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Elektromotoren auch bei Kleintransportern?

Die Nachfrage nach kleinen, wendigen Transportern nimmt in Europa rasant zu. Gewerbliche Betriebe suchen niedrige Betriebskosten, hohe Treibstoff-Effizienz und grosses Stauvolumen. Im 2016 wird der erste Vollelektro-Kleintransporter getestet.

von Guido Böhler / Erika Schumacher

Im Lieferverkehr von Stückgut durch Kleintransporter werden kaum aufwändig isolierte Fahrzeuge eingesetzt. Das geringe Transportvolumen ermöglicht eine Kühlung mit kleinen, über das Fahrzeugstromnetz oder mit Diesel betriebenen Aggregaten.

Im Transportgewerbe gehört Flexibilität zu den wichtigsten Kriterien. Nutzfahrzeuge werden daher häufig individuell gefertigt, nach Wünschen und Bedürfnissen der Unternehmer, allenfalls auch derer Stammkunden. Anders als im PW-Sektor setzt sich bei Transportfahrzeugen eine standardisierte Massenfertigung in Billiglohnländern nicht durch, zumal die Anschaffungskosten gerechnet auf die Laufzeit relativ niedrig sind. Jedes Nutzfahrzeug ist eine Kombination, bestehend aus dem eigentlichen Fahrzeug und einem Aufbau, der die zu transportierende Ware enthält. Das gilt auch für den Kühltransporter.

Die Hersteller der Fahrzeuge bzw. der Kühlaufbauten (Koffer, Kühlaggregat) haben indes wenig miteinander zu tun. «Es ist der Käufer, der sich ein ‹individuelles Paket› zusammenstellt», sagt Fabian Schmid, Kadermitglied des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands ASTAG und Redaktor der Verbandszeitschrift STR. So etwa die Rottal-Metzg AG im luzernischen Ruswil, die ihre Ware mit einem Leichtgewicht zum Kunden bringt: Der 18-Tönner aus dem Hause MAN gilt mit seinem niedrigen Leergewicht als Nutzlastchampion seiner Klasse. Der MAN TGM 18.340 4×2 LL der Rottal-Metzg ist mit Kühlkasten inkl. Unterflur-Kühlgerät ausgestattet. Wer wenig wiegt, kann viel aufladen.

Kühlwagen: Aufwändiger Betrieb

Im Fernverkehr werden für den Kühltransport überwiegend Sattel- und Lastzüge eingesetzt, in der Stadt und im Nahverkehr sind es oft Lkw oder Kleintransporter. Der Aufbau eines Kühltransporters ist isoliert, das Kühlaggregat hat fast immer sowohl eine Tiefkühl- wie auch eine Heizfunktion. Diese technischen Bestandteile gestalten den Betrieb eines Kühlwagens wesentlich aufwändiger als bei Transportern mit anderen geschlossenen Aufbauten. Zum Beispiel können selbst kleine Rangierschäden grosse Reparaturkosten verursachen. Auf Transportfahrten bringen feste Aufbauten weitere Nachteile mit sich. Um sie zu reduzieren, braucht es technisch ausgeklügelte Massnahmen, die jedoch teuer sind und die Nutzlast verringern können.

Im Lieferverkehr von Stückgut durch Kleintransporter werden indes kaum aufwändig isolierte Fahrzeuge eingesetzt. Das geringe Transportvolumen ermöglicht eine Kühlung mit kleinen, über das Fahrzeugstromnetz oder mit Diesel betriebenen Aggregaten. Zu weiteren technischen Besonderheiten im Kühltransport gehört der Temperaturschreiber. Die Temperaturen werden erfasst und gespeichert. Der Verlauf kann jederzeit an einem Display angezeigt oder auch ausgedruckt werden. Über Satellit (GPS) und entsprechende Flottensteuerungslösungen ist selbst eine digitale Temperaturüberwachung möglich. Sie dient der Qualitätssicherung: Unzulässige Temperaturschwankungen sind auch im Nachhinein festzustellen und können vermieden werden.

