernte 2015 liefen die Fabriken in Aarberg und Frauenfeld nur gerade 77 Tage, Anfang Dezember war die sogenannte Kampagne, während der Rüben angenommen und zu Zucker raffiniert werden, schon wieder vorbei. Und für dieses Jahr fehlen Stäger in Frauenfeld 6000 Tonnen Zucker. Viele Rübenpflanzer waren mit dem angebotenen Rüben-Grundpreis von 38 Franken pro Tonne nicht einverstanden und sind deshalb ausgestiegen. Einen Teil dieser Menge will Stäger nun durch Rüben aus Deutschland ersetzen. «Wenn wir eine höhere Auslastung haben, ist das für alle gut, auch für die Schweizer Pflanzer», betont er. Das Ziel sei, diese Rüben zu deutschen Preisen zu beschaffen. Mit dem daraus produzierten Zucker solle auch nicht der Schweizer Zucker konkurrenziert werden, sondern die Zuckerimporte. Ferner will Stäger auch in Aarberg mehr produzieren lassen. In der Westschweiz bleibt die Bereitschaft der Produzenten höher, Rüben anzupflanzen, aber der Transport von Rüben nach Frauenfeld ist teuer. «Wir müssen noch herausfinden, was die beste Verteilung ist», sagt Stäger. Man könne auch mit Früh- oder Spätlieferprämien die Kampagne noch verlängern.
Was wäre die radikalste Massnahme? Die Schliessung einer Fabrik? «Wenn die Auslastung gar nicht mehr stimmen würde, müsste man darüber nachdenken», sagt Stäger. Er stellt aber klar, dass damit zwar die Auslastung, nicht aber die Kostenstruktur verbessert werden könnte. Die teuren Transportkosten für Rüben würden bleiben. Und das Preisniveau werde weiterhin durch die Billigimporte der EU-Überschüsse bestimmt.
Die Zuckerbranche versucht nun, über politischen Druck ihre Ziele zu erreichen. Eine Motion und eine parlamentarische Initiative von Jean-Pierre Grin (SVP/VD) und Bauernverbandsdirektor Jacques Bourgeois (FDP/FR) verlangen vom Bund höhere Zölle für importierten Zucker.
roland.wyss@rubmedia.ch