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Milchmarkt-Krise als Chance

Der Milchmarkt ist geprägt von zu viel Milch und tiefen Preisen. Die Milchbranche plant mitten in der Krise mutig eine Zukunft mit offenen Grenzen und im Milchhandel enststeht eine neuer Riese.

von Roland Wyss

Die Milchbranche plant mitten in der Krise mutig eine Zukunft mit offenen Grenzen.
Stefan Kohler, Chef der BOM.

Im Milchmarkt herrscht die grosse Krise. Die Milchproduzenten liefern zu viel Milch ab, der Preis für Molkereimilch ist mit teilweise unter 50 Rappen pro Kilogramm auf Rekordtief. Die Butterlager, ein Fiebermesser im Milchmarkt, sind mit 7800 Tonnen auf Rekordhoch. Weil auch der Emmentaler in der Krise ist, wird viel Milch nicht verkäst, sondern fliesst zusätzlich in den Molkereikanal und sorgt für noch mehr Druck.
Doch von der Krise merkt man nicht viel. Früher gab es in solchen Situationen Bauerndemos und Blockaden, Pamphlete, Proteste und Pressemitteilungen. Heute weiss die Mehrheit der Bauern, dass das alles nichts mehr bringt. Bloss in der Romandie gibt es ein paar Unentwegte: Die Prolait, regionale Milchhändlerin in Produzentenhand, beschloss aus Protest, ihre Verbandsbeiträge für die Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten SMP zurückbehalten, bis diese konkrete Massnahmen treffe, um die Milchmenge einzuschränken.
Die SMP hat ihre Bauern zwar dazu aufgerufen, drei Prozent weniger Milch abzuliefern. Ansonsten aber hat – was die Prolait-Bauern nicht wahrhaben wollen – die früher mächtige SMP keine Handhabe mehr, die Mengen irgendwie zu steuern. Gemäss ihrem Direktor Kurt Nüesch lotet sie derzeit Möglichkeiten aus, um mit Bezug auf Artikel 13 des Landwirtschaftsgesetzes vom Bund Sofortmassnahmen zu verlangen. Dort steht: «Um Preiszusammenbrüche bei landwirtschaftlichen Produkten zu vermeiden, kann sich der Bund bei ausserordentlichen Entwicklungen an den Kosten befristeter Massnahmen zur Marktentlastung beteiligen.» Emmi bezahlt im März und April sogar pro Kilogramm, das weniger geliefert wird, einen Bonus von 10 Rappen. Welche Wirkung das hat, ist noch nicht klar. Die Mengen seien etwas geringer als im Vorjahr, heisst es bei Emmi. Ob sie auch tiefer seien als im Schweizer Durchschnitt, werde sich erst in einigen Wochen zeigen.
Ansonsten plant die Milchbranche mitten in der Krise ihre Zukunft. Die beiden Milchhändler Nordostmilch und MIBA gleisen ihre Fusion auf und gründen mit «mooh» einen neuen starken Player, der über eine Milchmenge von über 600 Mio. Kilogramm verfügt (s. Kasten). In der Branchenorganisation (BO) Milch, die lange von Grabenkämpfen zwischen Produzenten und Verarbeitern und Produzenten untereinander geprägt war, wird heute zusammengearbeitet. Mit dem Projekt «Milchmarkt 2015» soll bis Ende Jahr aufgezeigt werden, mit welchen Argumenten und Werten Schweizer Milch und Milchprodukte verkauft werden können, falls ab 2025 die Grenzen geöffnet sein sollten (s. Interview). BO Milch-Präsident Markus Zemp betonte an der Delegiertenversammlung der BO Milch vom 28. April in Bern die Wichtigkeit dieses Projekts und den Wert, den die Zusammenarbeit der gesamten Branche inklusive Detailhandel habe. In Österreich sei man neidisch darauf, dass in der Schweiz so etwas möglich sei.

Segmentierung hält die Preise hoch

Wichtigstes aktuelles Instrument der BO Milch ist die Segmentierung des Marktes. Die Milchpreise seien im 2015 in der EU noch viel stärker gesunken als in der Schweiz, sagte Stefan Kohler, Geschäftsführer der BO Milch in Bern. Die Preisdifferenz zur EU sei dank der Segmentierung mit 30 Rappen so gross wie nie. Das sei einerseits positiv und im Interesse der ganzen Wertschöpfungskette. Es zeige, dass eine gewisse Abkopplung des Schweizer Marktes möglich sei. Andererseits sei es im teilweise liberalisierten Milchmarkt mit immer mehr Einkaufstourismus auch eine Risikostrategie. Denn auch das ist ein Teil der aktuellen Krise: Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen vermehrt im Ausland ein. Sie konsumierten im letzten Jahr über zwei Prozent weniger Schweizer Milchprodukte – obwohl die Bevölkerung erneut um über ein Prozent gewachsen ist.
roland.wyss@rubmedia.ch