Umweltschonende Nutzfahrzeuge sind teurer

Gibt es Bestrebungen, Nutzfahrzeuge umweltschonender zu machen? Technisch ermöglichen dies gemäss Fabian Schmid «die gleichen Tricks und Kniffe wie bei Personenwagen: Hybridisierung, Plug-in/Range Extender, Downsizing mit Aufladung, Elektroantrieb, AGR- und SCR-Technik sowie alternative Treibstoffe wie Biogas, Bioethanol, Biodiesel oder Flüssiggas.» Alle Massnahmen bezwecken die Reduktion der Schadstoffe – vor allem der Stickoxide (NOx) und Partikel – und des Ausstosses von CO2. Schmid beobachtet jedoch, dass sich diese Techniken, vor allem der Einsatz alternativer Treibstoffe, bei den leichten Nutzfahrzeugen bislang viel weniger durchgesetzt habe als bei den Personenwagen. Aus einem einfachen Grund: «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt für die meisten Kunden nicht.

Das geflügelte Wort heisst «Total Cost of Ownership»

Der Kühlfahrzeug-Spezialist Coolingvans, nach eigenen Angaben der führende Anbieter von Kühlfahrzeugen auf dem Schweizer Markt, stellte an der Mefa 2015 ein neues leichtes Diesel-Kühlfahrzeug aus für entweder den TK- oder den 0 Grad-Bereich. Dieses «Vito» besitzt einen Unterflur-Kondensator d.h. keinen Aufbau. Die Ladekapazität beträgt 56 Metzgerkisten. Eine weitere Neuheit von Coolingvans ist der Aufbau Cooler Box2.0. Durch Optimierung von Gewicht und Luftwiderstand verspricht es verbesserte Aerodynamik, weniger Kraftstoffverbraucht und weniger Leergewicht bei ungeschmälerter Stabilität.

Strom statt Diesel

Coolingvans plant im 2016 einen Vollelektro-Kleintransporter von 3.5 Tonnen mit Kofferaufbau zu testen. Schwere Lastwagen mit Elektromotor sind bereits Realität.

Elektro-Lastwagen beschleunigen schneller als die meisten herkömmlichen LKW. Zwar sind sie in der Anschaffung teurer als dieselbetriebene Laster, dafür sind die Betriebskosten tiefer. Für Coop ist seit Januar 2014 ein elektrisch betriebener 18 Tönner in der Region Zürich unterwegs: Der E-Force One. Er nutzt Strom aus 100% Schweizer Wasserkraft, ist leise und verursacht keine CO2-Emmissionen. Das Chassis des Elektrolasters entspricht dem Typ Stralis der Firma Iveco, die elektrische Antriebsausrüstung wurde vom Schweizer Unternehmen E-Force AG entwickelt.

Die Reichweite des Fahrzeugs beträgt 240 km pro Tag, bei einer Leistung von 300 kW. Der Akku-Betrieb wird zusätzlich unterstützt von 18 Quadratmeter Photovoltaik-Elementen auf dem Fahrzeugdach. Diese Solaranlage erbringt zusammen mit der Energierückgewinnung 23 Prozent des Energiebedarfs des Fahrzeugs. Damit senkt sie den Energieverbrauch von 130 kWh pro 100 km auf noch 100 kWh pro 100 km. Ein vergleichbares Dieselfahrzeug verbraucht rund die dreifache Menge Energie. In Geld umgerechnet fällt die Einsparung noch deutlicher aus: Der E-Force One kostet im Verbrauch 10 Franken pro 100 km – bei einem Diesellaster sind es 50 Franken. Weitere Detailhändler zogen Mitte 2014 nach: Die Feldschlösschen Getränke AG setzte einen, Lidl Schweiz gleich zwei E-Force One in Betrieb.

Seit Mai 2015 beliefert auch Pistor seine Kunden mit dem Elektrolaster. Der Kühlwagen, unterwegs in der Stadt und Agglomeration Luzern, ist eine Besonderheit: Ein E-Force One kombiniert mit dem umweltschonenden CTH-Stickstoff-Kühlsystem (Cryo Trans Hybride) der Firma Carbagas – laut Pistor eine weltweite Einzigartigkeit. Der Elektroantrieb wird von einer Batterie gespiesen. Beim Bremsen wird die Energie in Form von Strom wieder gewonnen und in das Batteriesystem zurück gespeichert. Diese Ausrüstung mache das Fahrzeug für den Einsatz auf Strecken mit häufigem «stop and go» besonders interessant.