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Freihandelsabkommen: Die harte Realität

Freihandel wird unweigerlich kommen, ist Agrarökonom Matteo Aepli überzeugt. Die Schweizer Käsewirtschaft werde nicht untergehen, für die Fleischbranche werde es aber eng, sagte Aepli am Lieferantentag von L&D.

Matteo Aepli: «Früher konnte sich die Schweiz aus­suchen , ob sie an einem Abkommen mitmachen will».
Die Familie Gander vom Käseaffineur Lustenberger und Dürst am Lieferantentag.

Hans Peter Schneider. «Kaum ein Konsument kauft einen Laib Käse und isst ihn auch gleich noch». Mit diesen Worten verdeutlichte Richard Gander, Chef des Käseaffineurs Lustenberger & Dürst, überspitzt formuliert den Wandel in den Essgewohnheiten der Konsumenten. So habe die Zentralschweizer Firma nach ihrer Investition in die Vorverpackung vor 15 Jahren nur zwei Arten von Käse abgepackt, nämlich die kleinen und die grossen Portionen. Heute reiche die Palette der Verpackungsformate von Käse über jede erdenkliche Grösse und Angebotsform, sagte Gander am Lieferantentag vom 12. April im Chamer Lorzensaal. Nicht nur die Darreichungs- und Angebotsformen, auch die Käsesorten hätten sich vervielfacht. Im Detailhandel aber habe sich der Spielraum für Käse durch die Konzentration deutlich reduziert. «Die Entscheidungsträger werden weniger», so Gander. Heute könnten zudem nicht einfach nur Einzelprodukte verkauft werden, sondern es müssten ganze Categories angeboten werden. Zusammengefasst beschrieb Gander mit diesen Worten den Wandel, den seine Firma und der ganze Markt in den letzten 15 Jahren durchgemacht haben.

Die Stille trügt

Wandel wird auch in Zukunft nötig sein, wie Ganders Nachredner Matteo Aepli den Käsern klarmachte. «Nur weil es momentan ruhig ist, heisst dies noch lange nicht, dass nichts in Vorbereitung ist», so der ETH-Agrarökonom. Die Branche solle sich auf Freihandel vorbereiten. Denn anders als früher komme heute der Druck nicht mehr von einheimischen Politikern, sondern von aussen, von den grossen Wirtschaftsräumen, die gerade ihre Handelsströme liberalisieren würden, sagte Aepli. Im Gegensatz zu früheren Abkommen könne es sich die Schweiz nicht mehr aussuchen, ob sie mitmachen wolle und ob die Agrarwirtschaft dabei ausgeklammert werden könne. Denn heute bräuchten die Industrie und die Dienstleistungsbetriebe den Marktzugang noch dringender. Die Schweiz habe bei allen aktuellen grossen Abkommen Handlungsbedarf, sagte Aepli. So etwa beim TTP, das sich auf die Länder Südostasiens, Nord- und Südamerika erstreckt und über 40 Prozent des globalen Handels umfasst. Hier habe die Schweiz trotz unerwartet schnellem Verhandlungsabschlusses des TTP vorausschauend schon mit einigen Ländern ein bilaterales Abkommen abgeschlossen, wie mit Japan, China oder Hongkong. Mit Malaysia und Indonesien werde eines gesucht. Auch TTIP könne bald Realität werden. «US-Präsident Obama strebt den Abschluss noch in seiner Amtszeit an», sagte Aepli. «Da haben wir nur noch mitzumachen oder nicht – entscheiden tun die anderen». Mit allen politischen Diskussionen und Referendumsfristen könnte somit das Freihandelsabkommen inklusive Übergangsfristen Ende 2025 in Kraft treten.

Für die Fleischwirtschaft wird es eng

Für die EU liegen die sensiblen Bereiche jedoch eher beim Fleisch als bei der Milch. Auch die Schweiz habe dank dem Käsefreihandelsabkommen mit der EU in der Milchwirtschaft einen Vorteil gegenüber dem Fleisch. «Ein grosser Teil der Schweizer Fleischwirtschaftsbetriebe wird einen Freihandel mit den USA und der EU nicht überleben», sagte Aepli.
Aepli ist überzeugt, dasss ohne Käsefreihandel mit der EU vor bald zehn Jahren die Käsehandelsbilanz schlechter aussehen würde. Die Emmentalerexporte wären auch ohne Abkommen eingebrochen, dafür wären wohl die Exporte von Halbhartkäse nie in diesem Ausmass angestiegen. Die Schweizer Käsewirtschaft müsse längerfristig unbedingt neue Märkte ausserhalb der angestammten in der EU und den USA aufbauen. Die Bevölkerung in der EU wachse nicht mehr. Die Frage, wo die Märkte wachsen, sei schnell beantwortet, nämlich in Asien oder in Südamerika. Ein Teilnehmer fragte, warum Emmentaler in Australien zu exorbitant hohen Preisen verkauft werde. Wer da die Marge einstreiche? Richard Gander erklärte diese Preise mit den in vielen Märkten immer noch hohen Zöllen und den sich über mehrere Stufen erstreckenden Handelsstrukturen. So sei Schweizer Käse in Japan immer noch eine Nische in der Nische und die Käseportionen würden in Kleinstportionen zu Apothekerpreisen angeboten. Mit dem Freihandelsabkommen, das die Schweiz 2009 mit Japan abgeschlossen und mit dem die Zölle stetig sinken werden, sieht Gander einen Lichtblick.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch