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Intelligente Verpackung – mehr als nur Verpackung

Verpackungen werden immer mehr auch aktive Instrumente für mehr Haltbarkeit und intelligente Informationsträger zur Frische des Inhalts. Das zeigte die Impulsveranstaltung von Inno-Pack.Net in Märwil.

von Roland Wyss

Die Zukunft der Verpackung hat schon begonnen und sie ist mehr als nur die Zukunft der Verpackung. «Wir müssen Verpackung ganz neu denken», sagte Andrew Manley, Präsident der britischen Active and Intelligent Packaging Association AIPIA an der Veranstaltung «Anforderungen an intelligente und aktive Verpackungen» vom 24. Mai 2016 in Märwil. «Als Technologie, die viele Probleme lösen kann, auf Arten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.» Problembereiche und alte und neue Themen gibt es viele: Produktsicherheit, Fälschungssicherheit, Rechtssicherheit, Food Waste, Umweltthemen, neue Bezahlmethoden, Augmented Reality – immer geht es dabei auch um Verpackung.
Dabei sei es nicht eine bestimmte Technologie, die sich durchsetzen werde, vielmehr werde sich ein Zusammenspiel von technologischen Innovationen ergeben. Die Kooperation von Firmen und Forschung sei deshalb wichtig.
Manley zeigte sich beispielsweise überzeugt, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum irgendwann Geschichte sein wird: Die technische Entwicklung werde es ermöglichen, dass eine Verpackung direkt und zuverlässig anzeige, ob das Produkt noch geniessbar sei oder nicht. QR-Codes würden Packungsbeilagen bei Medikamenten ersetzen, RFID und printed electronics die Rückverfolgbarkeit und das Lagermanagement vereinfachen.

Migros: Weniger Verpackung

Die Zukunftsvision von Rico Menard, Verpackungsentwickler bei Micarna, ist eine andere: Eine Verpackung sollte vor allem zeigen, was drin ist, findet er. Studienergebnisse seien klar: Sichtbare, frische Produkte würden häufiger gekauft. Dank besserer Technik werde es künftig möglich sein, die nötigen Informationen für die Kunden direkt in guter Auflösung auf die Verpackung zu drucken, dazu ein Piktogramm, wie die Packung geöffnet werden kann – mehr brauche es nicht. Dass die Produktverpackungen den Inhalt irgendwann als geniessbar oder nicht mehr geniessbar analysieren und anzeigen können, glaubt er nicht. Man wolle «keine Produkte, die signalisieren, dass sie nicht sachgemäss behandelt wurden.» Ausserdem sei es zu komplex, für Tausende von zum Teil zusammengesetzten Produkten jeweils die korrekten Analyseparamenter zu definieren.
Wichtig werde selbstredend die Nachhaltigkeit, sagte Menard. Bei Micarna wurden jährlich 100 Tonnen Verpackungsmaterial eingespart, was zwei Prozent ausmacht. Dünnere Unterbahnfolien bei Packungen für geschnittene Biofleisch-Spezialitäten, kombiniert mit Papier, seien zwar weniger steif, aber nachhaltiger, als Teil des M-Generation-Programms der Migros.

Coop: «Easy to open»

Holger Narrog, Verpackungsspezialist bei Coop, erläuterte, wie Coop sich bei Thema Verpackung zu differenzieren versuche. Früher hätten die grossen Firmen bei der Verpackung einen Technologievorsprung gehabt, heute seien Standardverpackungen weltweit erhältlich. Coop differenziert sich unter anderem durch «easy to open»-Verpackungen, die angesichts einer alternden Gesellschaft wichtiger werden. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut und der Schulthess-Klinik führten die Coop-Töchter Bell, Hilcona und Sunray Studien mit Versuchspersonen durch. Ein Dilemma dabei: Je stärker eine Verpackung versiegelt ist, umso besser ist die Produktsicherheit, und umso schlechter ist der «easy to open»-Aspekt. Vorrang hat im Zweifelsfalls die Sicherheit. Konservendosen mit einem Öffnungshebel sorgten bei manchen Probanden für Frustration, weil die Kraft nicht ausreichte, um die Metalldeckel zu öffnen. Auf die Idee, dass auch diese Dosen normal und relativ leicht mit einem Dosenöffner geöffnet werden können, kamen viele Probanden allerdings nicht.
Ebenfalls mit Senioren und Verpackungen beschäftigt sich Andrea Liebmann vom Fraunhofer Institut. Ihre Studienergebnisse zeigen, dass 71 Prozent der älteren Konsumentinnen und Konsumenten «Mühe haben, eingeschweisste Verpackungen zu öffnen». 64 Prozent geben an, Verpackungen seien generell «schwer zu öffnen» und 55 Prozent «finden die Aufreisslasche nicht». Sie ergänzte mit der Information, dass in England, wo Unfallursachen in den Spitälern erhoben werden, jährlich 67 000 Menschen ins Spital kommen, weil sie sich beim Öffnen einer Verpackung – meist mit unsachgemässem Werkzeug – verletzt haben. Die Handkraft nimmt im Alter ab, sie ist bei 65-Jährigen im Schnitt etwa gleich gross wie bei 5-Jährigen. Das Grunddilemma zwischen Sicherheit und «easy to open» bleibt, ansonsten wären Vereinfachungen von Seiten der Hersteller laut Liebmann relativ einfach möglich: mit Aufreisslaschen auf beiden Seiten einer Packung und nicht nur auf der Linkshänder-Seite, eine genügend grosse Unterfolie, damit Daumen und Zeigefinder genügende Gegenhalt haben, oder bessere Anrisskonturen, die das Aufreissen erleichtern.

Es zählen wieder die Kosten

Über allem steht letztendlich die Wirtschaftlichkeit: Seit dem 15. Januar 2015 haben die Verpackungsminimierung und «easy to open» bei den Grossverteilern ihre Priorität als Differenzierungsmerkmale verloren, entscheidend sind wieder die Kosten (s. auch «Migros verärgert die Verpackungslieferanten», S. 40).
Trotzdem glaubt Micarna-Mann Ménard, dass sich künftig vieles bei den Verpackungen ändern wird. «Heute sind die Verpackungen zugekleistert mit Labels.» Etiketten würden aber langsam verschwinden. Verpackungen kosteten pro Kilogramm im Schnitt vier Franken, Etiketten vier mal mehr, sagte Menard. Künftig werde man jede Verpackung einzeln bedrucken können. «Etikettenhersteller, zieht euch warm an», sagte Menard deshalb.
Prof. Dr. Selçuk Yildirim von der ZHAW erläuterte, auf welchen Gebieten sein Team forscht. Ein Thema sind aktive Verpackungssysteme, die nebst einer Barriere zusätzlich aus einer aktiven Schicht mit antimikrobiellen Wirkstoffen betehen. Diese absorbieren CO2, Sauerstoff, Ethylen, Geruch oder Feuchtigkeit und verlängern die Haltbarkeit und Ansehnlichkeit des Produkts.
Die Frifag, die in Märwil fürs leibliche Wohl sorgte und für ihre «Natura Güggeli» bekannt ist, produziert als drittgrösster Geflügelverarbeiter 12 400 Tonnen Poulet und 1350 Tonnen Truten. Verpackung auf dem neuesten technologischen Stand, wie man sie bei Frifag findet, ist für Geflügelfleisch besonders wichtig. Die Frifag bietet bei den «Aus der Region»-Produkten für Migros die Rückverfolgbarkeit bis zum Pouletmäster zurück.
roland.wyss@rubmedia.ch