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«Ohne Segmentierung wäre der Milchpreis 5 bis 6 Rappen tiefer»

Markus Zemp, Präsident der Branchenorganisation Milch, erwartet von der Politik Unterstützung für die Milchbauern. Die naturnahe Milch­produktion sieht er als zentrales Verkaufsargument für die Zukunft.

von Roland Wyss

Markus Zemp, Präsident der BO Milch.

alimenta: Herr Zemp, wie schlimm ist die Krise im Milchmarkt?
Markus Zemp: Eine Krise gibt es vor allem bei den Molkereimilchproduzenten. Beim Käse ist es unterschiedlich – beim Emmentaler ist es auch eine Art Krise mit starker Einschränkung der Produktion, beim Gruyère wird zwar auch etwas eingeschränkt, aber die Preise sind gut. Bei der Molkereimilch ist der Milchpreis nun schon so lange so tief, dass es vielen Produzenten an die Substanz geht. Im Schweizer Kostenumfeld ist ein Milchpreis von unter 50 Rappen für die meisten nicht mehr kostendeckend. Ich gehe davon aus, dass der Strukturwandel mit Andauern der Krise noch grösser wird.Aber die Milchmenge wird deswegen nicht zurückgehen.

Die BO Milch betont die Wirkung der Segmentierung. Man wagt nicht, sich vorzustellen, was ohne Segmentierung wäre.
Dann wäre der Milchpreis wohl noch fünf bis sechs Rappen tiefer.

Was muss geschehen?
Damit sich die Lage verbessert, muss einerseits die Produktion zurückgehen. Jetzt, in der ohnehin milchstarken Zeit, gibt es Tage, wo es schwierig wird, die Milch irgendwo anzuliefern. Mit ein paar Prozent weniger würde sich die Lage etwas beruhigen. Richtig besser wird es erst, wenn sich die internationalen Märkte erholen. Dafür gibt es zwar erste Anzeichen, aber 2016 gibt es noch keine Trendwende.

Sie erwarten auch Lösungen von der Agrarpolitik.
Man müsste im Agrarbudget Korrekturen zugunsten der Milchproduzenten machen. Die SMP ist hier auch aktiv. Wir reden von Krisenmanagement, es braucht kurzfristig Geld. Sonst geht die Branche langsam kaputt. Vor allem, wenn 2017 die erhoffte Wende nicht kommen sollte.

Die BO Milch hat das Projekt «Milchmarkt 2025» lanciert. Was ist Ziel und Zweck davon?
Wir sind davon ausgegangen, dass wir bis 2025 offene Grenzen haben. Die Frage war: Wie müssen wir uns in der Zwischenzeit positionieren, damit wir nicht überschwemmt werden mit billiger Milch? Denn wir werden in der ganzen Wertschöpfungskette immer teurer sein als das Ausland. Man muss also analysieren, wie sich Schweizer Milch von europäischer Milch unterscheidet, welche Werte wichtig sind und welche man vermarkten kann. Da geht es um Produktsicherheit, um Qualität, um Natur, Tradition, starke Marken, Tierwohl und um raufutterbasierte Fütterung.

Und welcher dieser Punkte ist am wichtigsten?
Als zentral erachte ich die Natürlichkeit der Produktion. Die Fütterung mit Raufutter, die Tatsache, dass die Tiere auf der Weide sind, dass man sie sieht in einer intakten Landschaft. Wir wollen keine Normställe, in denen 2000 Kühe stehen, sondern eine Milchwirtschaft, die draussen stattfindet. Auch das Thema Rohmilchkäse müsste gefördert werden, das liefert ausser der Schweiz ja sonst fast niemand mehr. Sehr wichtig ist für mich GVO-Freiheit.

Besteht mit GVO-Freiheit nicht auch ein Risiko, dass man sich Kostensenkungen  verbaut?
Das ist möglich, aber ich glaube, für die kleine Schweiz wäre GVO-Freiheit eine gute Nische. Aber da muss man sauber evaluieren, ob man sich nicht allenfalls ins eigene Knie schiesst.

Beim Schoggigesetz muss die Milchbranche eine neue Lösung finden. Wie ist der aktuelle Stand?
Der Vorschlag einer Milchzulage für Molkereimilch ist auf dem Tisch. Da gibt es Konsens zwischen der Branche und dem Bund. Wenn das Geld an die Milchproduzenten verteilt ist, muss die Branchenorganisation Milch entscheiden, wo wie viel Geld eingezogen wird und nach welchen Mechanismen es ausbezahlt wird. Eine hochkarätige Arbeitsgruppe ist daran, diese Regeln zu diskutieren und festzulegen. An der Delegiertenversammlung 2017 soll über all das entschieden werden. Ab 1. Januar 2018 sollte der operative Start möglich sein.