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«Das sind mafiöse Gebilde»

Lebensmittelfälschungen aller Art schädigen nicht nur die Hersteller der Originalprodukte, sie gefährden auch die Gesundheit der Konsumenten. Robert von Arx hilft Firmen, sich gegen Fälscher zu schützen

von Roland Wyss

«Lebensmittelfälscher sind international tätig und sehr straff organisiert», sagt der Fälschungsexperte Robert von Arx.

alimenta: Herr von Arx, vom Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 führten Interpol und Europol die «Operation Opson V» durch. Dabei wurden in 57 Staaten 10 000 Tonnen gefälschte oder gefährliche Lebensmittel gefunden. Darunter Zucker kontaminiert mit Dünger, mit Kupfersulfat gefärbte Oliven oder auch viele gefälschte Spirituosen. Das ist erschreckend.
Robert von Arx: Im Lebensmittelbereich gibt es in diversen Ländern eine höhere Nachfrage nach Lebensmittel und Pharmaka als die offiziellen Ressourcen bieten können. Für Lebensmittelfälscher ist das interessant, wenn sie mit wenig Aufwand die Lücke mit Fälschungen füllen und damit viel Geld verdienen können. Interpol und Europol führen solche Operationen regelmässig durch, im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die Operationen sind wichtig, auch um der Bevölkerung zu signalisieren, dass etwas getan wird.

In dieser Operation wurden viele gefälschte Produkte in Asien und Afrika gefunden. Sind vor allem diese Märkte betroffen?
Es gibt keine Märkte, die nicht betroffen sind. Alle Segmente, alle Produkte – deshalb kann grundsätzlich auch jede Firma mal betroffen sein. In Europa beispielsweise sind Pharma- und «Health Care»-Produkte für Fälscher sehr interessant. Da gibt es zwar Fälschungsrichtlinien der EU, die Firmen sind verpflichtet, so genannten «Tamper Evidence»-Lösungen umzusetzen, damit Verpackungen nicht unbemerkt geöffnet oder manipuliert werden können, oder damit eine Verpackung eindeutig identifizierbar ist. Die kriminellen Organisationen aber verfügen über Know-how, um Sicherheitssysteme zu kopieren und bringen gefälschte Produkte mit kopierten Sicherheitsmerkmalen auf den Markt. Auch im Kosmetikmarkt gibt es hohe Preise und Margen. Da werden zum Teil Produkte mit toxischen Substanzen angeboten, die gesundheitsgefährdend sein können: Body Care, Zahnpasta, Shampoo und anderes.

Kommen wir zurück auf die Lebensmittel. Was sind hier die schlimmsten Fälle?
In China hat man vor Jahren gemerkt, dass gefälschte Eier, Fische oder Fleisch auf dem Markt sind, für Konsumenten können solche Produkte lebensgefährlich sein. Nur durch gezielte Infiltration in die kriminellen Organisationen kommt man zu solchen Informationen. In China oder Indien ist die Nachfrage nach «richtigen» Lebensmitteln viel höher als das Angebot. Fälscher nutzen diese Lücke aus, deshalb erhalten die Konsumenten solche Fälscher-Ware auch im normalen Shop. Fälschungen beim Seafood werden künftig zum grossen Problem. Durch die sehr grosse Nachfrage wird Seafood generell teurer. Das offizielle Angebot deckt diese Nachfrage nicht. Dieser Markt ist sehr interessant für kriminelle Organisationen, welche die Lücke mit Fälschungen oder schmutziger Zucht abdecken.

Wie muss man sich diese kriminelle Organisationen vorstellen?
Man muss davon ausgehen, dass das mafiöse, über Grenzen hinweg organisierte Strukturen sind. Sie wollen so viele Produkte wie möglich herstellen wollen und nutzen ihre Fähigkeiten für den Marktzugang. Diese Organisationen schaffen es auch, eigene Leute an Anlässe zu bringen, wo es zum Beispiel um das Thema Anti-Counterfeit (Fälschungsbekämpfung) geht. So ziehen sie gleich mit dem Ausbau Ihres eigenen Know-hows. Man darf annehmen, dass diese Organisationen über grosse Geldmittel und Ressourcen verfügen. Es kann durchaus sein, dass sie ihre Zentralen an bester Lage in teuren Bürogebäuden haben. Je nach Marktsegment und Produktbereich stellen sie vielleicht Leute direkt ab Universität oder von Produktherstellern ein, welche in der Lage sind, eine gefälschte oder kopierte Produktentwicklung umzusetzen.

Wo sitzen die Drahtzieher von solchen Organisationen? in Russland?
Es gibt sicher Schwerpunkte, aber grundsätzlich sitzen sie überall. Sie sind international organisiert, flexibel und umgehen Steuern, Zölle und so weiter. In dem, was sie tun, sind sie so gut wie die legalen Unternehmen. In verschiedenen Regionen produzieren reguläre Hersteller für eine kriminelle Organisation auf den gleichen Maschinen genau die gleichen Produkte. Bei meinen Untersuchungen habe ich solche Fälle selber schon gesehen, etwa bei Luxus-Marken.

