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Dichtung und Wahrheit über Superfood

Superfood wäre nur gut auf der einsamen Insel und sonst?

von Guido Böhler

Fremde Propheten gelten mehr: Eier, Joghurt und Birchermüesli erfüllen zwar die Kriterien von Superfood, aber moderne Konsumenten gieren nach Exotischem wie Quinoa, Chia, Algen und Grüntee. Oder nach Urtümlichem wie Urdinkel. Der Megatrend heisst Superfood. Es geht um faszinierende Zutaten wie Chia- und Quinoa-Samen, Goji- und Açai-Beeren, Macawurzel, Moringablätter, Spirulinaalgen u.v.m. Die Medien überbieten sich mit Beiträgen über dieses Thema. Allerdings: Nicht seriöse Ernährungsexperten sondern Marketingstrategen propagieren diesen Begriff und verleihen ihn bestimmten Produkten. Er suggeriert, es gebe besonders gesunde Lebensmittel und unterschwellig auch, je mehr man davon esse umso besser.

Ja – es gibt wertvolle Lebensmittel, aber sind es wirklich die propagierten Superfoods? Man erinnere sich, dass Ernährungsexperten seit jeher betonen, es gebe nicht (un)gesunde Produkte sondern nur eine (un)gesunde Kost. Was zählt ist die qualitative und quantative Zusammensetzung unserer Kost, die bekanntermassen der Ernährungspyramide entsprechen sollte. Das wäre eine Superkost. Kann aber ein einzelnes Produkt super sein? Für einen spezifischen Bedarf ja. So decken zB schon nur zwei Orangen den Tagesbedarf an Vitamin C. Viele Lebensmittel haben einen hohen Gehalt an einem einzelnen Nährstoff. Aber wir benötigen viele unterschiedliche Nährstoffe.

Wahre Superfoods wachsen vor der Haustüre

Gibt es überhaupt perfekt zusammengesetzte Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte? Viele Lebensmittel haben einen Supergehalt bei gewissen Nährstoffen und einige wenige bei vielen. Diese dürfen als General-Superfoods gelten wie zB Eier, die alle Nährstoffe in hoher Dichte enthalten (ausser dem Vit.C). Die Marketingstrategen der Eier-Lobby hätten somit gute Argumente aber auch ein Dilemma: Das Cholesterin wurde lange verteufelt, obwohl zu unrecht, aber das Vorurteil ist kaum noch korrigierbar in den Köpfen der Konsumenten.

Auch die Fleisch- und Milchbranchen haben gute Karten. Die Health Claims-Verordnung erlaubt Aussagen wie «die Verdauung der im Produkt enthaltenen Lactose wird durch Lebendkulturen in Joghurt oder fermentierter Milch bei Personen, die Probleme mit der Lactoseverdauung haben, verbessert». Auch Olivenöl bietet echte Vorteile: «Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen». Und proteinreiches Trockenfleisch wird in der Schweiz produziert, man muss nicht proteinreiche Samen aus Übersee importieren. Die Zeitschrift Tabula vom April 2016 schreibt: «Açaibeeren enthalten viel Anthocyan aber Heidelbeeren und Holunder ebenfalls». Wann wehrt sich die Milchbranche und propagiert Heidelbeerjoghurt als Schweizer Superfood?

Abwechslung ist besser

Universal-Superfoods wären dann wichtig, wenn wir auf eine einsame Insel gingen und nur ein Lebensmittel mitnehmen dürften. Aber das ist ein akademisches Problem, und die propagierten Superfoods sind keineswegs universal: Hierzulande haben wir eine immense Vielfalt an nahrhaften Produkten und können uns jeden Luxus von Abwechlung leisten. Ausserdem sind normale Personen eher über- als unterernährt. Anders die Menschen in armen Ländern mit Hungersnöten, die sich oft von nur zwei oder drei Grundnahrungsmitteln einseitig ernähren müssen wie zB Reis oder Mais und sich kaum tierische leisten können, welche ernährungsphysiologisch günstiger zusammengesetzt wären. Für diese wären daher die meisten tierischen Lebensmittel Superfoods.

Beim Blick zurück ins Mittelalter muss man die in der Schweiz erstmals angebaute Kartoffel als Superfood bezeichnen: sie lieferte viel Protein und Energie, war gut lagerfähig und galt als Retter in Hungersnöten. Und Dinkel wird als Superfood dargestellt mit Hinweis auf die «Ernährungsexpertin» Hildegard von Bingen, eine Äbtissin, die vor 800 Jahren Dinkel als heilsbringendes Lebensmittel pries. Damals war die Situation der Volksernährung ganz anders als heute. Der höhere Proteingehalt des Dinkels verglichen mit Weizen ist heute kein Argument mehr, da Protein heute übervertreten ist in unserer Kost.

Auch bei uns gibt es Nischengruppen mit Ernährungsmängeln wie viele Betagte, die sich einseitig ernähren oder Veganer, die Vit.B12-Mangel riskieren ohne Einnahme von Präparaten, da dieses Vitamin in Pflanzen fehlt. Und es gibt Gruppen mit besonderen Bedürfnissen wie Bodybuilder (Proteine) oder Schwangere (Folsäure). Um zu entscheiden, was super und was nur eine Illusion ist, muss man also vorher den Bedarf klären. Wenn man Superfoods für Schweizer Normalverbraucher sucht, muss man nicht unbedingt nach Südamerika in die Ferne schweifen. Das Gute liegt nah in der Form von Eiern, Joghurt, Vollkornbrot, Birchermüesli. Wenn man einen Soll-Ist-Vergleich macht gilt immer noch, was Ernährungsexperten seit Langem sagen:

Wir essen zu viel, zu süss, zu fett, zu salzig und zuwenig Nahrgsfasern.

Gemäss dem Ernährungsbericht ist auch die durchschnittliche Zufuhr an Vit.D und Folsäure ungenügend aber zu Proteinzufuhr doppelt so hoch wie die Empfehlung. Ein auf hiesige Defizite massgeschneiderter Superfood wäre daher beispielsweise ein Vollkornsandwich mit einer folsäurehaltigen Gemüsefüllung und nicht ein exotisches Korn mit viel Protein, Vit.C und Mineralstoffen, von denen wir genug bzw zuviel haben.

Seit die Marketingstrategen, Gastronomen, Kochbuchverlage und Publikumsmedien den Begriff Superfood entdeckten und ihn systematisch ausnützen, gibt es Superillusionen. Das Hiesige und Echte wird links liegen gelassen, auch von vielen Konsumenten. Teures, Exotisches oder aber Urtümliches bis hin zu Steinzeit-Diätprodukten wird propagiert und gekauft. Kaum jemand sagt ehrlich, dass die Heilsversprechen der clever vermarkteten Superfoods Illusionen sind. Und kaum jemand will es hören.

Superfood ist kein geschützter Begriff, und «harte» Health claims sind zwar selten erlaubt und werden auch selten beantragt, weil sie nicht beweisbar sind. Aber «weiche» wirken genau so gut – Konsumenten wollen verführt sein. Soll eine seriöse Bäckerei einem Kunden, der Chiabrot verlangt, normales Vollkornbrot empfehlen mit dem Hinweis, es sei gesünder und günstiger? Wer schweigt, ist ein Philosoph, sagte ein römischer Gelehrter der Antike. Und ein guter Geschäftsmann. Aber wer unlautere Werbung macht, ist nicht mehr seriös.