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Verpackungswirtschaft: Früher war nicht alles besser

Am Tag der Verpackung wurde viel über die eingeschränkte unternehmerische Freiheit gesprochen. Aber auch darüber, wie die Industrie den schwierigen Marktbedingungen in der Schweiz trotzen kann

von Hans Peter Schneider

SVI-Geschäftsführer, Andreas Zopfi.
Christian Wipf von der Wipf AG.
Christian Rauch vom Zukunftsinstitut.
Christoph Ganz von ABB.
Forscht zur Industrie 4.0, Dieter Fischer.
Guido Bardelli vom Kartonverpacker Bourquin.

«War früher alles besser?», fragte Andreas Zopfi, Geschäftsführer des Schweizerischen Verpackungsinstituts SVI am diesjährigen Tag der Verpackung oberhalb des Zürichsees im Hotel Belvoir in Rüschlikon. Zwar floriere die Wirtschaft. Wenn die Theorie stimme, dass die Wirtschaft zu 50 Prozent aus Psychologie bestehe, dann stelle sich die Frage, ob nun die Wirtschaft floriere, weil die Menschen positiv eingestellt seien oder ob diese so eingestellt seien, weil die Wirtschaft gut laufe. Die gesamte Verpackungswirtschaft habe zwar letztes Jahr um 15 Prozent wachsen können, fuhr Zopfi fort, dennoch sei der Rekordwert, den die Branche mit über sieben Milliarden Umsatz im Jahr 2008 erreicht habe, noch nicht erreicht. Grosse Veränderungen für die Branche gab es in diesem Zeitraum bei den Materialien, mit dem grossen Wechsel zum Kunststoff, der immer mehr eingesetzt wird und umsatzmässig um 42 Prozent gewachsen ist. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz laut Zopfi mit 55 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Kunststoffverpackungen, im Ausland liegt der Anteil nur bei etwas über 40 Prozent. Zopfi sieht diesen hohen Anteil in der grossen Kunststoff-Recylingquote der Schweiz mit (PET-Flaschen) begründet.

Bedenklich dünne Wände

Der Alu-Anteil im schweizerischen Verpackungsportfolio sinkt, von 370 Mio. Franken Umsatz im 2008 auf 360 Millionen im 2014. Dies könne mit der technologischen Entwicklung von Verpackungen zusammenhängen, welche permanent mit weniger Material, sprich dünneren Wänden ausgestattet würden, sagte Zopfi. Es frage sich aber, wie lange die technologische Entwicklung diesen Trend noch mitmachen könne, denn die Wände der Budgetverpackungen, nicht nur bei Alu, seien schon bedenklich dünn.
Dennoch, dass es früher einfach besser war, könne nicht gesagt werden. Zopfi verwies auf eine Ketchup-Flasche der Fünfziger Jahre, die von einer Frau nicht geöffnet werden konnte. Demgegenüber seien heute Verpackungen oft High-Tech-Produkte.
Deutlich besser war früher aber die wirtschaftliche Situation der Verpackungshersteller. Viele Unternehmen in der schweizerischen Verpackungsindustrie stünden heute in riesigem Druck des harschen Wirtschaftsfsumfeldes, sagte Zopfi, mit dem starken Franken als grossem Klotz am Fuss. Bei den Einkäufern zähle nur noch die Einsparung, «früher konnte man noch mit ihnen diskutieren.»

Ideen gefordert

Auch wenn praktisch nichts exportiert werde, könne die Sache mit der Währung nicht der Politik überlassen werden, sagte Guido Bardelli, der Präsident der Bourquin-Gruppe. Für sein Unternehmen, das mit Wellkarton geschäftet, würden Innovationen eine grosse Rolle spielen. Das Unternehmen hat seine Mitarbeiter aufgefordert, Ideen einzubringen. So sind laut Bardelli momentan 30 Ideen in der Pipeline, die zum Beispiel verbesserte Prozessinnovationen oder Materialzusammensetzungen betreffen, oder die Weiterentwicklung von Maschinen. Dabei gelte es für das Unternehmen, das «Innovations-Image auch nach aussen zu tragen.» Zusätzlich habe das Unternehmen alle Prozesse auf den Prüfstand gestellt. «Die Optimierung machte vor keinem Prozesse halt», sagte Bardelli. Der Erfolg liess nicht auf sich warten, so konnte bei Bourquin zum Beispiel die durchschnittliche Einrichtzeit der Stanzmaschinen von früher 38 auf heute 15 Minuten gesenkt werden. Dies habe natürlich Auswirkungen auf die Effizienz, so stünden letzlich die Maschinen pro Tag drei Stunden länger ohne Mehrkosten zur Verfügung. Einen Schlüssel zum Erfolg sieht Bardelli zudem in der Kooperation mit anderen Unternehmen, die über das Co-Packaging hinausgehen soll. Alle Massnahmen könnten jedoch nur mit guten Mitarbeitern realisiert werden. Hier wies Bardelli auf die Unterschiede zwischen der Schweiz und China hin, wohin er kürzlich gereist sei. Die Person der zweiten Hierarchiestufe gebe es in China nicht, sagte Bardelli. So sei ihm wieder bewusst geworden, wie gut die Situation in der Schweiz vor allem bezüglich der Ausbildung sei.