In welchen Bereichen wird am meisten gefälscht?
In Bezug auf Lebensmittel betrifft dies teure Getränke wie Whisky, Cognac, Wein, aber auch Fleisch, Fisch, den ganzen Pharmabereich und generell Markenprodukte. Der Pharmabereich steht unter strenger Regulierung der WHO. Es gibt klare Signale, dass der Foodbereich künftig auch strenger reguliert wird. Die Produzenten werden Systeme etablieren müssen, damit die Rückverfolgbarkeit gegeben ist und je nach Produkt überwacht wird, was auf dem Weg zum Kunden passiert.

Gibt es Anhaltspunkte, wie viel Geld mit Fälschungen verdient wird?
Es gibt Annahmen, dass der Counterfeit-Markt jährlich mindestens um 5 bis 10 Prozent wächst. Nimmt man verschiedene Quellen und Informationen zusammen, dann reichen die Schätzungen von über 600 Milliarden US-Dollar bis zu 1000 Mrd. Dollar, welche jährlich mit gefälschten Produkten umgesetzt werden. Was passiert etwa zwischen Russland und China? In den USA und Europa gibt es strenge Kontrollen, aber auch dort kann man nur schätzen.

Also auch ein grosser Markt für Fälschungsbekämpfung?
Gemäss einer Studie beträgt der Markt für Anti-Counterfeit-Lösungen weltweit rund 4 Milliarden US-Dollar pro Jahr, Tendenz steigend, mit den Regulierungen sowieso. Da gibt es mindestens 500 Anbieter, vom einfachen Hologramm-Hersteller bis zum Anbieter von komplexen Monitoring-Systemen.

Was bieten Sie mit SmartLink Ihren Kunden?
In den letzten 20 Jahren habe ich vor allem in Asien, aber auch in Europa und anderen Gebieten ein fundiertes Vertrauens-Netzwerk aufgebaut. In den meisten asiatischen Ländern habe ich eine oder mehrere Personen, meistens Unternehmer, denen ich vertrauen kann. Mit diesen kann ich offen und sicher Informationen austauschen. Das ist einer der wichtigsten Faktoren, um Schweizer Firmen zu helfen, in Asien Fuss zu fassen und neue Märkte aufzubauen. Schweizer Hersteller sind gut verankert in ihrem Marksegment und verfügen über gutes Know-how in ihrem Produktbereich. Dies birgt aber die Gefahr, dass sie eine Marktexpansion nach Asien unterschätzen. In vielen Fällen ist die expandierende Firma an die falschen Leute geraten, hat viel Geld und Zeit verloren, um sich schliesslich frustriert wieder zurückzuziehen. Jeder Rückzug hinterlässt Spuren, was einen Neu-Anlauf dann erschwert.

Dann kann ich als Hersteller zu ihnen kommen und sie finden mir einen Distributor?
Ja, ich kann versuchen, über meine Kontakte etwas zu erreichen. Grundsätzlich sind Nischenprodukte interessant oder eben Produkte, welche eine höhere Nachfrage haben als das Angebot hergibt wie hochqualitative Lebensmittel oder Bio-Lebensmittel. Meine praktischen Erfahrungen bietet eine gute Basis, um grundsätzlich alle Unternehmungen mit Expansionswünschen zu unterstützen. Gerade wenn es um die Expansion in neue Märkte geht, sollten Business Development und Anti-Counterfeit kombiniert betrachtet werden. Es ist einfacher, von Anfang an ein Monitoring System zu implementieren, als es nachher mit viel mehr Aufwand versuchen einzuführen. Vor allem mit dem Wissen, dass im Foodbereich weitere Vorschriften und Regulierungen kommen werden.

Wie gehen Sie vor, wenn eine Firma ihr Produkt vor Fälschung schützen will?
Zuerst geht es darum, zu verstehen, um was für Produkte es sich handelt und wie die Firma organisiert ist – international, mit Produktionsstandorten und Distributionskanälen. Anhand der Produktelinien wissen wir etwa, wo das Preisniveau liegt. Preise, Margen, Mengen und Volumennachfrage sind wichtige Indikatoren und interessant für Fälscher. Zum Beispiel: Bei einem Whisky für über 100 Franken die Flasche gibt es andere Möglichkeiten als bei Lebensmitteln, bei denen es um ein paar Franken geht. SmartLink analysiert die vorhandenen Informationen und erstellt dann einen ersten Vorschlag. Als zweiten Schritt empfehle ich immer einen Workshop mit den wichtigsten Beteiligten aus der Firma, um gemeinsam die kostengünstigste effektivste Lösung zu finden. Wenn Sie zu einem der Anbieter gehen, dann wird er ihnen auf jeden Fall seine Lösung als die beste anpreisen. Unser Vorteil ist, dass wir das neutral beurteilen. Je nach Ansatz habe ich Partner, die in spezifischen Bereichen sehr tiefes Know-how haben. Bei einem sehr teuren Produkt brauche ich vielleicht eine kombinierte Lösung.
Sobald ein Unternehmen Ressourcen in Anti-Counterfeit Lösungen investiert, möchten die Verantwortlichen messbare Resultate sehen. Dies ist nur möglich, wenn sie sichere, glaubwürdige, auswertbare und korrekte Informationen aus dem Markt zurückbekommen. Die vielen Daten müssen an einem zentralen Ort auswertbar sein in sogenannten «Dashboards». Nur dann besteht die Möglichkeit, Massnahmen zur Verbesserung durchzuführen.
Firmen, die international operieren, müssen sich organisatorisch und produkttechnisch ständig verbessern. Deshalb haben die meisten ein Continuous Improvement Programm implementiert. Bei vielen KMU fehlt dieser Ansatz. Eine Firma muss überwachen und wissen, was mit ihren Produkten passiert, zum Beispiel mit physischen Additives, RFID, IoT (Internet of Things)- Lösungen. Dies kann auf Batch-Level, im Container oder auf Produktebene sein, falls nötig mit kombinierter Kameraüberwachung. Eine sehr hohe Sicherheit bietet ein Monitoring System, das physische Werte misst und «real time» an einen zentralen Ort übermitteln kann. Messungen von Temperatur, Feuchtigkeit, Ort, Zeit und Distanzen können über Situationen online aus aller Welt informieren. Aber häufig geht es auch um organisatorische Verbesserungen, nicht um technische. Hologramme waren früher etwas Spezielles, heute kann eine kriminelle Organisation relativ rasch ein Hologramm kopieren. Sie verfügt über die gleichen Möglichkeiten wie der Originalhersteller. Häufig ist es dann auch für Profis schwierig, eine Kopie vom Original zu unterscheiden – vor allem, wenn die Kopie noch besser ist als das Original! Auch QR-Codes, Labels oder Seriennummern bieten nicht die gewünschte Sicherheit.

Wie schütze ich mich, wenn ich beispielsweise einen teuren Whisky herstelle?
Niemand kann Fälschungen verhindern! Das wichtigste ist, eine kontrollierte Supply Chain zu haben, das heisst, die eigenen Distributionskanäle kennen und kontrollieren. Als Konsument ist es so: Wenn Sie irgendwo in Asien einen Single-Malt Whisky trinken, dann müssen sie damit rechnen, dass er gefälscht ist. In Vietnam sind im Schnitt 60 bis 80 Prozent vieler Produktarten gefälscht. Wenn Sie einen Original Whisky wollen, sollten Sie in ein Fünf-Stern-Hotel einer internationalen Kette gehen. Diese haben meistens eine eigene kontrollierte Supply Chain. Möglicherweise gibt es auch in diesen Hotels Angestellte, die von einer Organisation dafür bezahlt werden, dass sie die Original-Whiskyflaschen sammeln und nach aussen abliefern. Die Fälscher bevorzugen solche Originale, um irgendeine billige Alkoholsubstanz abzufüllen. Mit zum Teil dem fast gleichen Marktpreis wie bei den Originalen wird dann eine hohe Marge eingefahren – auf Kosten des Konsumenten. Für mein praktisches Wissen habe ich selber in Vietnam solche Getränke getestet, da war sofort klar, dass es auf keinen Fall ein Original ist. Es wird zum Beispiel viel Whisky getrunken in Asien, aber die Leute wissen häufig gar nicht, wie das Original schmeckt.

Wie stehen Schweizer Firmen in Bezug auf Fälschungssicherheit da?
Für viele asiatische Firmen gilt Import aus der Schweiz als sicher. Sie gehen davon aus, dass eine Schweizer Firma zuverlässig liefert und akzeptiert in der Regel eine Vorauszahlung. Nach wie vor steht Swissness für hohe Qualität, Vertrauen, Integrität und Zuverlässigkeit. Aber wir müssen aufpassen, dass wir dieses Vertrauen nicht aufs Spiel setzten.

Wieso?
Mit hoher Qualität und mit Innovation wird es schwieriger, sich abzuheben, andere produzieren auch hohe Qualität und sind innovativ und sind dabei noch günstiger. Wir müssen dafür sorgen, dass das Vertrauen in die Schweizer Zuverlässigkeit erhalten bleibt. Aus meiner Sicht wird die exportortientierte Industrie in der Schweiz zu wenig unterstützt. Vor Ort sieht man, was andere Länder im Vergleich für ihre Unternehmen tun.
roland.wyss@rubmedia.ch