Mit Maut und Tunnelgebühren gegen Importflut

Bardelli forderte konkrete Schritte von der Politik. So erwartet er, dass der Treibstoffzuschlag nicht etwa um vier Rappen erhöht werde. Dies habe einfach zur Folge, dass die ausländischen Camionneure noch vor der Grenze zur Schweiz tanken würden und so die steigenden Importe von Kartonverpackungen weiter anschwellen lassen. Bei Karton seien die Transportkosten relativ hoch, so seien Transporte über 200 Kilometer nicht mehr konkurrenzfähig. Hier hätten nur vollbeladene LKW eine Chance. Früher sei er kein Fan der LSVA gewesen, heute müsse er jedoch sagen, dass diese den hohen Importraten entgegenwirke, sagte Bardelli. Sowieso könnte diese nur abgewehrt werden, wenn Tunnel- oder Mautgebühren auf einzelnen Strassen erhoben würden. Weiter forderte Bardelli von der Politik, dass sie die Industrie nicht weiter drangsaliere. «Ich rufe zur Revolte gegen den Formalismus auf», so Bardelli und: «Gebt der Industrie die verloren gegangene Freiheit wieder.

Digitalisierung gegen Import

Ein Rezept gegen die Verpackungsimportflut hatte Christian Wipf, Verwaltungsratspräsident der Wipf AG: Nämlich die Digitalisierung, die sich sein Unternehmen schon früh zum Steckenpferd gemacht habe. Denn bei der Auftragsabswicklung sei oft die Lieferbereitschaft massgebend. Wenn Wipf innert 24 Stunden liefern könne, so könnten dies zum Beispiel türkische Unternehmen nicht. Wipf mahnte, dass sich die Unternehmen unbedingt den Herausforderungen der Digitalisierung stellen sollten und wies auf das Beispiel des einstigen Konzerns Kodak, der den Trend zu Digitalkameras verpasst hätte, was das Aus bedeutet habe. Christian Wipf habe am Swiss Economic Forum in Interlaken, Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Botschaft mitgegeben, dass Programmierung künftig ein Schulfach werden sollte. Das Familienunternehmen Wipf als Hersteller von Verpackungsfolien steigerte seinen Exportanteil in den letzten zehn Jahren von 10 auf 75 Prozent und in nächster Zeit soll dieser auf über 80 Prozent steigen. Der Radius für den Export liegt laut Wipf bei 1000 Kilometern. Um diesen auszuschöpfen, brauche es Innovationen und vor allem viel Forschung und Entwicklungsarbeit, aber auch Investitionen in neue Maschinen.

Wird Verpackungsindustrie ausgelagert?

Eine Angst stand auch im Raum. Nämlich die Angst davor, dass die Zulieferindustrie der Verpackungsindustrie komplett abwandere. Für Kartonverpackungsproduktehersteller Bardelli ist es klar: Wenn die Zulieferer geht, dann geht auch die Verpackungsindustrie. Wipf sagte, sein Unternehmen habe letztes Jahr kurzfristig auf ausländische Lieferanten ausweichen müssen, weil zwei der drei Schweizer Lieferanten den Frankenschock nicht durchgestanden hätten. Doch bringe der günstigen Euro auch Vorteile. Man kaufe schon länger auf der ganzen «globalisierten Welt» ein. «In der Schweiz haben wir zum Beispiel schon lange keinen Alufolienhersteller mehr – damit muss man sich abfinden», sagte Wipf.
Auch Yngve Abrahamson von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) sagte, die Ausblutung der Schweizer Industrie gehe schon lange vor sich. Er zeigte sich aber überzeugt, dass der EU-Binnenmarkt verlässliche Möglichkeiten für die Industrie biete, wenn er richtig funktioniere. So sei es nicht nötig, dass die Zulieferer in der Schweiz liegen würden. Ein grosses Thema war in Rüschlikon der fehlende Nachwuchs für Industrie. Die Lehrstellen der Verpackungswirtschaft können nur mit grösster Mühe besetzt werden. Für Bardelli ist es auch wichtig, dass die Mitarbeiter permanent weitergebildet und so polyvalent eingesetzt werden könnten. Er meinte: «Es nützt nichts, wenn die Maschine steht wenn der Mitarbeiter krank ist». Die Verpackungsmaschinen sollen jedoch «smart» werden. Dies forderte Dieter Fischer vom Institute of Business Engineering FHNW. Die Verknüpfung von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen könne eine Chance für die Schweizer Industrie sein, sagte der Industrie-4.0-Spezialist. Für Christian Rauch vom Frankfurter Zukunftsinstitut haben die Megatrends von der Globalisierung, der Mobilität und der massiven Zunahme des Güterverkehrs, aber auch derjenige der Individualisierung, massive Auswirkungen auf die Verpackungen. Vor allem der Trend der Kreislaufwirtschaft, mit der Neo-Ökologie sei für die Branche herausfordernd. «Man kann sich streiten, ob nun mehr Plastikflaschen oder mehr Fische in den Ozeanen schwimmen, doch die Nachhaltigkeit ist ein Megatrend und die Verpackung muss sich in den Kreislauf einer regionalen Ökologie einfügen», sagte Rauch.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch